Neversoft bringt Schwung ins Western-Szenario. Action-Spiele in Science-Fiction- oder Weltkriegsszenarien gibt es mehr als einem lieb ist, der Wilde Westen wurde bisher aber recht selten als Schauplatz gewählt - und wenn, dann meist in eher durchschnittlichen Spielen. Die Entwickler von Neversoft (u.a. Tony Hawk) haben sich nun mit vollem Elan in die Welt von Cowboys, Indianern, Banditen und Sheriffs gestürzt - und dabei mit GUN ein wirklich respektables Wildwest-Abenteuer erschaffen.
Die Story von GUN ist gleichermaßen spannend und klischeegeladen: In der Rolle des jungen Colton White gilt es, im Montana des ausgehenden 19. Jahrhunderts einer Verschwörung auf die Spur zu kommen, den Tod des Vaters zu rächen, die Hintergründe der eigenen Geburt aufzuklären und so ganz nebenbei noch für Recht und Ordnung zu sorgen - Zeit also, ein Pferd zu besteigen und sich an die Arbeit zu machen.
GUN bietet einen Mix aus linearer Hauptgeschichte und zahlreichen kürzeren (und nicht zwingend zu absolvierenden) Nebenmissionen, in denen der Spieler relativ frei und ungebunden agieren kann. Und während in der eigentlichen Story vor allem der böse Obermotz und seine Kriminellenbande gejagt wird, gilt es in den anderen Aufgaben, Indianer zu schützen, dem Sheriff gegen Banditen zu helfen oder sich auf die Jagd nach steckbrieflich gesuchten Gangstern zu machen. Auch das Schürfen von Gold zum Aufbessern der Kasse ist möglich.
Apropos Aufbessern der Kasse: Es gibt in GUN ein recht ansehnliches Waffen- und Ausrüstungsarsenal, das natürlich einigermaßen korrekt die Zeitgeschichte widerspiegelt. Kleiner Colt oder große Schrotflinte, Dynamit, Tomahawk oder Pfeil und Bogen - mit der Zeit erwirbt der Spieler so ziemlich alles, was sich im Wilden Westen zum Ausschalten von Banditen eignete. Durch das Aufwerten der Fähigkeiten von White - was durch das Absolvieren von Nebenmissionen im Spielverlauf automatisch passiert - gelingt dann auch der Umgang mit den Schießprügeln und den Nahkampfwaffen immer besser, wobei Schießen und Zielen hier ohnehin kein allzu großes Problem darstellt. Das Spiel ist recht großzügig mit den Trefferzonen und greift mit einer halbautomatische Zielerfassung zusätzlich unter die Arme. In den Feuergefechten wird dann stellenweise übrigens auf Wunsch auch von der Third-Person- in die Ego-Perspektive umgeschaltet.
Unterhaltsam sind die Feuergefechte nichtsdestotrotz, da sie einerseits meist sehr schick in Szene gesetzt sind, aber auch einige Abwechslung bereithalten; so werden die Aufträge nicht nur zu Fuß erledigt, sondern es ist auch möglich, auf einem Pferd zu reiten und gleichzeitig zu kämpfen oder gar dem Kontrahenten das Pferd unterm Hintern wegzuschießen; auch ein kräftiger Tritt seitens des eigenen Reittieres kann im Gefecht recht hilfreich sein.
Hinsichtlich der Präsentation hat Neversoft das Meiste richtig gemacht: Die (englische) Sprachausgabe sorgt für tolle Wildwest-Atmosphäre, die Soundkulisse ist ebenfalls gelungen und auch die Grafik überzeugt über weite Strecken - die Charaktere etwa sind sehr gut animiert, die Prairie, die Städte und die Canyons hätten allerdings durchaus noch das eine oder andere Detail mehr vertragen; auch die Zwischensequenzen wirken manchmal etwas verwaschen. Ärgerlicher ist allerdings der recht geringe Spielumfang: Erfahrene Action-Spieler dürften kaum mehr als zehn Stunden benötigen, um GUN durchzuspielen.
GUN ist für PC, Xbox und PlayStation 2 im Handel erhältlich und hat eine USK-Freigabe ab 16 Jahren erhalten. PC- und Konsolenversionen sind inhaltlich praktisch identisch, allerdings verfügt die PC-Version natürlich über mehr Effekte und eine höhere Auflösung. Auf die bald folgende Xbox-360-Version von GUN konnte die Redaktion noch keinen Blick werfen.
Fazit: Würde die Story von GUN an manchen Stellen nicht etwas gehetzt und zu knapp wirken und gäbe es nicht das eine oder andere technische Manko - Neversoft hätte fraglos das beste Western-Abenteuer erschaffen, das es bisher auf PC und Konsole zu sehen gab. Aber auch so ist das Spiel mehr als nur einen Blick wert: Tolle Atmosphäre, das unverbrauchte Szenario und ein einfach zu handhabendes, abwechslungsreiches Gameplay lassen einen gerne über 100 Jahre in der Zeit zurückreisen.