Xbox 360 - Microsofts neue Konsole im Test

Auf den Hauptspeicher greift auch der mit 500 MHz getaktete Grafikchip von ATI zurück, in den aber zusätzlich 10 MByte Grafikspeicher integriert (Embedded DRAM) sind. Zum Vergleich: Die Speicherbandbreite des GDDR-RAM liegt bei 22,4 GByte/s, während das EDRAM des Grafikchips beeindruckende 256 GByte/s schafft. Der Systembus der Konsole soll 21,6 GByte Daten/s bewältigen können.
Damit soll die Xbox 360 sich auch nicht hinter der für 2006 erwarteten PlayStation 3 verstecken müssen, deren Nvidia-Grafikchip RSX mit 550 MHz etwas höher getaktet ist. Im Vergleich zu aktueller PC-Hardware spricht ATI von einer etwa doppelt so hohen Leistung, allein durch den Ansatz der einheitlichen Shader-Architektur. Die Leistung des Grafikchips gibt Microsoft mit 500 Millionen Polygonen pro Sekunde und 48 Milliarden Shader-Operationen pro Sekunde an. Darüber hinaus scheint der Grafikchip genügend Leistungsreserven zu haben, damit Microsoft sein Versprechen wahrmachen kann, dass jedes Xbox-360-Spiel mindestens für die HDTV-Auflösung 720p inklusive Kantenglättung optimiert ist.
Im Vergleich zur ersten Xbox fällt die Geräuschkulisse der Xbox 360 kein bisschen leiser aus, vielmehr scheint die neue Konsole beim Spielen noch lauter zu sein. Im Test übertönte die Xbox 360 die alte Konsole, die kaum noch zu hören war. An dem hohen Geräuschpegel ändert sich nichts, so lange ein Spiel im Laufwerk liegt. Leise wird das Gerät erst wieder, wenn ein anderes Medium, etwa eine Musik-CD, eingelegt wird. Während des Abspielens von Songs oder Filmen wird die Xbox 360 nämlich nicht lauter. Beim Einsatz als Audio-, Foto- und Video-Abspielgerät ist die Xbox 360 also glücklicherweise keine Lärmschleuder.
Im Bereich Multimedia geht die Xbox 360 weiter als die bisherigen Spielekonsolen: Sie kann Audio-CDs, selbst erstellte WMA-, MP3- und JPEG-Medien (CD-R/-RW, DVD-Medien) und Film-DVDs wiedergeben. Bei der DVD-Wiedergabe wird auch "progressive Scan" unterstützt. Zudem können selbst erstellte Film-DVDs wiedergegeben werden, das 12fach-DVD-ROM-Laufwerk der Xbox 360 versteht sich jedoch nicht auf DVD-RAMs. Unverständlicherweise hat sich Microsoft entschieden, keine WMV-HD-DVDs zu unterstützen, dabei wäre die Xbox 360 ein Mittel gewesen, das Microsoft-eigene Format auch abseits des PCs weiter voranzutreiben, nachdem es bisher nur wenige DVD-Player gibt, die sich auf die WMV-befüllten Standard-DVDs verstehen.
Wer einen Heimkino-PC mit Microsofts Windows XP Media Center Edition 2005 sein Eigen nennt, kann die Xbox 360 auch als Media Center Extender nutzen. Dazu kann die Konsole über die Ethernet-Anbindung ins Heimnetz Verbindung mit dem PC aufnehmen und auf diesem gespeicherte Audiodateien, Bilder und Fernsehsendungen wiedergeben. Im Test schlug allerdings die Verbindung fehl, denn es kam immer wieder zu Fehlern bei der Zuweisung der IP-Adresse, so dass sich das MCE-System und die Xbox 360 nicht fanden. Selbst das manuelle Einrichten des Netzwerks führte nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Ob das am verwendeten DSL-Router oder an einem anderen Problem lag, ließ sich bisher nicht feststellen.
Die Ethernet-Verbindung der Konsole ist allerdings vorrangig dazu da, um die Verbindung mit Microsofts Online-Spieleservice Xbox Live zu ermöglichen. WLAN beherrscht auch die neue Konsole nur mit einer optionalen WLAN-Erweiterung (802.11a/b/g), wobei - wie bei anderen Konsolen - jeder handelsübliche WLAN-Ethernet-Adapter genutzt werden kann.
Unproblematisch ist die Verbindung zwischen Konsole und Wireless-Controller, in wenigen Sekunden steht sozusagen die Leitung. Der in der Premium-Version der Konsole enthaltene Wireless Controller ist Microsoft dabei am besten gelungen. War der Vorgänger noch viel zu klobig, so liegt die jetzige Version weitaus besser in der Hand und ruft Erinnerungen an den Dreamcast-Controller hervor. Dank der ausgeprägten Ergonomie schmerzen die Hände auch nach stundenlangem Zocken keinen Moment.
Von den drei USB-2.0-Anschlüssen finden sich zwei unten auf der Vorder- und einer oben auf der Rückseite. Der Anschluss von USB-Datenträgern - etwa MP3-befüllte USB-Sticks - erfordert mitunter ein Verlängerungskabel, da die USB-Buchsen recht tief im Gehäuse liegen. Fingerspitzengefühl erfordert auch die oben auf das Gehäuse der Xbox 360 ansteckbare 20-GByte-Festplatte. Sie lässt sich zwar für den Transport wieder abnehmen, doch ganz so praktisch ist das nicht gelöst. Man drückt auf eine Plastiklasche, wodurch zwei kleine Steckscharniere aus ihren Halterungen gelöst werden, um dann den Datenträger herausnehmen zu können. Anfangs ist das ein Gefummel, doch Übung macht ja bekanntlich den Meister.
Besagte 20-GByte-Festplatte sorgte schon im Vorfeld für viel Diskussionsstoff, da sie nur der rund 400,- Euro kostenden Premium-Version der Xbox 360 beiliegt und ansonsten teuer hinzugekauft werden muss. Microsoft gab im Vorfeld zwar an, dass alle Xbox-360-Spiele auch ohne Festplatte laufen werden, doch einige Entwickler haben bereits angekündigt, dass ihre Spiele die Festplatte zwingend voraussetzen werden. Nicht alle Entwickler sind damit glücklich, dass Microsoft die Festplatte zur Option degradiert und nicht zur Voraussetzung gemacht hat.
Nur Xbox-Spiele, die von Microsoft überprüft und freigegeben wurden, können auf der Xbox 360 gespielt werden - von Hause aus sind dies nur "Halo: Combat Evolved" und "Halo 2". Legt man ein Spiel wie "Dead or Alive 3" oder "Ninja Gaiden" ins DVD-Laufwerk, erscheint eine Mitteilung, dass dieses nicht unterstützt werde: "Eine Aktualisierung zur Unterstützung dieses Spiels ist möglicherweise verfügbar. Weitere Informationen finden Sie unter www.xbox.com/games." Sonderlich aufbauend ist das nicht. Allerdings sollen zum Verkaufsstart bereits erste Updates zur Verfügung stehen und rund 150 Spiele unterstützt werden.
Doch letztendlich erwirbt man die Xbox 360 nicht, um alte Xbox-Titel zu spielen, sondern interessiert sich primär für die zum Start verfügbaren Xbox-360-Spiele. Ursprünglich strebte Microsoft die Zahl von rund 20 Spielen an, die zum europäischen Marktstart am 2. Dezember 2005 verfügbar sein sollten. Übrig geblieben sind davon 14 Stück, 15, wenn Segas düstere First-Person-Gewaltorgie Condemned eingerechnet wird, die Microsoft aber in Deutschland wegen der Indizierungsgefährdung des Spiels nicht sehen will . Verschoben wurden Dead or Alive, Ridge Racer 6 und alle THQ-Spiele für die neue Konsole. Rollenspiel-Fans bietet die Xbox 360 im Moment noch nichts, Elder Scrolls: Oblivion und das Online-Spiel Final Fantasy XI werden erst 2006 erscheinen.
Zu den wichtigsten Starttiteln für die Xbox 360 zählen zweifelsohne das Action-Adventure "Kameo: Elements of Power" sowie das Rennspiel "Project Gotham Racing 3" - beide von Microsoft.
Project Gotham Racing 3
Und konnte man sich vor dreieinhalb Jahren über die schmucke Grafik freuen, so darf man jetzt völlig aus dem Häuschen sein: Die jetzigen Lichteffekte in Echtzeit stellen alles bislang Gesehene in den Schatten - das natürlich nicht zuletzt wegen der höheren Auflösung. Doch so umwerfend die Optik mit ihrer flüssigen Bildrate auch ist, der echte Rennfan vermisst grundlegende Neuerungen, etwa in Form eines abwechslungsreichen "Dream Modus", wie es ihn in "Racing Evoluzione" gab. Stattdessen bildet lediglich ein 08/15-Karriere-Modus den Schwerpunkt von "Project Gotham Racing 3".
Rast der Bolide daraufhin gegen die Straßenabsperrung, so zucken die Zuschauer hinter der Absperrung sogar für einen kurzen Moment zusammen. Zusammenkommen sollen auch die Spieler: Wer bei Xbox Live angemeldet ist, kann sich mit dem Nachrichtentickerdienst "Gotham TV" über das aktuelle Online-Geschehen rund um das Produkt informieren. Solospieler toben sich hingegen über den Menüpunkt "Spielspaß" mit 60 Strecken aus fünf Ländern aus, womit sie wiederum fürs Internet trainieren, um dort mit maximal sieben anderen Spielern durch die Stadtstraßen zu düsen. Alle weiteren Soloveranstaltungen wie das Präsentieren des Fahrstils haben dagegen bloßen Übungscharakter.
"Project Gotham Racing 3" ist ein optischer Leckerbissen mit viel Onlinepotenzial, ganz so, wie es sich Microsoft von der Xbox-Live-Anbindung erhofft. Spieltechnisch hebt sich die Rennsimulation jedoch nicht von der Konkurrenz à la "Gran Turismo" ab, obgleich es sehr großen Spaß macht, zu klassischer Musik durchs nächtliche Tokio zu heizen.
Kameo: Elements of Power
Die Tatsache, dass aus Schwestern nicht unbedingt die allergrößten Freunde, sondern gar Feinde werden können, bildet den Ausgangspunkt für die Geschichte: Einst bekam das Mädchen Kameo von seiner königlichen Mutter die Fähigkeiten verliehen, sich in Elementarkrieger zu verwandeln, was Kameos ältere Schwester Kalus mit Argwohn betrachtete. Ja, es ging sogar so weit, dass Kalus' Neid in Arglist und Rache ausartete. Als Konsequenz aus dem Machtstreben erweckte sie den alten Konflikt zwischen Elfen und Trollen wieder zum Leben. Inmitten dieser Auseinandersetzung wird Kameos Familie von den Schergen des Trollkönigs Thorn entführt. Um sie zu befreien, macht sich die Heldin auf den Weg zu dessen Burg...
Da gibt es eine boxende Pflanze namens Kampfkraut, die sich unter anderem ganz klein machen und so unter Türen hindurchhuschen kann. Zum anderen lässt sich die Gestalt von Chilla annehmen, einem kampfwütigen Yeti mit Stacheln auf dem Rücken. Und zu guter Letzt steht General Schaden zur Wahl, der zwar aussieht wie ein niedlicher Nasenbär mit Panzer, jedoch wie eine Kugel auf Speed Abgründe überwinden und Gegner in Lavaströme befördern kann.
Kameo zeigt eindrucksvoll, welche Rechenleistung in der neuen Konsole steckt, obgleich es kleine Ruckler in manchen Zwischensequenzen gibt - etwas, das man auf der Xbox 360 eigentlich nicht erwarten sollte. Fast überall gibt es animierte Hintergründe und detaillierte Umgebungen zu bestaunen, etwa fliegende Drachen am Horizont oder ein Meer aus schwebenden Blütenpollen in einem Garten. Die Steuerung ist perfekt, die Befehle gehen einem schnell von den Fingern. Vor allem das Gameplay hält bei Laune.
Leider haben es Microsoft und Partner nicht geschafft, uns mehr als diese beiden Titel zur Verfügung zu stellen. Allerdings konnte Golem.de bereits auf Microsofts Branchenveranstaltung X05 in Amsterdam einen Blick auf die meisten Starttitel werfen. Zumindest vielversprechend wirkten dabei der von Microsoft/Rare entwickelte Shooter "Perfect Dark Zero" und Electronic Arts' hübsch aussehendes Karambolage-Rennspiel "Need for Speed: Most Wanted". Für hartgesottene Erwachsene ist zudem Segas Condemned einen Blick wert, da es mit einer recht vereinnahmenden unheimlichen Atmosphäre aufwartet.
Die vom PC her bekannten Shooter Call of Duty 2 (Activision) und Quake 4 (Activision) machten ebenfalls einen guten Eindruck, unterschieden sich allerdings von ihren PC-Vorbildern nur unwesentlich. Uninspiriert und grafisch wenig beeindruckend wirkten Electronic Arts' Xbox-360-Sportspiele "FIFA 06: Road to FIFA World Cup", "Madden NFL 06" und "NBA Live 06". Grafisch scheint sich EA hierbei wenig Mühe gemacht zu haben und übertrieb es mit einigen Effekten auch - die Basketballer im NBA-Spiel wirken dank der Glanzeffekte unfreiwillig wie Hautöl-Mannequins, dabei sollen sie nur verschwitzt aussehen.
Wirklich grafische Leckerbissen für die Xbox 360 werden erst 2006/2007 auf den Markt kommen, sobald die Entwickler mit der Hardware besser vertraut sind. Vor allem der Shooter Gears of War soll dann Maßstäbe setzen - und auch Halo 3 soll im Laufe des Jahres 2006 erscheinen. Halo und Halo 2 haben Microsofts erster Xbox viel Aufmerksamkeit verschafft und hohe Verkaufszahlen erreicht.
Microsoft hat auch für die Xbox 360 ambitionierte Ziele: Innerhalb der ersten 90 Tage will Microsoft weltweit rund drei Millionen Konsolen ausliefern, Ende 2006 sollen dann gut acht Millionen Geräte verkauft sein. Gefertigt werden die Geräte von Celestica, Flextronics und Wistron.
Fazit:
Wer die Xbox 360 als reine Videospielkonsole betrachtet, liegt falsch. Tatsächlich ist sie eine Multimediamaschine, im Grunde sogar ein verkappter PC, mit dem man fast alles machen kann, wobei die Kiste zur Textverarbeitung und Bildbearbeitung weniger geeignet ist. Für einen Preis von rund 300,- Euro (Core-System, Kabel-Controller) bis 400,- Euro (Premium-System, Funk-Controller, Festplatte) bekommt der Kunde also ein leistungsfähiges Unterhaltungsgerät. Ärgerlich für Spieler ist allerdings die Lautstärke, die es erforderlich macht, den Regler an der Stereoanlage höher zu drehen. Ob die Nachbarn vom satten Xbox-360-Sound auch begeistert sind, ist eine andere Frage.
Die Core-Version ermöglicht zwar einen günstigeren Einstieg, aber kostet den Spieler letztendlich mehr als die Premium-Version. Rechnet man die zum Spielstand-Speichern nötige 64-MByte-Microsoft-Speicherkarte ein, auf die man bei der festplattenbestückten Xbox 360 verzichten kann, ist der preisliche Abstand schon wieder kleiner. Kauft man später den Drahtlos-Controller, die Kabel für die HDTV-Ausgabe und eine Festplatte hinzu, liegt der Gesamtpreis letztlich deutlich über dem der Premium-Konsole.
Grandios wirkt auch die Grafik der ersten beiden getesteten Spiele "Kameo: Elements of Power" und "Project Gotham Racing 3". Beide hinterlassen mit ihrer Auflösung 720p (1.280 x 720) vor allem auf hochauflösenden Fernsehern einen guten Eindruck, auf alten Fernsehbildschirmen müssen zwar Abstriche hingenommen werden, das Bild ist aber auch hier ordentlich. Doch Grafik ist nicht alles: Nintendo-Chef Satoru Iwata hat Recht, wenn er sagt, dass gute Spiele nicht nur von ihrer Optik leben. Mehr als die übliche Daddelkost hat die Xbox 360 nämlich (noch) nicht zu bieten. Überhaupt scheint die Zeit für hochauflösende Konsolen, angesichts noch zu teurer und selten in europäischen Wohnzimmern anzutreffenden Fernsehgeräten mit dem HD-Ready-Standard, noch etwas früh zu sein.
Die Entscheidung, ob es die Xbox 360, Sonys PlayStation 3 oder Nintendos Revolution sein soll, wird auch mit der frühen Verfügbarkeit der Xbox 360 nicht leichter. Letztlich gilt der übliche Rat, die Kaufentscheidung vor allem von den Spielen abhängig zu machen. Und hier hat die Xbox 360 im Moment noch zu wenig zu bieten. [von Frank Magdans, Jens Ihlenfeld und Christian Klass]



