Sony BMG plant DRM-System XCP auch für Europa
Bislang hatte Sony BMG Vermutungen wiederholt dementiert, das DRM-System "XCP1 Burn Protect" auch nach Europa zu bringen. Nach einem Tagesschau-Artikel(öffnet im neuen Fenster) , der sich auf Aussagen von Sony BMG Europa bezieht, soll das System nun jedoch "im Laufe des nächsten Jahres" auf Musik-CDs installiert werden, die in Europa angeboten werden.
Der Europa-Chef von Sony BMG, Maarten Steinkamp, begründete den Schritt gegenüber der Tagesschau damit, dass der Konzern seinen Konsumenten ermöglichen wolle, private Kopien anzufertigen. Steinkamp betonte: "Es ist klar, dass wir in Europa nur Technologien einsetzen, die für den Käufer sicher und fehlerfrei sind." Damit widerspricht er allerdings den Einschätzungen von IT-Sicherheitsexperten. Auch zahlreiche Anbieter von Virenscannern stufen das von Sony BMG verbreitete DRM-System bereits als Schadsoftware ein.
Das DRM-System "XCP1 Burn Protect" installiert sich beim Einlegen einer Audio-CD automatisch auf Windows-Systemen ohne jegliche Rückfrage. Auf den betroffenen Musik-CDs von Sony BMG befindet sich nach Anwenderberichten auch eine DRM-Software für MacOS X, die sich allerdings wohl nicht als Rootkit installiert. Mit einer speziellen Windows-Software kann man dann per XCP drei Kopiervorgänge von den so geschützten CDs erzeugen und ebenfalls DRM-geschützte Musik-CDs brennen, die dann aber nicht weiterkopiert werden dürfen. Sony BMG versucht so nach eigenen Angaben, eine Balance zwischen Privatkopie und Kopierschutz zu finden.
Erst auf massiven Druck hin hatte Sony vor einiger Zeit einen Deinstaller herausgebracht, der die Software wieder vollständig vom PC tilgen soll. Ohne diese Hilfe lässt sich das DRM-System ansonsten selbst von Experten nur mit viel Mühe und Aufwand wieder vom System schmeißen. Diesen Deinstaller gibt es jedoch nach wie vor nur auf ausdrückliche Anfrage.
Entgegen allen Aussagen von Sicherheitsexperten und der Einschätzung von Antivirenherstellern beharren die XCP-Entwickler First 4 Internet und Sony BMG darauf, dass es kein Sicherheitsrisiko durch das DRM-System gebe. Allerdings ist - wie bereits berichtet - eine erster Wurm mit Backdoor-Funktionen aufgetaucht, der sich die DRM-Funktionen versucht zu Nutze zu machen. Nur ein Programmierfehler sorgte dafür, dass der Schädling nicht erwartungsgemäß arbeitete. Allerdings wurde bereits eine neue Version des Wurms gesichtet, die sich nun die Funktionen des XCP-Rootkit erfolgreich zu Nutze macht. Darüber hinaus setzen bereits andere Applikationen auf die DRM-Routinen, wie etwa Cheat-Programme für World of Warcraft .
Somit ergibt sich also durchaus ein zusätzliches Sicherheitsrisiko durch das DRM-System, auch wenn XCP-Entwickler First 4 Internet und Sony BMG das nicht wahrhaben wollen. Denn das DRM-System bietet anderen Dateien Unterschlupf, um sich mit dieser Hilfe vor Anwendern zu verstecken.
In den USA wurde bereits eine Klage wegen des DRM-Systems gegen Sony BMG eingereicht. Die Kläger mokieren sich darin darüber, dass die Software ihre Rechnersysteme infiziert habe und wollen erreichen, dass Sony BMG keine Musik-CDs mehr mit dem DRM-System in den USA anbietet. Außerdem sollen bereits Überlegungen zu weiteren Klagen laufen, so dass der Gegenwind für Sony BMG rasch zunehmen könnte. Auch Microsoft sieht sich in Zugzwang und überlegt , ob der Konzern wegen des DRM-Systems gegen Sony BMG vorgeht - noch wurde aber nichts entschieden. Microsoft sieht die Sicherheit seiner Kunden durch das DRM-System gefährdet. [von Andreas Donath und Ingo Pakalski]



