IMHO: Hallo Apple, willkommen in der Wirklichkeit!
Es ist noch keine zwei Wochen her, da stellte sich ein Intel-Sprecher in München vor die versammelte Journalistenschar und sagte mit einem breiten Grinsen: "Es gibt zwei Gerüchte, die immer wieder die Runde machen: Dass Apple auf Intel umsteigt, und dass Dell AMD-Prozessoren verbaut." Das war kein überzeugendes Dementi – und auch keine Bestätigung des Gerüchts durch den PR-Profi.
Dennoch pfiffen nicht nur die Spatzen, sondern auch die ausgewachsenen Falken von Wall Street Journal und CNet in den vergangenen Wochen immer lauter die Jubelmelodie von den Web- und Titelseiten: Hurra, Apple steigt endlich auf Intel-Prozessoren um! Dahinter steckt jedoch nicht nur die Häme darüber, dass Apple ein weiteres Element seiner Exklusivität verloren hat. Insgeheim darf sich jeder PC-Anwender freuen, bald auch MacOS und Photoshop in seiner Originalumgebung verwenden zu können – vielleicht sogar gleichzeitig mit Windows, wenn Intels Virtualisierungstechnologie "Vanderpool" das zulässt.
Denn was Apple jetzt dementiert, nämlich dass MacOS X bald auf jedem beliebigen PC laufen würde, wird ohne Zweifel passieren. Selbst wenn Apple das Betriebssystem mit irgendwelchen Zusatzchips oder Codierungen im System-ROM an die eigene Hardware dongelt – die Schar der PC-Programmierer, die so etwas entfernen können, ist einfach zu groß. Schon 1989 lief MacOS auf einem Amiga, der zwar den gleichen Prozessor hatte, aber dank Emulationssoftware auch den Rest des Mac nachbilden konnte.
Wie schwer Apple es den Hackern macht, dürfte entscheidend für den weiteren Erfolg der eigenen Hardware sein. Doch entscheidend für das Unternehmen Apple ist es nicht. Es lebt längst nicht mehr vom Mac, und schon gar nicht von iMac, PowerMac und PowerBook. Im vergangenen Quartal lieferte Apple gut eine Million Macs, aber 5,3 Millionen iPods aus – die Firma lebt längst von iPod und iTunes.
Der Absatz der PowerMacs ging dabei um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal zurück.
Dank der Musiksparte geht es Apple so gut wie nie zuvor, und so ist der Umstieg auf eine zukunftsträchtige Prozessor-Architektur genau jetzt möglich – denn er wird Apple nicht nur vor Probleme bei der Hardware stellen. Bei der Software ist die Situation noch viel kritischer. Zwar läuft schon das gesamte MacOS X, nicht nur der Darwin-Kern, auf einem PC, wie Jobs jetzt selbst demonstrierte. Aber die Vielzahl an Anwendungen, die für MacOS existiert, kennt nur PowerPCs – oder gar noch 68k-Code, der offiziell schon lange nicht mehr unterstützt wird. Doch gerade bei diesem Wechsel von 68k-Macs zu PowerMacs hat Apple gezeigt, dass es einen solchen Plattformwechsel bestehen kann. Die großen Softwarehersteller, allen voran Adobe, haben bereits weiterhin Support für PowerMacs und Intel-Macs versprochen. Die große Menge anderer, kleiner Softwarehäuser zu unterstützen, dürfte für Apple aber noch recht teuer werden.
Dass Apple genau jetzt wechselt, mag aber noch einen anderen Grund haben. Schon seit Jahren bietet Apple Dual-Prozessor-Maschinen an. Im High-End-Bereich sind diese schon seit über einem Jahr unter Mac-Anwendern unverzichtbar – weil ein einzelner PowerPC nicht mehr schnell genug ist. MacOS und seine Anwendungen sind also bestens auf die Dual-Core-Zukunft der PCs vorbereietet, was noch lange nicht für alle Windows-Anwendungen gilt. Den Erklärungsbedarf der niedrigeren Taktfrequenzen und zum Teil auch niedrigeren Leistung neuer Windows-PCs mit alter Software hat Apple also zunächst einmal nicht.
Den direkten Vergleich mit Windows-Plattformen muss sich Apple aber nun auch endlich gefallen lassen. Das Argument, der Mac sei eben "anders" und vor allem viel benutzerfreundlicher, gilt nun nicht mehr – zumindest wenn es um die Hardware geht. Jeder kann in Zukunft einen anderen Prozessor einbauen und nachmessen. Apples eigene Benchmarks(öffnet im neuen Fenster), die immer wieder zeigen sollten, dass der Mac trotz niedrigerem Takt schneller als ein PC ist, wurden in der IT-Branche oft nur noch belächelt. So nebenbei radiert Apple jetzt auch eine ganze Branche an Mac-Aufrüstern aus, die neue PowerPC-Prozessoren mit zum Teil aberwitzigen Adapter-Platinen in alte Macs pflanzten.
Die Wirklichkeit fängt für Apple da an, wo MacOS X und Windows auf der gleichen Hardware zeigen müssen, was sie können. Dass der PowerPC – Mitte der 90er-Jahre zumindest auf dem Papier eine echte Herausforderung für die x86-Architektur – im Endeffekt gescheitert ist, belegt Steve Jobs' Kritik an IBM. In seiner WWDC-Keynote bemängelte er, Big Blue habe nicht einmal die 3 GHz erreicht. Zwar gibt es – siehe Athlon64 und Pentium-M – auch Leistung ohne hohe Taktfrequenzen, doch ein hoher Takt macht auch das Marketing einfacher. Und das beherrscht Apple schon immer besser als ein Großteil der PC-Hersteller. Wie man aber den eingefleischten Mac-Anwendern, die stets auch um Exklusivität bemüht sind, in Zukunft noch die Preise eines PowerMac erklären soll, der auch nur ein PC ist – das wird Apples größte Herausforderung. [von Nico Ernst]
IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)
- Anzeige Hier geht es zum Apple iMac mit M3 Chip bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.



