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Spieletest: Resident Evil 4 - Geniales Horror-Meisterwerk

Survival-Horror-Spiel definiert ganzes Genre neu. Seit Monaten wird über Resident Evil 4 diskutiert – das neue Spiel in der legendären Survival-Horror-Reihe sollte dem Gamecube nicht nur das Image der Kinder-Konsole nehmen, sondern gleichzeitig auch frischen Wind in ein an Innovationen nicht gerade reiches Genre bringen. Das Ergebnis ist allerdings noch viel mehr – so erhält man unter anderem eines der atmosphärischsten Videospiele, die bisher entwickelt wurden.
/ Thorsten Wiesner
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Der Hauptcharakter von Resident Evil 4 ist kein Unbekannter: Leon S. Kennedy war unter anderem auch schon gegen die mysteriöse Umbrealla Corporation und ihre düsteren Machenschaften im Einsatz. Diesmal ist sein Auftrag allerdings ein ganz anderer: Die Tochter des US-Präsidenten wurde entführt – und vertraulichen Quellen zufolge soll sie in einem vom Spiel nicht näher benannten Dorf irgendwo in Europa gefangen gehalten werden. Kennedy macht sich also auf den Weg in die kleine Ortschaft – und wird gleich zu Beginn von mordlustigen Bewohnern empfangen, die nichts anderes im Kopf haben, als Kennedy mit Mistgabeln, Äxten, Brandsätzen oder sogar Kettensägen das Leben zu nehmen.

Resident Evil 4 unterscheidet sich optisch, spielerisch und hinsichtlich der Bedienung deutlich von allen bisherigen Titeln der Reihe. Das Gameplay ist deutlich action-orientierter, über weite Strecken spielt sich der Titel wie ein Shooter. Die Bedienung ist dabei denkbar einfach: Jede der im Spielverlauf erhältlichen Waffen wie Pistole, Gewehr, Automatik-Knarren oder gar Flammenwerfer wird im Menü einfach ausgewählt und kann danach durch eine Kombination aus Schultertaste, A-Knopf und Mini-Stick bedient werden.

Da jeder Schießprügel über einen Laser-Pointer verfügt, sind passgenaue Treffer mit ein wenig Übung kein Problem. Das ist auch bitter nötig, denn nicht nur die manischen Dorfbewohner, auch die später folgenden Mönche oder die zahlreichen bösartigen Kreaturen zeigen sich sehr hartnäckig; vom stupiden Verhalten der aus früheren Resident-Evil-Spielen bekannten Zombies trennen sie wirklich Welten.

Zwar suchen die meisten Kontrahenten ebenfalls keine Deckung, dafür gehen sie geschickt vor, weichen auch mal zurück, schleichen sich von hinten an oder stürzen sich urplötzlich im Rudel auf den Spieler – wer da nicht aufpasst, kann ganz schnell auch mal im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf verlieren. Apropos Kopf: natürlich sind Schüsse auf selbigen auch beim Gegner die effektivsten und sorgen zum Teil für drastische Splatter-Momente. Wer die meist knappe Munition sparen will, kann allerdings auch auf andere Köperteile zielen und die vorübergehende Handlungsunfähigkeit der Feinde nutzen, um auf sie zuzustürmen und sie mit einem beherzten Tritt ins Jenseits zu befördern.

Die ersten Spielstunden ist man noch alleine unterwegs. Hat man dann das gesuchte Mädchen gefunden, muss auch auf dieses aufgepasst werden – per einfachem Knopfdruck befiehlt man ihr, an geschützten Stellen zu warten oder einem zu folgen. Hinterlassen die feindlichen Angriffe doch mal schmerzhafte Spuren, stehen die bekannten Kräuter oder auch Eier bereit, um den Energiehaushalt wieder aufzubessern. Extras wie diese, aber auch Munition finden sich wieder über alle Level verstreut und können einfach aufgesammelt werden. In den Hütten im Wald, später aber auch in einem Schloss und an anderen düsteren und perfekt in Szene gesetzten Orten finden sich auch immer wieder Schränke, Gemälde und kleinere Räume, die sorgfältig nach nützlichen Gegenständen durchsucht werden sollten.

Neue Waffen lassen sich in allen Leveln bei immer wieder an festen Orten auftauchenden und äußerst mysteriösen Händlern kaufen. Diese Händler bieten zudem auch einen größeren Koffer an, der es ermöglicht, die Kapazität des eigenen Inventars zu erhöhen und so mehr Gewehre, aber auch Kräuter, Erste-Hilfe-Sprays und dergleichen mehr zu transportieren. Zudem sind die Händler auch in der Lage, die bereits vorhandenen Waffen gegen Entgelt aufzubessern – so können die Schussfrequenz oder auch die Munitions-Kapazität erhöht und die Nachladezeiten verringert werden. Das dafür benötigte Kleingeld findet sich ebenfalls an diversen Orten, aber auch erledigte Gegner hinterlassen immer wieder ein paar Münzen.

Bereits die "normalen" Gegner-Typen in RE4 sind eine Klasse für sich und begeistern immer wieder mit erschreckend realistischen Animationen und cleverem Verhalten. Ganz locker in den Schatten werden sie aber durch die zahlreichen End- und Zwischengegner gestellt – was einen hier etwa an Seeungeheuern, Riesen und Mutanten erwartet, stellt vieles in den Schatten, was es bisher in Videospielen an einfallsreichen Kontrahenten zu sehen gab.

Resident-Evil-Freunde früherer Tage könnten sich eventuell über den zurückgefahrenen Rätsel-Anteil beklagen; ein paar Kopfnüsse sind zwar zu knacken, diese Puzzle-, Symbol- oder Laser-Rätsel dürften aber kaum jemanden überfordern – der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Action. Hier wird aber für viel Abwechslung gesorgt – da wird nicht nur geballert, sondern immer wieder ist auch ein geschicktes und schnelles Reagieren gefragt – etwa, wenn wilde Dorfbewohner einen riesigen Fels losschleudern und nur durch schnelles Drücken des A-Knopfes und anschließendes Ausweichen per Schultertaste ein Überleben möglich ist.

Ohnehin ist es eine der ganz großen Stärken von Resident Evil 4, für kontinuierliche Action zu sorgen – Verschnaufpausen gibt es nur ganz wenige. Selbst in Zwischensequenzen sollte man das Pad niemals aus der Hand legen – immer wieder passiert es, dass eine der zahlreichen, filmreifen Sequenzen direkt in ein Gefecht oder eine Flucht-Passage übergeht. Herrlich gemein ist an diesen Momenten, dass die Entwickler den Schwierigkeitsgrad durch wechselnde Knopf-Belegungen erhöht haben: So kann es passieren, dass man wegrennt und urplötzlich der A-Knopf aufleuchtet, den man zum Ausweichen drücken muss. Schafft man dies nicht rechtzeitig und verliert ein Leben, kann beim zweiten Versuch dann ein ganz anderer Knopf angezeigt werden – hier kommt nicht so schnell Routine auf.

Resident Evil 4 gibt einem so das Gefühl, beständig gehetzt, verfolgt und beobachtet zu werden; immer wieder brüllt plötzlich ein wilder Dorfbewohner, im nächsten Moment hat sich ein Kontrahent leise von hinten angeschlichen oder das Aufheulen einer Kettensäge sorgt für Adrenalin-Schübe. Die Story, die nicht nur in fantastischen Zwischensequenzen, sondern auch durch ab und zu verstreute Tagebuch-Notizen vorangetrieben wird, mag vielleicht nicht ganz so komplex sein wie bei anderen Titeln, ungemein spannend ist sie trotzdem – das beständige Anfüttern mit Informationen lässt einen förmlich nach den nächsten Infos gieren.

Auch beim Schwierigkeitsgrad haben die Entwickler eine nahezu perfekte Balance gefunden: das Spiel wird im Verlauf zwar immer schwieriger, allerdings passt es sich dem Verhalten und dem zunehmenden Können des Spielers an. Einige Bildschirmtode sind natürlich trotzdem unvermeidlich. Durch fair verteilte Schreibmaschinen, an denen – und zwar ohne die aus früheren Teilen bekannten Farbbänder – so oft man will, gespeichert werden darf, müssen allerdings kaum größere Abschnitte wiederholt werden.

Allein in punkto Atmosphäre und Spannung setzt Resident Evil 4 bereits Maßstäbe, was der Titel optisch bietet, ist allerdings nahezu unglaublich – der Titel ist nicht nur das bis dato schönste Gamecube-Spiel, sondern über weite Strecken das grafisch beeindruckendste Konsolen-Spiel überhaupt, was einmal mehr beweist, dass nicht so sehr die technischen Daten einer Konsole, sondern die Fähigkeiten der Entwickler, diese optimal zu nutzen, über die Klasse eines Spiels entscheiden.

Die Szenerien, Charaktere und Animationen sind sehr detailliert, stimmungsvoll eingefangen und mit unzähligen liebevollen Details förmlich übersät; die Effekte wie etwa Feuer und Explosionen sind stellenweise schlicht atemberaubend, die Mimik der Kontrahenten ist immer wieder Furcht einflößend. Einzig ein paar Clipping-Fehler trüben das Bild – bei einer solchen Pracht nimmt man die allerdings kaum zur Kenntnis. Der Sound steht dem – wie bereits angesprochen – kaum nach: Stimmungsvolle Musik, düsteres Murmeln und wilde Schreie sind nichts für schwache Nerven und ein Garant für unzählige Schockmomente.

Für das Durchspielen von Resident Evil 4 braucht man etwa 20 bis 25 Stunden. Die anfänglich angekündigten Bonus-Level, die nach dem ersten Durchspielen freigeschaltet werden sollten, fehlen in der deutschen Version leider – sie fielen der Kontrolle durch die USK zum Opfer. Das Spiel ist trotzdem erst ab 18 Jahren freigegeben – angesichts der teils schon recht drastischen Splatter-Momente verständlich. Ansonsten ist die deutsche Version übrigens ungeschnitten und deutsch sind auch nur die Untertitel – die eigentliche Spielsprache bleibt Englisch.

Resident Evil 4 ist derzeit exklusiv für Nintendos Gamecube erhältlich und wird – untypisch für ein Konsolen-Spiel – auf zwei Discs ausgeliefert.

Fazit:
Resident Evil 4 ist nicht mehr und nicht weniger als die Krönung des Survival-Horror-Genres – kaum ein anderes Spiel kann mit einer derart fesselnden und oft beängstigenden Atmosphäre, solch traumhafter Grafik und einem beständig abwechslungsreich bleibenden Gameplay aufwarten. Sicher, prinzipiell ist das Spiel eigentlich nur ein Shooter mit Adventure-Elementen – aber wohl der beste, den man derzeit für sein Geld erwerben kann. Volljährige Spieler mit einem Faible für Schock- und Grusel-Momente sollten schleunigst dieses Spiel kaufen, das Zimmer abdunkeln und jede einzelne Minute genießen – wer Resident Evil 4 nicht spielt, verpasst eine der größten Perlen der Videospielgeschichte.


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