Siemens realisiert ortsgebundene Handy-Botschaften
Die Siemens-Spezialisten um Dieter Kolb haben Computerprogramme entwickelt, die Mobilfunkbotschaften bestimmten Orten zuordnen. Per Handy kann der Nutzer an einem beliebigen geographischen Punkt eine Nachricht hinterlassen: das so genannte Digital Graffito, das eine Art SMS ist, die an einem Ort haften bleibt. Erreicht der Empfänger den definierten Punkt, erscheint die Nachricht auf seinem Display. Anders als die klassische SMS wandert die Nachricht also nicht einfach zum Adressaten, sondern erreicht diesen nur dann, wenn dieser den für das Digital Graffito definierten Umkreis betritt.
Ein weiterer Unterschied zur normalen SMS: Die Nachricht kann bei Bedarf nicht nur von einer Person, sondern von mehreren Mobilfunknutzern empfangen werden. Neben der privaten Kommunikation und für Verabredungen lassen sich darüber auch ortsgebundene Angebote oder Werbenachrichten übermitteln. Ferner könnte diese Funktion für den touristischen Fremdenverkehr attraktiv sein, um Erläuterungen zu Sehenswürdigkeiten an dem betreffenden Ort zu hinterlegen. Das Londoner Projekt Urban Tapestries hat ähnliche Funktionen bereits vor mehreren Monaten erprobt.
Als mögliche Einsatzmöglichkeiten sieht Siemens, dass man sich etwa mit seinen Bekannten zum Bummeln in der Stadt verabredet und unterwegs einfach ein Digital Graffito am verabredeten Treffpunkt hinterlässt: "Schaue mir schon ein paar Film-DVDs im Kaufhaus gegenüber an, kommt doch nach." Wer seinen Freunden per SMS dieselbe Botschaft übermitteln wollte, müsste jedem eine eigene Nachricht schicken, was nach Siemens-Angaben deutlich aufwendiger wäre.
Im kommerziellen Umfeld könnten Geschäfte Werbebotschaften platzieren, die etwa auf Sonderangebote hinweisen und die Adressaten erreichen, wenn diese sich im Umfeld des betreffenden Ladens aufhalten. Siemens weist darauf hin, dass man diesen speziellen Werbemodus gezielt ein- und abschalten kann, so dass der Handy-Nutzer dem nicht hilflos ausgeliefert sein wird.
Für das Bereitstellen touristischer Informationen werden handelsübliche Geräte mit Digitalkamera verwendet, um ein reales Fotomotiv mit einem Digital Graffito überlagern zu können, das so genannte Augmented Reality (AR). Dazu wird die Umgebung mit der Handy-Kamera erfasst und das Digital Graffito darüber gelegt, um so weitere Informationen zu einer Sehenswürdigkeit möglichst plastisch zu präsentieren.
Um das entsprechende Graffito korrekt einzublenden, muss das mobile Endgerät allerdings wissen, wo es sich befindet und in welche Richtung bei AR-Nutzung die Kamera gehalten wird. Zu diesem Zweck verbanden die Forscher das Gerät mit einem GPS-Empfänger, einem elektronischen Kompass und einem Beschleunigungssensor. Das so aufgerüstete Handy weiß genau, wo es sich befindet, wie es ausgerichtet ist und kann so das Digital Graffito exakt dem Live-Bild überlagern.
Das Graffiti-Verfahren kann auch in geschlossenen Räumen genutzt werden, wo die GPS-Signale nicht empfangen werden können und andere Verfahren zur Positionsbestimmung genutzt werden. Damit lassen sich etwa in Ausstellungen oder Museen Zusatzinformationen zu Ausstellungsstücken bereitstellen, die ebenfalls mit Realbildern gekoppelt werden.
Mit Prototypen haben die Siemens-Entwickler nach eigenen Angaben in Kooperation mit der Universität Linz und dem Ars Electronica Center in Linz demonstriert, dass das System funktioniert, das letztlich auf bewährten Kommunikationssystemen beruht. Zunächst tippt der Nutzer seine Botschaft in ein mobiles Gerät ein und übermittelt diese per Funkverbindung an einen Server, wo die Nachricht gespeichert, dem geographischen Punkt zugeordnet und zum Abruf bereitgehalten wird. Nähert sich eine Person dem entsprechenden Ort, versendet der Server die Nachricht. Die Ortung der Mobiltelefone geschieht hierbei über die geographischen Daten, die jedes Mobiltelefon in regelmäßigen Abständen an die Funkzentrale meldet.
Siemens musste neue Software für diese Funktionen entwickeln, wozu auch Server-Programme zur Verwaltung und Weiterleitung der Daten gehören. Auch Software für die Verarbeitung der Botschaften im mobilen Gerät war notwendig, die es in der Form noch nicht gab. Die Digital Graffiti weisen außerdem ein Verfallsdatum auf, um eine Botschaft wie "In 30 Minuten bin ich zurück" mit einem virtuellen Zählwerk zu koppeln. Nach der vorgegebenen Zeit erlischt die Nachricht automatisch, so dass der Empfänger die dann veraltete Nachricht gar nicht erst erhält. Der Absender kann aber jederzeit auf den Server zugreifen, um die Verfallsdauer der Nachricht zu verändern.
Derzeit gehen die Entwickler davon aus, dass das Graffiti-System in rund zwei Jahren in Betrieb geht. Zunächst sind Anwendungen für den Tourismus und im Ausstellungsbereich denkbar.
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