Interview: Wettbewerb der Softwareparadigmen
Golem.de: Die FSFE vertritt die Interessen des Samba-Teams vor dem EuGH im Klageverfahren Microsofts gegen die Entscheidung der EU-Kommission. Was erwartet die FSFE von den Auflagen, die die Kommission gegen Microsoft verhängt hat?
Im Einzelnen sind wir relativ skeptisch, ob die gemachten Auflagen wirklich das gewünschte Ziel – die Wiederherstellung des Wettbewerbs – auch tatsächlich erreichen können. Spezifisch im Hinblick auf die Lizenzbedingungen der Software-Schnittstellen scheint es, dass Microsoft ausreichend Raum zum Manövrieren finden wird, um die Auflagen in der Praxis de facto zu umgehen.
Würden die Stromkonzerne Informationen über die Polarität, Phase und Spannung des von ihnen gelieferten Stroms ähnlich behandeln, bedeutete dies, dass nur der Stromerzeuger Geräte bauen kann, die nicht in der Nacht explodieren. Bei der Festlegung des Stromnetzes auf 230 V und 50 Hz geht es wohl kaum um eine enorme kreative Leistung. Bei der Geheimhaltung solcher Informationen handelt es sich ausschließlich um die künstliche Erzeugung von Herrschaftswissen.
Nun sind die Software-Schnittstellen zwar deutlich komplizierter, jedoch nicht substanziell anders als in diesem Beispiel. Wir wollen, dass die für eine Interaktion und Interoperabilität notwendigen Informationen allen kostenfrei und unabhängig von ihrem Geschäftsmodell zur Verfügung stehen. Nur so wird ein Wettbewerb der Geschäftsmodelle, Softwareparadigmen, technischen Lösungen und Ideen möglich – zum Vorteil von Wirtschaft und Gesellschaft. Dafür haben wir im Monopolverfahren mit begrenztem Erfolg gearbeitet und das wollen wir vor Gericht verteidigen und ausbauen.
Golem.de: Sie haben das Verfahren gegen Microsoft unter Verweis auf die geplante Einführung von TCG/TCPA als eine "absurde Phantomdiskussion" bezeichnet. Die TCG ist mittlerweile aber auf viele Kritikpunkte eingegangen und zeigt sich auch weiterhin gesprächsbereit. Wie schätzen sie die aktuelle Situation bezüglich TCG ein?
Greve: Es ist richtig, dass die TCG einige Änderungen vorgenommen hat und obwohl es so scheint, dass diese in die richtige Richtung weisen, ist die Frage tatsächlich wohl eher sekundär. Keine Änderung in der Umsetzung einer Idee kann die grundsätzlichen Schwächen der Idee beheben. Auch durch geänderte Standards lässt sich die Tatsache nicht ändern, dass TC die Sicherheit von Computern grundsätzlich nicht positiv beeinflusst.
Und DRM – von der Industrie als Digitales Rechtemanagement schöngefärbt, in Wahrheit handelt es sich um Digitales Restriktionsmanagement – ist und bleibt der einzig denkbare Anwendungsfall für TC. Eine bestenfalls nutzlose Technologie teuer einzuführen erscheint uns nicht sinnvoll.
Golem.de: Anwendungsgebiete für TC gibt es aber einige, insbesondere im Unternehmensumfeld, wenn es darum geht, Rechner vor unbefugtem Zugriff und Veränderungen zu schützen, die Integrität von Daten sicherzustellen oder zu verhindern, dass Daten, die nicht für Dritte bestimmt sind, das Unternehmen verlassen?
Greve: Letzten Endes stellt TC nur sicher, dass eine bestimmte Software auf einem Rechner läuft. Ob diese Software sicher ist oder nicht, darauf hat TC keinen Einfluss – Integrität von Daten und Sicherung der Rechner vor unbefugtem Zugriff sind jedoch im Wesentlichen Fragen einer sicheren Software.
Die Fehler und Probleme, die in heutiger Software bestehen, werden durch TC weder behoben noch unwirksam. Und es scheint unwahrscheinlich, dass die Programmentwicklung in den nächsten Jahren eine wunderhafte Entwicklung zur Fehlerfreiheit machen wird.
Verfügbarkeit von Verschlüsselung auf Festplatten klingt sicher attraktiv, das ist allerdings bereits mit heutiger Software möglich und wegen des Fehlens einer spezifischen Hardware-Komponente auch sehr viel flexibler. Wird eine Schwäche in der Software entdeckt, ist diese schnell behoben. Entdecken Angreifer eine Schwäche in der Hardware, sind alle meine Systeme bis zum Hardwareaustausch angreifbar.
Es gibt tatsächlich nur ein Gebiet, wo TC wirklich notwendig ist: Wenn der Computernutzer zum Feindbild wird, wie z.B. bei DRM.
Golem.de: Die grundsätzliche Einführung scheint zudem nicht sehr teuer. Die TPMs selbst sind ja gerade auf niedrige Kosten ausgelegt und werden schon heute unter anderem von IBM standardmäßig in fast allen Systemen integriert, obwohl sich der Nutzen für den Kunden mangels entsprechend breiter Softwareunterstützung noch in Grenzen hält?
Greve: Das Teure an TC ist nicht der eigentliche Chip, obwohl Ihnen die Hardwarehersteller zumeist erklären werden, dass teilweise Kosten von 50 Cent bereits über Erfolg und Niederlage einer Produktlinie entscheiden. Die wirklichen Kosten entstehen im Aufbau und Unterhalt der gesamten Infrastruktur, die für die Aufrechterhaltung von TC notwendig ist. Da diese die gebündelte Achillesferse für alle meine Systeme darstellt, muss ich sie sehr stark schützen und auf Redundanz auslegen.
Im Fall der Einführung von DRM rechnen die Plattenfirmen nach eigenen Aussagen damit, dass die Vertriebswege ähnlich viel kosten werden wie die analogen Vertriebswege heute, also um die 90 Prozent vom Endverkaufspreis.
Golem.de: Offene Schnittstellen sind die eine Sache, die Möglichkeit, diese auch in freier Software zu implementieren, eine andere. Dabei spielen Patente eine zunehmend wichtige Rolle. Inwiefern droht ein möglicher Erfolg vor dem EuGH daher, ein Pyrrhussieg zu werden?
Greve: Natürlich besteht zum Teil die Gefahr, dass der Nutzen unserer Arbeit in diesem Fall durch eine Entscheidung zu Gunsten von Softwarepatenten untergraben wird. Gleichzeitig würde eine Entscheidung gegen Softwarepatente diesen Fall in seiner Bedeutung noch stärken – denn dann ließen sich die Auflagen der Kommission vielleicht tatsächlich durchsetzen.
Insofern haben wir keine Perspektive darin gesehen, die Kommission vor dem EuGH im Stich zu lassen – ebenso wie es keine Perspektive darstellt, die Arbeit gegen Softwarepatente einzuschränken – auch wenn wir durch diese Mehrfachbelastung stark unter Druck gesetzt werden. Doch selbst wenn Softwarepatente kämen, wäre die Arbeit vor dem EuGH nicht umsonst gewesen. Denn dann würde die Kommission selbst und unmittelbar feststellen, dass ihr Sieg vor Gericht durch die Einführung von Softwarepatenten geschwächt wurde.
Es gibt keinen Zweifel, dass Softwarepatente weltweit abgeschafft werden müssen. Eine entsprechend motivierte Kommission und demaskierte Befürworter von Softwarepatenten wären nicht die schlechteste Ausgangssituation.
Golem.de: Lawrence Rosen hat kürzlich in einem Artikel auf Newsforge(öffnet im neuen Fenster) gewarnt, die Gefahren für freie Software, die von Softwarepatenten ausgehen, nicht zu überschätzen. Welche positiven Effekte könnte eine Vereinheitlichung des Patentsystem in Europa für freie Software bringen, die aktuelle Diskussion um die geplante Richtlinie zur Einführung von Softwarepatenten einmal außen vor gelassen?
Greve: Es gibt keine Effekte von Softwarepatenten, die spezifisch für freie Software wären – Aussagen über den Nutzen einer Vereinheitlichung greifen also zwingend weiter. Zunächst ist Vereinheitlichung kein Wert an sich. Eine Vereinheitlichung der durch Softwarepatente geschaffenen Rechtsunsicherheit bringt sicherlich nicht mehr Rechtssicherheit.
Wir befürworten grundsätzlich eine Vereinheitlichung im Sinne der Vereinheitlichung von Rechtssicherheit – gegen eine Vereinheitlichung der Rechtsunsicherheit verwehren wir uns jedoch. Daher kann nur eine klare Ablehnung von Softwarepatenten positive Signale aussenden. Ansonsten vereinheitlichen wir nur den Verlust von Arbeitsplätzen in allen Sektoren.
Golem.de: Unabhängig von einer möglichen Einführung von Softwarepatenten in Europa sehen sich Softwareentwickler auch heute schon rechtlichen Risiken auf unterschiedlichen Gebieten ausgesetzt. Die FSFE bietet in diesem Zusammenhang ihr "Fiduciary Licence Agreement" an. Inwieweit wird das Programm genutzt und in welchen Fällen wird der Rechtsschutz auch in Anspruch genommen?
Greve: Das Programm wird bereits von einigen kleineren Projekten in Anspruch genommen, aber noch nicht in größerem Umfang; was auch daran liegt, dass wir bisher noch nicht die Ressourcen hatten, die Schaffung von Strukturen und weitere Verbreitung aktiv anzugehen.
Allerdings ist die eigene Verwendung des FLA nur ein Teil der gewollten Effekte. Es geht uns primär auch darum, Bewusstsein für das Problem und einen konkreten Weg zur Lösung zu zeigen, der allen Projekten zur Verfügung steht. Darüber hinaus haben wir jedoch noch weitere Pläne, die das FLA mit einbeziehen, speziell im Rahmen einer angedachten "Freedom Task Force", mit der wir gerne Projekte noch besser aktiv in der Wahrung ihrer Rechte begleiten wollen.
Viele Streitigkeiten könnten bei richtiger Herangehensweise schon sehr früh mit geringem Aufwand und wenig negativer Aufmerksamkeit beigelegt werden – ein Friede, der zum Nutzen aller wäre.
Golem.de: Die FSFE hat Anfang Juli 2004 einen Spendenaufruf gestartet, um die Finanzierung der eigenen Aktivitäten sicherzustellen. Über welche konkreten Projekte verfügt die FSFE aktuell und welche Resonanz hatte der Spendenaufruf bisher?
Greve: Eine aktuelle Übersicht über unsere Projekte findet sich immer online(öffnet im neuen Fenster) . Projekte in Planung sind beispielsweise das GNU Business Network oder die bereits angesprochene Freedom Task Force.
Was die Spendenkampagne angeht, so gab es Resonanz aus ganz Europa und auch von deutschen Unternehmen, wobei wir auf mehr Resonanz gehofft hätten. Auch wenn wir uns natürlich sehr über den starken Zuspruch an Unterstützung und Anfragen freuen, würden wir uns wünschen, dass noch mehr Unternehmen auch die Konsequenz ziehen, unsere Arbeit zu unterstützen und nicht darauf zu hoffen, dass andere dies schon tun werden.
Gerade im persönlichen Gespräch stellt sich oft heraus, dass stillschweigend und übermäßig optimistisch vorausgesetzt wird, bestimmte Unternehmen würden unsere Arbeit bereits unterstützen. Wer sehen möchte, welche Menschen und Unternehmen unsere Arbeit ermöglichen, findet eine aktuelle Liste dieses und der vergangenen Jahre auf unserer Website(öffnet im neuen Fenster) .
Obwohl wir für ins in Anspruch nehmen können, sehr effizient mit unseren knappen Mitteln zu arbeiten, entscheidet letztlich auch die Unterstützung darüber, was wir tun – oder auch nicht tun – können.
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