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Interview: Scribus besser als kommerzielle DTP-Applikationen

Golem.de im Gespräch mit Craig Bradney, Peter Linnell und Riku Leino. Scribus schickt sich an, eine freie Alternative im DTP-Bereich zu werden. Derzeit konzentriert sich die Entwicklung zwar vor allem auf Linux, aber auch andere Plattformen werden bzw. sollen unterstützt werden. Golem.de sprach mit den Scribus-Entwicklern Craig Bradney, Peter Linnell und Riku Leino über die kurz- und langfristigen Ziele mit Scribus sowie den aktuellen Stand der Software.
/ Jens Ihlenfeld
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Golem.de: Scribus ist kürzlich in der stabilen Version 1.2 erschienen. Auf was wurde während der Entwicklung der Hauptfokus gelegt?

Craig Bradney: Scribus das Maß an Bedienbarkeit, Verlässlichkeit und Funktionen zu verschaffen, so dass jeder Scribus als ernsthaftes DTP-Programm unter GNU/Linux und Unix-Plattformen nutzen kann. Wir haben rund 700 Fehler beseitigt bzw. neue Funktionen integriert, die nach der Version 1.1.2 im Bugtracker eingestellt wurden. Es ist zu sehen, dass wir uns wirklich die Zeit genommen haben, um Fehler zu beseitigen und neue, großartige Funktionen hinzuzufügen.

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Golem.de: Scribus richtet sich an einen Bereich mit etablierter Konkurrenz. Was ist Ihr Hauptziel – eine Lücke im Software-Portfolio von Linux zu schließen oder zielen Sie auf Nutzer anderer DTP-Anwendungen ab?

Bradney: Beides. DTP-Software wird unter Linux nicht wirklich gut unterstützt, es gibt also sicher eine Lücke zu füllen. Vielen Leuten fehlt genau diese Software, bevor sie auf freie und Open-Source-Software umsteigen. Das ging einigen unserer Entwickler so und auch vielen, vielen anderen Nutzern, mit denen wir gesprochen haben.

Linnell: Letztendlich denken wir nicht wirklich in Kategorien wie "Konkurrenten", eher: "Was können wir unseren Nutzern und uns selbst bieten, um eine großartige DTP-Applikation zu entwickeln, die primär aber nicht ausschließlich für Linux ist."

Golem.de: Planen Sie, auch andere Betriebssysteme zu unterstützen?

Bradney: Scribus läuft derzeit auf verschiedenen Unix-Systemen – wir wissen, dass einige Leute Scribus bis hin zu 128-Bit-Prozessoren getestet haben -, auf BSD-Varianten, AIX, MacOS X via Fink und Windows 2000 via Cygwin. Wir planen native Unterstützung für MacOS X und Windows, auch wenn noch keine Termine oder Entwicklungsprozesse festgelegt wurden. Linux steht derzeit im Fokus.

Peter Linnell: Nach meiner Erfahrung läuft Scribus gut auf neueren Macs mit Fink. Mit Martin Costabel haben wir einen guten Maintainer für unsere Fink-Pakete.

Golem.de: Nach Erscheinen von Scribus 1.0 erfuhr die Software schnell Beachtung. Aber ist Scribus schon reif für einen produktiven Einsatz?

Bradney: Ja, mit Sicherheit. Es wird immer Dinge geben, die die Leute benötigen und diese Bedürfnisse sind im oberen Ende des DTP-Marktes größer. Wir kennen aber zahllose, semi-professionelle Magazine und persönliche Publikationen, die mit Scribus erzeugt werden. Kürzlich konnten wir auch einer wöchentlich erscheinenden kommerziellen Zeitung mit einer Druckauflage von mehr als 20.000 Exemplaren in den USA zum Start verhelfen.

Scribus 1.2 ist der Version 1.0 um Lichtjahre voraus. Wir hoffen, viele Leute können dank Scribus nun auf Linux umsteigen oder zumindest gute Resultate unter Verwendung der DTP-Software erzielen, statt eine Textverarbeitung dazu nutzen zu müssen.

Linnell: Einer meiner Kunden, ein Magazin-Verlag, hat mir erlaubt, Linux auf seinen Workstations zusammen mit Scribus parallel zu seinen DTP-Workstations unter MacOS und Windows 2000 zu installieren. Sie haben mir sehr geholfen, um vollen Einblick in die Pre-Press-Abteilung eines Vierfarb-Magazins zu bekommen.

Dies war von unschätzbarem Wert, um das Verhalten von Scribus im Zusammenspiel mit anderen DTP-Applikationen zu untersuchen.

Ich konnte so einige Tests von Scribus-PDF- und PS-Dateien mit speziellen Pre-Press- und Pre-Flight-Applikationen durchführen. Diese Tools untersuchen die Dateien und stellen fest, ob sie zu den veröffentlichten Spezifikationen und kommerziellen Drucknormen konform sind. Und die Dateien von Scribus sind in hohem Maße konform. Meiner Meinung nach sind die Ausgaben kommerziellen DTP-Applikationen überlegen. Wir haben auch drei kommerzielle Druckereien auf unserer Mailing-Liste, die diese Ergebnisse bestätigen.

Golem.de: Wie steht es um die Kompatibilität mit anderen DTP-Applikationen?

Bradney: In Bezug auf Im- und Export-Funktionen – keine, aber es geht nicht nur darum, dass wir das nicht können. Es ist eher so, dass auch große Unternehmen mit vollem Zugang zum Quelltext älterer Versionen, einer großen Zahl an Entwicklern und viel Geld nicht in der Lage sind, Dateien zu 100 Prozent zu im- oder exportieren. Nach der Erfahrung vieler Leute ist es schneller, den notwendigen Aufwand zu akzeptieren, wenn man auf eine andere Software umsteigt – dies liefert auch bessere Ergebnisse.

Linnell: Erstens, DTP-Dateien sind intern sehr komplex, mehr als bei den meisten anderen Applikationsdateien. Zweitens sind EPS und PDF ein gängiges Format zum Im- und Export und Scribus unterstützt dieses sehr gut, mitunter besser als kommerzielle DTP-Applikationen. Beispielsweise können viele EPS-Dateien importiert und dann in Form nativer Scribus-Objekte editiert werden. Keine andere Software zum Seiten-Layout ist dazu in der Lage. Drittens nutzt die kommerzielle Druck-Welt, oder zumindest die Intelligenteren darunter, zunehmend PDF als Austauschformat. PDF löst viele Austauschprobleme auch über Plattformgrenzen hinaus – insbesondere was Schriften angeht. Mit seinem mächtigen PDF-Export lässt Scribus Plattformgrenzen regelrecht verschwinden.

Diejenigen, die sagen, wir sollten einen Import für eine bestimmte DTP-Applikation anbieten, zeigen nur, dass sie keine Erfahrung mit der Umwandlung von DTP-Dateien haben. Ich habe damit selten gute Erfahrungen gemacht, mit Ausnahme sehr einfacher Dateien. Das gilt auch für den Import zwischen verschiedenen Versionen ein und derselben Applikation. Abgesehen davon wäre dazu das Reverse-Engineering eines geschlossenen und komplexen Formats notwendig. Wir glauben aber, dass es sinnvoller ist, die Entwicklung darauf zu richten, Scribus besser zu machen.

Die Tatsache, dass Scribus exzellente PDFs erzeugt, sorgt für echte Kompatibilität. In einigen Fällen ist es nicht Scribus, sondern sind es andere DTP-Applikationen, denen neuere PDF-Funktionen fehlen. Das konnten wir bei der Unterstützung einiger Zeitungen feststellen, deren Druckereien ältere Versionen von Pre-Press-Werkzeugen nutzten, die nicht alle PDF-Funktionen unterstützen, die Scribus nutzen kann. Das gilt auch für aktuelle Versionen anderer kommerzieller DTP-Applikationen. Wir haben in der Dokumentation entsprechende Notizen eingefügt.

Bradney: Was Nutzungsmuster angeht, so wollen wir, dass generelle Methoden für DTP-Nutzer sich durchweg ähneln. Mehr aber geht es uns darum, dass unsere Funktionen und Ideen erkennbar sind.

Wo es geht, werden wir aber in kommenden Versionen Formate unterstützen, sofern dies sinnvoll ist. Beispielsweise haben wir dank Riku ein neues Import-System, das es uns und auch jedem anderen erlaubt, mit einfachem Code einen Import-Filter für Text- oder Grafikformate zu schreiben.

Golem.de: Was sind die wichtigsten Bedürfnisse, denen Sie sich in künftigen Versionen nach 1.2 widmen wollen? Wird es eine Serie 1.2.x geben?

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Linnell: Ja, Franz [Franz Schmid, ursprünglicher Entwickler von Scribus, Anm. d. Red.] hatte bereits die zweite 1.3 und 1.2.x erstellt. Scribus 1.2.1 soll schon in Kürze erscheinen und wird vor allem Bugfixes, aber auch neue Import-Plug-Ins von Riku enthalten. Petr Vanek arbeitet an Erweiterungen des Python-Scripting.

Riku Leino: Mit der Version 1.2 haben wir ein einheitliches Plug-In-System eingeführt, um Plug-Ins, die ähnliche Dinge machen, zu gruppieren. Als erste Gruppe wurde ein "Get-Text-Import-API" fertig gestellt, das es erlaubt, formatierten Text in einen Textrahmen einzufügen. Nachdem ich die HTML- und CSV-Plug-Ins zum Importer fertig gestellt habe, arbeite ich nun an einem Import für den OpenOffice.org Writer, der mit 1.2.1 erscheinen soll.

Bradney: Zudem wären da unter anderem High-End-DTP-Bedürfnisse, wie eine echte Darstellung gegenüberliegender Seiten am Bildschirm, Unterstützung für PDF 1.5, besserer CMYK-Import, weitere Import-Filter für Text-Formate und die Unterstützung für große Unternehmen, allerdings gibt es hierzu noch keine konkreten Pläne. Die Liste ist lang, eine neue Roadmap wird es aber noch in diesem Jahr geben.


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