Interview: KDE - auch für Windows!

Golem.de: Wie kommt man auf die Idee, KDE für Windows zu kompilieren? Immerhin will KDE als Oberfläche doch eine Alternative zu Windows bieten.
Das KDE-Projekt wurde ursprünglich gegründet, um auf Linux eine Benutzeroberfläche zu programmieren, die einfach zu bedienen und in sich konsistent ist. Das wurde oft als ein Kopieren der Windows-Oberfläche verstanden. Nach meiner Meinung ist KDE allerdings der Windows-Benutzeroberfläche mittlerweile um Längen voraus, da viele Funktionalitäten an der richtigen Stelle programmiert wurden.
Beispielsweise muss sich unter Windows jedes Programm selbst darum kümmern, ob es das Scrollrad einer Maus unterstützen will oder nicht. Somit gibt es den entsprechenden Programmteil im Internet-Explorer, in Netscape, in Opera, in Microsoft Office, in OpenOffice und in allen möglichen anderen Programmen. Dadurch werden in der Summe Unmengen an Programmiererarbeit "verschwendet", da all diese Programmteile ja das Gleiche tun. Im Gegensatz dazu wurde die entsprechende Funktionalität in KDE bzw. dem zu Grunde liegenden Toolkit Qt an der richtigen Stelle implementiert: in der Scrollbar. In jedem KDE-Programm, das Scrollbars enthält, funktioniert es automatisch, so dass man mit dem Scrollrad der Maus in dem entsprechenden Feld hoch- und runter- und bei gleichzeitigem Drücken der Alt-Taste nach links oder nach rechts scrollen kann.
Durch diese saubere Programmierung von Funktionen an der Stelle, wo sie hingehören, gewinnt man dann Zeit, um neue Funktionen zu implementieren. So wurde KDE in relativ kurzer Zeit besser als Windows, und entsprechend vermisst man dann halt die oben genannten Funktionalitäten unter Windows. Dann ist es nur natürlich, dass man ein KDE auf Windows haben will.
Golem.de: Wie viele aktive Entwickler weist das Projekt gerade auf?
Golem.de: Wie hoch ist der Aufwand zur Installation, wenn man sich zum ersten Mal damit befasst?
Schröder: Die genaue Beschreibung zur Installation von KDE auf Windows findet man auf den KDE-Cygwin-Seiten(öffnet im neuen Fenster) , man kann mit der Anleitung innerhalb von einer halben Stunde ein lauffähiges KDE installieren. Jeder, der in der Lage ist, Netscape und eine Firewall unter Windows zu installieren, kann eigentlich auch KDE auf Windows installieren. Wenn es dann doch Probleme geben sollte, kann man sich an die Mailing-Liste kde-cygwin@kde.org(öffnet im neuen Fenster) wenden. Die Installation von KDE auf Cygwin funktioniert ähnlich zur Installation von Cygwin selbst.
Golem.de: Wie viel Performance dürfen Nutzer von einem KDE unter Windows erwarten?
Schröder: Man merkt schon, dass KDE noch nicht rasend schnell auf Windows läuft. Vielleicht ist die nächste Version schon fast so schnell wie die Linux-Version. Gerade das Starten des Desktops oder größerer Programme dauert schon einige Sekunden. Wenn die Programme laufen, kann man dann aber flüssig damit arbeiten, die Programme fühlen sich dann etwa halb so schnell wie unter Linux an.
Golem.de: Sicher muss einiges am Quellcode von KDE angepasst werden, bis sich alles kompilieren lässt. Wäre es möglich, den Quellcode von KDE generell so zu erstellen, dass es sich auch ohne Änderungen im Quellcode unter Windows übersetzen lässt? Wie lange dauert es, bis eine bestimmte KDE-Version auch für Windows verfügbar ist?
Golem.de: KDE bringt zahlreiche Applikationen mit sich, die unabhängig vom Desktop durchaus interessante Alternativen darstellen. Lassen sich diese auch einzeln unter Windows nutzen?
Schröder: Man kann auch nur einzelne Programme von KDE starten, allerdings erfordert das etwas tiefere Kenntnisse über cygwin, X11 und KDE. Allerdings hat man auf heute aktuellen Rechnern keinen Vorteil, wenn man einzelne Applikationen statt des gesamten KDE startet, abgesehen vielleicht von ein paar gewonnenen Sekunden beim Starten des Programms. Ich kann dieses Vorgehen daher eigentlich nicht empfehlen. Man kann als "Otto-Normal-Benutzer" ein KDE auf Windows installieren und genauso wie unter Linux benutzen, und es funktioniert einfach gut.
Golem.de: Werden die KDE-Pakete eines Tages Teil des cygwin-Projektes und damit ähnlich einfach zu installieren sein?
Golem.de: Wenn es mit QT möglich ist, native Windows-Programme zu schreiben, sollte es doch auch möglich sein, das auf QT basierende KDE direkt, also ohne X-Server und Cygwin, unter Windows zu betreiben?
Schröder: Daran wird gerade gearbeitet, das Ganze ist jedoch nicht so einfach, wie es sich anhört. KDE basiert zwar auf Qt und mittlerweile gibt es eine unter der GPL stehende Version von Qt 3 für Windows, die nicht mehr auf einen laufenden X-Server angewiesen ist, aber es gibt da noch einige weitere Hindernisse: Bibliotheken werden unter Windows in völlig anderer Art und Weise gehandhabt als unter Linux. Daraus resultiert, dass Programme manchmal abstürzen, wenn Windows die Reihenfolge der Bibliotheken im Arbeitsspeicher durcheinanderbringt. Des Weiteren sind einige Funktionen in KDE abhängig von der X11-Oberfläche, z.B. die Handhabung von virtuellen Desktops, von Transparenz in "Konsole" oder von Schatten in einigen Fensterdekorationen.
Golem.de: Lassen sich Daten über die Zwischenablage zwischen den "Welten" verschieben?
Schröder: Man kann Texte durch einfaches Markieren und Kopieren in der einen "Welt" und durch Einfügen in der anderen "Welt" kopieren. Man muss dafür den X-Server nur mit der Option "-clipboard" starten.
Golem.de: Welche konkreten Anwendungsbereiche gibt es für ein KDE auf Windows?
Schröder: Da gibt es viele: Wenn man vor einem nackten Windows sitzt, kann man entweder einen halben Tag damit zubringen, alles zu installieren, was man so braucht, um sich von außen sicher auf dem Rechner einloggen zu können, ein paar Spiele, einen guten Editor und einen sicheren Webbrowser zu haben sowie sich auf Linux-Rechnern einloggen zu können und grafische Programme, die auf Linux-Rechnern laufen, anzeigen zu können.
Golem.de: Kommt KDE unter Windows in kommerziellen Installationen zum Einsatz?
Schröder: Mir ist keine Firma bekannt, die KDE durchgängig einsetzt, andererseits ist KDE auf Cygwin doch für viele Leute interessant. Das erkennen wir daran, dass die Webseite(öffnet im neuen Fenster) seit 2001 schon eine Million Besucher zählen konnte. In der gleichen Zeit wurden über 1,4 Millionen Dateien des Projekts heruntergeladen, die Leute lesen also nicht nur unsere Webseite, sondern benutzen die Software auch wirklich.
[Das Interview führte Michael Renner]



