Hexenjagd auf Manhunt-Entwickler Rockstar (Update)
Auslöser für die zur Hexenjagd auf Rockstar und die Spielebranche mutierenden Aufregung war ein vom britischen Boulevardblatt "The Daily Mail" Ende Juli 2004 veröffentlichte Titelstory mit der Überschrift "Murder by PlayStation" – Veröffentlichungen anderer Medien wie vom "Daily Mirror" folgten. Die Eltern des Ermordeten glauben, dass Manhunt verantwortlich für den Tod ihres Sohnes ist; die Berichterstattung fiel entsprechend negativ für das bereits seit 2003 erhältliche, in Großbritannien erst ab 18 freigegebene Spiel aus, das in Deutschland nicht nur indiziert, sondern sogar beschlagnahmt wurde.
Britische Medien sahen wie die Eltern des Ermordeten einen monokausalen Zusammenhang zwischen Mord und Manhunt und forderten ein Verbot des Titels, der aufgrund seines gewalttätigen Inhalts – es geht um das Jagen und Töten von Menschen in einem düsteren Zukunfts-Szenario – bereits zuvor weltweit für Aufsehen sorgte.
Gegen die wissenschaftlich wechselweise bestätigten und widerlegten Behauptungen, dass Manhunt oder Spiele generell für Gewalttaten verantwortlich seien, protestierte schließlich die britische Spieleindustrie-Vereinigung ELSPA (Entertainment and Leisure Software Publishers' Association) und wies darüber hinaus auf die Altersfreigabe des Spiels ab 18 und den Fakt hin, dass weniger als 1 Prozent aller in England verkauften Spiele ab 18 wären. Zudem könne man nicht ein Spiel für die Taten einer Person verantwortlich machen, nur weil dieses im Besitz der Person war, so die ELSPA in einer Pressemitteilung.
Aus Pietätsgründen nahm der Handel kurze Zeit nach den britischen Presseberichten das seit 2003 verkaufte Produkt aus dem Handel. Auch den Handel traf Kritik, da man die Altersfreigabe nach Ansicht der Medien zu lax behandle.
Dass die ganze Aufregung um Manhunt – unabhängig von dessen Inhalt – auf falschen Annahmen basieren könnte, zeigt ein Bericht des britischen Branchenblatts MCV(öffnet im neuen Fenster) , welche den Media Services Officer der Leicestershire Police befragte. Ihm zu Folge wurde das Spiel nicht etwa in der Wohnung des Täters gefunden, sondern im Schlafzimmer des Opfers. Dies untergräbt zwar nicht die gegenüber der Daily Mail ausgesprochene Behauptung der Mutter des Opfers, dass Manhunt für den Tod ihres Sohnes verantwortlich sei, zeigt jedoch, dass der Fall deutlich komplexer ist als von den reißerischen Medienberichten vermittelt wurde. Immerhin muss die Frage gestellt werden, ob es sich um ein Original des Spiels handelt und – wenn ja – wer dem 14jährigen Opfer das Spiel gekauft hat.
Von MCV über den Zusammenhang zwischen Mord und Manhunt befragt war die Antwort des Polizeisprechers klar: "Wir haben das Spiel nicht mit dem Mord in Verbindung gebracht und wir haben dies auch vorher schon gesagt, doch einige Berichte der Medien scheinen dies zu ignorieren... das Motiv war Diebstahl" . Wie der zuständige Staatsanwalt gegenüber britischen Medien angab, wird dem Täter vorgeworfen, dass er seinen jüngeren Freund ausrauben wollte, um Drogenschulden zurück zu bezahlen.
Dies scheint auch beim US-Anwalt und stellvertretenden Mehrheitenfraktionsführer im US-Abgeordnetenhaus John W. Thompson(öffnet im neuen Fenster) nicht angekommen zu sein, der es sich – angesprochen durch die in Großbritannien lebenden Eltern des Opfers – nun zum Ziel gemacht hat, Rockstar zu vernichten. Dass er damit nicht nur Manhunt meint, sondern das Spieleentwickler-Studio schließen lassen will, gab Thompson in einem Interview mit GameDaily(öffnet im neuen Fenster) an.
Thompson, der nicht nur den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton wegen seiner Frauengeschichten rechtlich anging, sondern auch schon das Verbot eines Musik-Albums wegen Obszönitäten durchsetzte und sich dadurch den Spitznamen Jack "Batman" Thompson einfing, hat die Spielebranche schon seit längerem im Visier. Im Interview mit GameDaily erklärte er, dass die Spieleindustrie sich trotz seiner Warnungen als unfähig gezeigt habe, mehr zu tun, um "diese Art von Spiel" von Minderjährigen fern zu halten.
Den ELSPA-Präsidenten Doug Lowenstein bezeichnete Thompson als Lügner, die von der ELSPA versprochene Werbebeschränkung für Titel ohne Jugendfreigabe würde nicht erfolgen. Für Thompson ist deshalb das Fass nun voll: "Diese Menschen werden nicht aufhören, diese Spiele an Kinder zu vermarkten und da sie nicht auf die Vernunft hören, da sie nicht mal mit mir und anderen kommunizieren, werden wir sie zerstören, so einfach ist das. David hat mit Goliath nicht diskutiert, der hat ihn getötet."



