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Private Websites - nur schüchterne Offenbarungen? (Update)

Besitzer privater Webseiten sollen im Durchschnitt eher introvertiert sein. Psychologen der Technischen Universität Chemnitz wollen herausgefunden haben, dass die Besitzer privater Webseiten im Durchschnitt eher schüchtern, häufig gut ausgebildet und fast ausschließlich männlich sind. Wer sich also auf seiner persönlichen Homepage im Internet präsentiert, ist demnach nicht automatisch auch selbstbewusst.
/ Christian Klaß
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Im Rahmen ihrer Studie "Selbstdarsteller oder Menschen wie du und ich?" haben Prof. Dr. Astrid Schütz, Professorin für Differentielle Psychologie und Diagnostik, und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter Franz Machilek und Dr. Bernd Marcus rund 300 Homepage-Besitzer befragt. Ziel sei es gewesen, deren Beweggründe und Persönlichkeitsmerkmale herauszufinden. Überraschenderweise habe sich dabei gezeigt, dass Besitzer privater Homepages im Durchschnitt nicht selbstverliebter, dafür aber in sich gekehrter als Vergleichspersonen ohne eigenen Webauftritt seien.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Homepage-Besitzer im sozialen Umgang unsicherer sind, schlechter mit Kritik umgehen können und ein negativeres Selbstbild von sich haben als andere" , betont Prof. Schütz. Es sei daher zu vermuten, dass die eigene Webseite für einen Teil der Homepage-Besitzer "als Ersatz für Kompetenzen in direkten Kontakten und für die Face-to-Face-Kommunikation" diene.

Nicht überraschend: Es hätten fast ausschließlich Männer Interesse daran, sich einen eigenen Internetauftritt zu basteln – der Anteil der Frauen unter den Befragten lag bei 13 Prozent. Das Bildungsniveau bei den Homepage-Besitzern sei hoch, rund 70 Prozent verfügen über Abitur oder einen Hochschulabschluss. Unter den Berufsgruppen lägen die Angestellten und Studierenden mit 33 bzw. 21 Prozent ganz vorn, kaum Interesse an einer eigenen Online-Präsenz hätten dagegen Arbeiter, Arbeitslose und Rentner. Etwa drei Viertel der befragten Webseiten-Besitzer waren zwischen 20 und 40 Jahre alt.

Die Beweggründe dafür, dass Menschen ihr Privatleben vor einer anonymen Masse ausbreiten, lägen weniger darin, mittels eigener Webpräsenz einen Partner kennen zu lernen oder Bekanntschaften zu schließen – dafür gibt es schließlich auch genügend Online-Partnervermittlungs-Dienste. "Vor allem sollen die Computerkenntnisse verbessert und die eigene Kreativität ausgelebt werden" , resümiert Diplom-Psychologe Franz Machilek. "Es zeigt sich, dass beim Bau einer Homepage auch solche Aspekte eine Rolle spielen, die sich nicht vorrangig auf soziale Interaktionen mit anderen beziehen, sondern eher auf die Entwicklung und Erweiterung persönlicher Kompetenzen."

Prof. Dr. Astrid Schütz zufolge wolle sich die Mehrheit der Homepage-Besitzer zwar authentisch darstellen, "aber natürlich nicht von der schlechtesten Seite." Also würden sie häufig auf Fotos zurückgreifen, die sie als besonders gelungen empfinden. Inhalte würden stark selektiv und kontrolliert ausgewählt und publiziert, was allerdings für den Internet-Nutzer auch keine echte Überraschung darstellen dürfte.

Die Studie wurde im Rahmen der Chemnitzer Forschergruppe " Neue Medien im Alltag(öffnet im neuen Fenster) " der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durchgeführt. Die ausführlichen Ergebnisse der Untersuchung werden in der im Hogrefe-Verlag erscheinenden "Zeitschrift für Medienpsychologie" (Heft 3/2004) veröffentlicht.

Kommentar:
Ob jeweils nur persönliche Websites oder auch die immer mehr Zulauf findenden Web-Tagebücher – die Weblogs oder kurz Blogs – untersucht wurden, gaben die Forscher nicht an. Hier ist eine tägliche Aktualisierung für den Nutzer meist einfacher, lädt dadurch zu mehr privaten Veröffentlichungen ein und lockt entsprechend auch mehr Fremde an. Im Vergleich dazu sind herkömmliche Privat-Homepages – sofern nicht ein Content-Management-System zum Einsatz kommt – weniger lebendig und erfordern meist mehr technisches Wissen.

Nachtrag vom 7. Juli 2004, 12:22 Uhr:
Auf Nachfrage von Golem.de erklärte Franz Machilek, einer der Verantwortlichen der Studie, dass man überprüft habe, wann die Sites das letzte Mal aktualisiert wurden – in der Regel sei dies das letzte Mal vor einem Jahr geschehen. In der Stichprobe seien zwar auch Sites vertreten gewesen, die ein Tagebuch/Weblog eingebunden haben, es seien aber mit einem Anteil von ca. 5 Prozent nicht besonders viele gewesen. Allerdings würden gerade noch rund 40 Homepages untersucht, die für eine augenscheinlich sehr extensive Persönlichkeitsdarstellung genutzt werden und/oder die technischen Möglichkeiten in besonderer Weise ausnutzen, etwa in Form virtueller Rundgänge durch die Wohnung. Die Autoren/-innen dieser Stichprobe hätten relativ oft Tagebücher bzw. Logs und würden sich hinsichtlich verschiedener Persönlichkeitsmerkmale teilweise deutlich von der Zufallsstichprobe unterscheiden und ihr Angebot häufiger aktualisieren. Die Ergebnisse dieser Stichprobe seien aber noch nicht endgülitg ausgewertet, so Machilek.


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