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Interview: Ist Wikipedia der Tod von Brockhaus und Co.?

Golem.de im Gespräch mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Vor gut drei Jahren gestartet, kann die freie Enzyklopädie Wikipedia heute mit knapp 800.000 Einträgen eine stattliche Sammlung vorweisen, die die meisten herkömmlichen Enzyklopädien in den Schatten stellt. Allein die deutschsprachige Ausgabe zählt deutlich über 100.000 Artikel und wächst täglich um rund 500 weitere Artikel. Golem.de sprach mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über die Gegenwart und Zukunft der freien Enzyklopädie.
/ Jens Ihlenfeld
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Golem.de: Wikipedia zählt zu den erfolgreichsten Projekten im Bereich freier Inhalte. Worin liegt die Stärke von Wikipedia?

Jimmy Wales: Zunächst einmal ist es frei. Jeder kann die Inhalte frei nutzen, absolut frei. Man kann die Inhalte nehmen, ändern und wieder verteilen, das ist anders als bei jeder anderen Enzyklopädie zuvor.

Die zweite große Stärke des Projekts besteht darin, dass alles nahezu in Echtzeit bearbeitet und aktualisiert wird. Die Einträge bleiben dadurch auf dem neuesten Stand, ganz im Gegensatz zu den traditionellen Enzyklopädien und auch deren Internet-Ausgaben.

Wenn beispielsweise eine bekannte Persönlichkeit stirbt, wird man es kaum schaffen, rechtzeitig vor dem Rechner zu sitzen, um zu sehen, wie der Eintrag aktualisiert wird.

Golem.de: Der ursprüngliche Ansatz, den Sie mit Nupedia verfolgten, war aber ein anderer?

Wales: Ich hatte die Idee für eine freie Enzyklopädie und entschied, dass dies etwas sei, das die Welt braucht. Daher gründete ich Nupedia, allerdings mit einem ganz anderen Entwicklungsmodell. Dies glich mehr dem Bau einer Kathedrale mit einem sehr komplizierten Peer-Review-Modell – und das funktionierte einfach nicht. Es war für Freiwillige sehr schwer, und letztendlich auch frustrierend für alle Beteiligten.

Dann stolperten wir aber über das Konzept von Wiki-Software und setzten es für uns um. Und das war ein sofortiger Erfolg für uns. All diese aufgestaute Energie – die Leute wollten mithelfen, aber es war zu kompliziert – sorgte dafür, dass Wikipedia sofort abhob.

Golem.de: Es ist also in erster Linie der "Bottom-Up-Ansatz", der Wikipedia erfolgreich macht?

Wales: Genau. Was die meisten Leute aber nicht begreifen ist, dass jeder jederzeit nahezu alles an der Website ändern kann. Man geht auf die Website, klickt und schreibt oder ändert einen Artikel – fertig. Ohne Anmeldung, auch wenn das unmöglich klingt, es ist wahr. Das ist ultimatives "Bottom-Up-Editing".

Golem.de: Welche Aufgabe haben Sie im Rahmen des Projekts Wikipedia?

Wales: Ich bin Präsident der Wikimedia Foundation und in der Regel sorge ich zusammen mit Freiwilligen dafür, dass sich alle an die Regeln halten. Und ich gebe Interviews, halte Reden und applaudiere den freiwilligen Helfern, welche die eigentliche Arbeit machen.

Wir haben eine Reihe von freiwilligen System-Administratoren, die sich um die Server kümmern, freiwillige Administratoren, die aufpassen, dass auf den Webseiten alles in Ordnung ist und viele Tausend Autoren, die täglich Artikel schreiben. Mein Job ist es, den Weg zu weisen und für den richtigen Umgangston zu sorgen – gegenseitiger Respekt und Leidenschaft für das, was wir tun und die Vision, die wir verwirklichen wollen.

Golem.de: Ich habe allerdings den Eindruck, dass Wikipedia in technischer Hinsicht sehr zentralistisch organisiert ist. Obwohl es zahlreiche lokalisierte Wikipedia-Versionen weltweit gibt, stehen die Server doch alle in den USA. Gibt es Pläne, das System dezentraler zu gestalten?

Wales: Derzeit untersuchen wir, was der beste Ansatz ist. Unsere Entwickler sind momentan aber der Meinung, dass eine zentrale Server-Farm der beste Weg ist, um Stabilität und Skalierbarkeit sicherzustellen. So funktionieren alle größeren Websites und die meisten Software-Werkzeuge sind darauf ausgelegt.

Wir haben aber zu Testzwecken einige Proxy-Server in Europa aufgestellt, um die Last zu verteilen. Und das werden wir wahrscheinlich auch langfristig machen, also einige Proxys in Übersee aufstellen.

Golem.de: Es gibt zahlreiche Mirrors der Wikipedia, also Seiten, welche die Inhalte der Wikipedia spiegeln. Auch wenn die Inhalte unter der GNU FDL lizenziert werden, führt dies mitunter zu einem gewissen Unmut unter den Autoren. Wie ist die offizielle Position des Projekts bezüglich solcher Spiegelungen?

Wales: Wir freuen uns über Mirrors. Die Inhalte stehen unter einer freien Lizenz. Die Leute können sie also nehmen und damit machen, was sie wollen, sofern sie sich an die Lizenz halten. Es kommt ab und an vor, dass Leute einen Mirror aufsetzen, ohne die Pflichten der Lizenz zu kennen, z.B. die Nennung der Autorennamen. Aber meist reicht es, mit den Leuten zu sprechen und sie auf die Pflichten der Lizenz hinzuweisen.

Der Punkt ist, es geht darum, die Informationen auf allen erdenklichen Wegen zu verbreiten.

Golem.de: Bietet die Stiftung auch juristische Dienstleistungen für ihre Autoren an, beispielsweise zur Durchsetzung der Lizenz oder vor Forderungen Dritter?

Wales: Richtig, eine der Aufgaben der Stiftung ist es, als Organisation für rechtlichen Schutz zu sorgen und den freien Aspekt unserer Arbeit zu schützen. Bislang war das aber noch nicht nötig, wir hatten damit noch keine Probleme. Wir schreiben eine Enzyklopädie, wir treten also niemandem wirklich auf die Füße. Das ist auch nicht unsere Art und hält uns Ärger vom Hals. Aber ja, dafür ist die Stiftung da.

Golem.de: Wikipedia hat seit einiger Zeit den Sprung in andere Medien geschafft. Es gibt beispielsweise eine DVD- und PDA-Version und seit kurzem mit den Wikireadern auch eine gedruckte Ausgabe der Wikipedia. Diese Ideen entstammen alle der Wikipedia-Community und werden unabhängig umgesetzt. Welche Pläne haben Sie mit Wikipedia?

Wales: Also mein ultimativer Traum ist eine freie Enzyklopädie, die an alles und jeden auf dem Planeten verteilt wird. Ob nun ich über die WikiMedia-Foundation direkt daran beteiligt bin oder dies zusammen mit anderen Unternehmen geschieht, spielt keine Rolle. Wenn es wie beim Linux-Kernel wäre, wo Unternehmen wie Red Hat und Suse die Software vertreiben, dann wäre das absolut in Ordnung. Das würde ich auch gern sehen.

Golem.de: Leute wie Richard Stallman oder Eben Moglen von der Free Software Foundation verfolgen die Vision einer freien Gesellschaft, eine Idee, die weit über freie Software hinausgeht. Bleibt bei der Existenz einer freien Enzyklopädie aus Ihrer Sicht noch Raum für proprietäre Enzyklopädien, die heute in einigen Bereichen noch Vorteile gegenüber Wikipedia aufweisen?

Wales: Ich denke, das Geschäftsmodell proprietärer Enzyklopädien ist dem Untergang geweiht. Bereits in einem Jahr wird es schwer sein, noch einen Mehrwert in proprietären Enzyklopädien zu sehen. Heute sind sie uns noch in einigen Punkten überlegen, aber wir holen auf.

Und anders als im Software-Bereich gibt es keine Netzwerk-Externalitäten und nicht dieses Phänomen des technischen Lock-In. Für jemanden, der Windows benutzt, ist es schwer, auf Linux umzusteigen, da auch alle anderen Windows benutzen und es gibt diese ganzen Kompatibilitätsprobleme in Bezug auf die Dateiformate. Auch wenn Linux schon sehr weit gekommen ist, ist es immer schwierig, sich an ein neues System zu gewöhnen.

Bei Wikipedia muss man aber nichts neu lernen, es gibt kein neues System. Man klickt auf einen Artikel in Wikipedia und liest ihn statt zunächst irgendwo 1.200 US-Dollar auszugeben, um eine Enzyklopädie zu kaufen. Daher werden wir das Geschäft mit Enzyklopädien umkrempeln und die kommerziellen Modelle untergraben.

Golem.de: SCO sorgt mit seiner Kampagne gegen Linux derzeit für viel Wirbel. Dabei führt man auch die Verletzung von Urheberrechten an. Welche Vorkehrungen trifft Wikipedia, um Urheberrechtsverletzungen zu vermeiden?

Wales: Wir schlagen auf der Website einen harten Weg ein, um gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen. Wir sind nicht eines dieser Peer-to-Peer-Netzwerke, die sich über das System des Urheberrechts beklagen. Jeder freiwillige Helfer weiß, dass die Sicherheit von dem was wir tun, langfristig davon abhängt, dass wir keine Urheberrechtsverletzungen begehen. Das ist aber auch eine Frage der wissenschaftlichen Integrität, denn Plagiarismus, also die Arbeit eines anderen als die eigene ausgeben, ist moralisch falsch.

Wir haben daher ein ausgefeiltes System, um gegen Urheberrechtsverletzungen auf der Seite vorzugehen. Zudem schützt uns der Digital Millennium Copyright Act (DMCA) gegen Urheberrechtsmissbrauch. Schicken uns Rechteinhaber eine formale "Take Down Notice", durchläuft diese einen internen Prozess und wir nehmen die Inhalte von der Seite. Wenn sich jemand über etwas beschwert, nehmen wir es in der Regel von der Seite, das ist am einfachsten für uns.

Golem.de: Können Sie mir zum Schluss noch etwas über Ihr neues Projekt Wikia verraten?

Wales: Nein. Das ist zwar kein Geheimnis, aber noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Golem.de: Welche Idee steckt denn hinter diesem Geheimnis?

Wales: Die Idee ist es, das Wikipedia-Prinzip auf Suchmaschinen anzuwenden. Wenn man bei Google etwas sucht, findet man all diese schrecklichen Seiten. Auch wenn sie gute Arbeit leisten, habe ich das Gefühl, es müsste einen Weg geben, dass Leute gemeinschaftlich den Suchroboter kontrollieren und so den Suchindex beeinflussen können. Es gibt da aber viele Hürden zu überwinden, denn anders als im Enzyklopädie-Geschäft gibt es hier viele finanzielle Anreize, die Suchergebnisse zu verfälschen. Es ist also eher ein Experiment, über das ich nachdenke.


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