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Spieletest: Railroad Pioneer - Wirtschaft auf Westernschiene

Mit dem Zug quer durch Nordamerika. In Railroad Pioneer von JoWooD führt der Spieler eine Bahngesellschaft, deren Ziel es ist, eine Strecke von der Ost- zur Westküste des nordamerikanischen Kontinents zu errichten. Im Jahre 1830 sind außerdem konkurrierende Gesellschaften, Banditen und Indianer mit von der Partie.
/ Thorsten Wiesner
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Die zehn linearen Missionen der Kampagne führen den Spieler von New York über Kansas und die Rocky Mountains bis nach San Francisco. Der Ablauf der einzelnen Missionen ist ziemlich ähnlich: Die Aufgabe reicht meist vom Anschluss einer bestimmten Stadt an das Streckennetz bis zur Lieferung einer Warenart. Auch die Teilziele, die während einer Mission erst entdeckt werden müssen, entsprechen meistens diesem Schema.

Man merkt deutlich, dass der Pioniergeist im Vordergrund steht. Für den Spieler bedeutet das, stets in einem unbekannten Gebiet mit knappen finanziellen Mitteln und einigen wenigen Lokomotiven zu starten. In der näheren Umgebung sind häufig Rohstofflieferanten wie beispielsweise ein Bergwerk oder eine Farm zu finden. Die ersten Dollars aus dem Verkauf der Güter fließen sofort wieder in das Streckennetz, den Fuhrpark oder Erkundung der Umgebung.

Die Kundschafter machen sich mit Planwagen auf den Weg, um die verdeckte Karte zu erforschen. Der Pionier führt das Team - nur er kann bisher unbekanntes Gebiet erschließen. Ballonfahrer und Flößer ermöglichen die Fortbewegung über natürliche Hindernisse wie Wasser und Berge. Findet das Team auf seinem Weg einen neuen Industriestandort, wird dieser vom Prospektor bewertet und steht fortan als Handelspartner zur Verfügung. Um den Gefahren in der Prärie zu begegnen, kann der Spieler auch Trapper, Revolverhelden, indianische Unterhändler und sechs weitere Spezialisten anheuern.

Für den fachgerechten Transport der Waren muss der Spieler Wagons herstellen und zu Zügen zusammensetzen. Bei der Wahl der Lok ist auf das Gefälle im Streckenverlauf und das Gewicht der Ladung zu achten, damit das Verhältnis zwischen Geschwindigkeit und Zugkraft stimmt. Railroad Pioneer bietet 25 historische Lokomotiven mit einem individuellen Upgrade-System an. Das bedeutet, dass jede Lok für die Erledigung von Spezialaufträgen Veteranenpunkte erhält, mit denen Geschwindigkeit, Zugkraft oder die Verbrauchskosten verbessert werden können. Auf diese Weise kann der Spieler exzellente Dampfrösser "züchten" und sie für die nächste Mission nutzen.

Der Spieler in Railroad Pioneer ist im Vergleich zu Railroad Tycoon 3 dichter am Geschehen. Die Zeit vergeht relativ langsam - ein Tag entspricht etwa 15 Sekunden Echtzeit - und kann nicht angehalten werden. Der Bau einer Bahnstrecke mit zwei Bahnhöfen und Signalen dauert unter Umständen bis zu einem Monat. Da kann es gut sein, dass dem Spieler eine konkurrierende Gesellschaft zuvor kommt.

Die Simulation des Zugverkehrs ist einigermaßen gut gelungen: Es gibt richtige Weichen, die nur auf korrekte Weise befahren werden können und zudem zehnmal teurer sind als ein normales Gleisstück. Weiterhin kann ein Gleisabschnitt nur von einem Zug zur selben Zeit befahren werden. Signale helfen, den Verkehrsfluss zu regeln, damit sich die Züge nicht in den Bahnstationen stauen. Das Verlegen der Strecken geht dabei leicht von der Hand.

Die Routenzuweisung ist relativ gewöhnungsbedürftig und klick-intensiv. Zuerst muss der Spieler Lok und Wagons wählen; dann bis zu fünf Zielbahnhöfe und jeweils die Frachtmenge. Sollte an einem Bahnhof mehr Fracht zur Verfügung stehen, während der Zug dorthin unterwegs ist, kann man die Route nicht ohne weiteres anpassen - sie muss vielmehr komplett neu erstellt werden. Im weiteren Spielverlauf mit zunehmender Verbindungsanzahl geht schnell die Übersicht verloren, weil die Züge nur nach der Lokomotiv-Marke - und damit überwiegend identisch - benannt sind. Die lukrativen Termingeschäfte lassen sich dann kaum noch erledigen.

Insgesamt gibt es in Railroad Pioneer 22 Industrietypen mit entsprechenden Warenklassen. Das Wirtschaftssystem ist komplett vom Gütertransport der Bahn abhängig. Zum Beispiel entsteht in einer Stadt nur dann eine Textilfabrik, wenn regelmäßig Wolle in diese Stadt geliefert wird. Versorgt der Spieler die Fabrik weiterhin mit Wolle, entstehen dort Textilien und die Fabrik bekommt Handelspunkte. Diese kann der Spieler einsetzen, um die Produktionszeit, den Produktionsfaktor oder die Kapazität des Ausgangslagers zu verbessern.

In den Städten gibt es neben den Fabriken noch Viertel, die für bestimmte Wirtschaftsgüter und Komponenten wichtig sind. Im Werksviertel werden Lokomotiven und Wagons hergestellt, das Geographenviertel bildet die Erkundungstrupps aus und im Ingenieursviertel werden Verbesserungen für die alten Lokomotiven erforscht oder gänzlich neue Loks entwickelt. Ein Schwachpunkt ist hier, dass in der Werkshalle nicht mehrere Bauaufträge hinterlegt werden können. So muss der Spieler das Werk für jeden einzelnen Wagon neu betreten oder die Bauzeit abwarten.

Die Viertel haben noch eine weitere besondere Funktion: Liefern zwei Spieler ihre Fracht in dieselbe Stadt, beginnt zwischen ihnen ein Handelskrieg. Die Viertel entscheiden dann in Runden, die über mehrere Tage gehen, welcher Spieler der Stadt mehr Nutzen und Umsatz bringt. Kontrolliert der Spieler alle Viertel, erhält er für 60 Tage ein Handelsmonopol.

Im Rathaus der Städte kann der Spieler Saboteure beauftragen, um den Zugverkehr des Gegners zu behindern oder die Beamten bestechen, damit die Statistiken während eines Handelskrieges zu seinen Gunsten geschönt werden. Allerdings wird auch der Gegenspieler zu diesen Mitteln greifen. Ansonsten beschränkt sich die künstliche Intelligenz anscheinend auf diese Handelskriege, denn im Test hatte der Gegner eigentlich die Möglichkeit, die Missionsziele als Erster zu erfüllen, sah aber davon überraschenderweise ab.

Optisch macht Railroad Pioneer einen soliden Eindruck. An den detaillierten Zügen gibt es nichts auszusetzen, nur die Szenerie ist ohne animierte Flora und Fauna ziemlich leb- und lieblos gestaltet - die Städte wirken zudem recht gleichförmig. Hier hätte mehr Abwechslung und etwas Leben gut getan. Das Spielgeschehen wird durch eine fest positionierte, aber zoombare Kamera betrachtet.

Das für das Spiel optimale System besteht mindestens aus einem Prozessor mit 1,2 GHz, 256 MByte Arbeitspeicher und einer 64-MByte-Grafikkarte. Das Spiel kann auf Windows 98/ME/2000/XP installiert werden und belegt etwa ein GByte auf der Festplatte.

Fazit
Railroad Pioneer ist ein anständiger Mix aus Wirtschafts- und Zugsimulation und versteht sich nicht als Konkurrenz zu Railroad Tycoon 3. Neue Ansätze im Spielablauf mit der Erkundung, der Forschung und dem Punktesystem für Loks und Fabriken machen das Spiel bislang einzigartig. Nur der im späteren Spielverlauf immer wiederkehrende Missionsablauf und die aufwendige Steuerung stellen den Spieler auf die Geduldsprobe. [Von Alexander Vock]


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