Neuer Titel von Siedler-Entwickler Volker Wertich. Lange hat das Entwicklerteam Phenomic um den ehemaligen Siedler-Programmierer Volker Wertich an Spellforce gearbeitet – schließlich wollte man mit diesem Spiel eine völlig neue Gameplay-Kombination aus Rollenspiel und Strategie erschaffen und das Ganze derart schön präsentieren, wie es ansonsten nur große amerikanische Unternehmen der Marke Blizzard hinbekommen. Im Großen und Ganzen ist ihnen das auch geglückt – wenn Spellforce auch nicht alle der zweifellos immens hohen Erwartungen erfüllen kann.
Gleich nach Spielstart ist man zunächst einmal baff: Das grandiose Render-Intro führt gekonnt in die von Magie und großen Kriegen geprägte Geschichte ein. 13 mächtige Zauberer haben in ihrer unendlichen Gier dafür gesorgt, dass die ganze Welt im Chaos versinkt, zahlreiche Kontinente komplett zerstört wurden und nur noch einzelne Landfetzen den Überlebenden Unterschlupf bieten. Diese Inseln sind mit Portalen verbunden, die es ermöglichen, zwischen den Landschaften hin- und herzureisen. Leider treibt das Böse immer noch sein Unwesen – und der Spieler ist dazu auserkoren, das Gleichgewicht der Elemente wieder herzustellen.
Dazu erschafft man sich zunächst einmal einen Avatar, der über diverse Fähigkeitswerte – etwa in den Bereichen Weisheit und Stärke – sowie bestimmte Spezialfähigkeiten verfügt. Im Spielverlauf nehmen diese Werte durch gewonnene Kämpfe und Erfahrung natürlich beständig zu, so dass der Charakter eine immer entscheidendere Rolle im Spielverlauf einnimmt.
In mehr als 20 Hauptmissionen und zahlreichen Unteraufgaben bereist man die angesprochenen über 20 Landinseln und wird natürlich häufig in Gefechte verwickelt. Dank des von Phenomic entwickelten "Click'n'Fight"-Systems ist die Bedienung dieser Kämpfe recht simpel – man klickt einfach nur die zu attackierenden Gegner an und wählt komfortabel aus einer Reihe möglicher Optionen. Überhaupt ist die Maus-Steuerung sehr durchdacht und übersichtlich gestaltet.
Besiegte Gegner hinterlassen diverse Gegenstände, die sich entweder gewinnbringend verkaufen oder für die eigene Party benutzen lassen. Neben Waffengewalt spielt aber auch die Magie natürlich eine große Rolle, vor allem, wenn man gegen riesige Titanen-Gegner wie Zyklopen oder auch Drachen kämpft; über 90 Zaubersprüche lassen hier kaum Wünsche offen.
Für erfolgreich durchgeführte Quests erhält man Runen, die sich für den Strategie-Part des Spieles nutzen lassen – die Runen symbolisieren bestimmte Einheiten, die zum Basenbau benötigt werden. Während man also eine der über 20 wunderschön anzusehenden Land-Inseln durchstreift, lässt man eigene Arbeiter an einer neuen Basis inklusive Häuser, Verteidigungstürme und zahlreicher anderer Objekte zimmern. Ressourcen müssen natürlich abgebaut und verteidigt werden, zudem ist der Aufbau einer schlagkräftigen Armee gefragt. Dabei zieht man übrigens wahlweise mit unterschiedlichen Völkern wie Elfen, Orks, Menschen, Zwergen, Dunkelelfen und Trollen in die Schlacht. Die Welt, in der man spielt, entwickelt sich dabei beständig weiter: Ein gerade von Dunkelelfen befreiter Landstrich kann beim nächsten Besuch von Trollen überfüllt sein.
Kommt es dann zum Kampf mit dem Computergegner, offenbart sich leider einer der großen Minus-Punkte des Spiels – die wirklich mangelhafte KI. Die gegnerischen Truppen rennen nahezu blind an; selbst wenn man die ersten Armeen besiegt hat, findet kein Taktikwechsel auf Computerseite statt. Schwer sind die Kämpfe dennoch, da der Gegner beständig neue Einheiten in die Schlacht schickt und man zahlreiche Verteidigungsanlagen errichten muss, um des Ansturms Herr zu werden. Ruhe ist erst, wenn alle Gebäude des Angreifers dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Während die über 20 Hauptmissionen in puncto Einfallsreichtum etwas zu wünschen übrig lassen – mal soll die gegnerische Basis infiltriert, dann wieder die eigene beschützt werden -, sind die Unteraufgaben wie das Erwecken eines Homunculus oder das Besorgen von Spinnenseide oftmals recht witzig. Weniger witzig sind die langen Wegstrecken zwischen den einzelnen Aufträgen, die die ohnehin schon sehr umfangreiche Spielzeit nochmals unnötig verlängern.
Hinsichtlich der Präsentation haben die Entwickler Großes geleistet – Spellforce bietet eine der schönsten Fantasy-Welten, die man je zu sehen bekam, sowohl in der 3rd-Person- als auch in der Draufsicht. Hoch auflösende Texturen, unzählige Details, beeindruckende Effekte – von Anfang bis Ende gibt es hier unzählige prachtvolle Landschaften und Charaktere zu entdecken. Auch der bombastische Klassik-Soundtrack und die äußerst umfangreiche Sprachausgabe sind eine Klasse für sich. Will man diesen optischen und akustischen Genuss aber in voller Qualität erleben, ist ein High-End-PC zwingende Voraussetzung – ohne mindestens einen 2-GHz-Rechner ist ein flüssiges Spielen in hohen Auflösungen nicht machbar.
Wer angesichts der insgesamt über 70 Haupt- und Nebenmissionen, 90 Zaubersprüchen und zahlreichen Runen, Einheiten und Charakterwerten den Überblick verliert, sollte auf das wirklich liebevoll aufgemachte offizielle Strategiebuch zurückgreifen, das auf über 160 schön gestalteten Seiten sämtliche Aufgaben umfassend erklärt.
Noch ein Wort zum Multiplayer-Modus: Bisher ist der leider kaum der Rede wert – einige wenige Spieloptionen und ein sehr eingeschränkter Aktionsradius verleiden einem das Online-Vergnügen schnell. Nachbesserung wird es hier wohl erst mit dem Add-On geben, das nach Angaben von Phenomic zahlreiche Multiplayer-Optionen mit sich bringen soll.
Fazit: Mit Spellforce ist Phenomic ein wirkliches Epos gelungen, das vom Spieler vor allem immens viel Zeit verlangt – die umfangreichen Strategie- und Rollenspielmissionen lassen sich nicht mal eben nebenbei durchspielen. Aber auch wenn in einigen Punkten durchaus Kritik angebracht ist – etwa bei der miesen KI, den langen Wegstrecken oder dem schwachen Multiplayer-Part – ist Spellforce durchaus ein Spiel, das Akzente setzt. Die Kombination aus Strategie und Rollenspiel ist gut gelungen, die famose Präsentation setzt sogar international Akzente – wer umfangreiche Fantasy-Szenarien mag, sollte die Welt von Spellforce unbedingt bereisen.