Interview: Deutsche Spieleentwickler im Ausland chancenlos?
Golem.de: Frau Limpach, Ubi Soft will sich nach eigenen Angaben dafür einsetzen, dass der deutschen Spieleindustrie eine stärkere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteil wird. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass die Spielebranche in Deutschland vor allem im Vergleich zu anderen europäischen Ländern so wenig wahrgenommen wird?
Aber Spiele werden nicht ausschließlich nur für diese Zielgruppe gemacht. Letztendlich geht es bei uns um interaktive Unterhaltung, die mit den unterschiedlichsten Facetten insbesondere für Familien interessant ist. Gegenüber dem Ausland hinkt Deutschland in diesem Bereich hinterher. In Frankreich oder Großbritannien ist es ganz normal, dass eine Spielekonsole im Wohnzimmer neben dem Videorekorder steht. Entsprechend ist dort familiengerechte, interaktive Unterhaltung akzeptiert und beeinflusst so neben der Freizeitgestaltung auch gesellschaftliche Bereiche wie Ausbildung, Arbeitsmarkt und Wirtschaft. Da die Spielekonsolen nun auch onlinefähig sind und im Ausland diese Angebote vom Kunden genutzt werden, muss man sich fragen: Verliert Deutschland hier den Anschluss? Werden deutsche Firmen auch Technologiegeber für diesen Markt sein?
Die stärkere Wahrnehmung unserer Branche liegt aber auch daran, dass viele Unternehmen wie Ubi Soft ihren Hauptsitz im Ausland haben und diesen durch eine dortige Börsennotierung unterstreichen. Auftritte beispielsweise im Börsenteil der Hauptnachrichten steigern die Aufmerksamkeit immens.
Golem.de: Ubi Soft hat eines seiner großen Entwicklungsstudios in Montreal/Kanada. Was sind die Gründe dafür, dass man sich dort angesiedelt hat? Erfährt man dort Unterstützung, die es in dieser Form etwa in Deutschland nicht gibt?
Limpach: Generell ist das Zusammenspiel zwischen Stadt, Staat und Unternehmen in Montreal sehr gut. Vor der Ansiedlung in Kanada fanden Treffen auf höchster Ebene statt. Letztendlich hat sich Kanada um unsere Branche sehr bemüht. Flexibilität und Bürokratieabbau wurden hierfür vorgelebt und waren für uns als Unternehmen direkt erfahrbar. Hier zu Lande wird darüber bislang nur diskutiert. Neben der aktiven Förderung auf kommunaler und staatlicher Ebene kann aus anderen Technologiebranchen und Universitäten leicht auf qualifizierte Mitarbeiter zurückgegriffen werden. Montreal bietet außerdem neben niedrigen Lebenshaltungskosten und einem reichen Kultur- und Freizeitangebot den Vorteil der Zweisprachigkeit an, was Kommunikationsprobleme extrem minimiert. Gleichzeitig ist man aber dem wichtigen Markt USA ganz nahe.
Andere Gründe liegen natürlich auch in den berühmten "Wettbewerbsnachteilen", die auch ganz andere Branchen beeinflussen und über die man zurzeit tagtäglich in den Zeitungen liest. Risikokapital und Investionen fließen nun einmal in Länder, die über hervorragend ausgebildete Mitarbeiter verfügen und in denen gleichzeitig die Steuerlast und Lohnnebenkosten gering sind. Speziell für unsere Branche kommt dann noch hinzu, dass in diesen Ländern ein Vorsprung durch eine gewisse Videospielkultur und -tradition existiert, in der unsere Industrie wie selbstverständlich Kontakte zu Colleges und Universitäten unterhält, hier Personal rekrutiert und entsprechend gesellschaftlich akzeptiert wird.
Die deutsche Politik ist dagegen etwas schwerfällig: Ein Programm, das 10.000 so genannte "GreenCard-Inder" für die IT-Industrie bewilligt, von denen dann nur ein Bruchteil kommt, ist tagelang in allen Medien präsent und wird öffentlich diskutiert. Dass unsere Industrie aber auf höchstem technischen Niveau Programmierer, Grafikdesigner und Internetspezialisten einsetzt, hat sich weder bei der Regierung noch bei potenziellen Bewerbern rumgesprochen. Natürlich können wir in unserem deutschen Studio nicht von jetzt auf gleich hunderte Stellen schaffen. Aber als internationaler Publisher können wir interessante Spielideen aus Deutschland finanzieren, vermarkten und weltweit distribuieren, wie z.B. Far Cry. Also erhöht jede Hilfe aus dem öffentlich-rechtlichen Sektor für unabhängige Spieleschmieden sofort die Chance, Arbeitsplätze zu sichern und – wenn dort ein potenzieller Spielehit entsteht – neue Arbeitsplätze zu schaffen.
Golem.de: Sie fordern unter anderem die finanzielle Unterstützung seitens der Politik, wie sie kürzlich etwa in Frankreich angekündigt wurde. Gibt es in Deutschland bereits Gespräche zwischen Regierungsvertretern und der Spielebranche? Und wenn ja, wie weit wird seitens der Politik bisher Entgegenkommen signalisiert?
Limpach: Es gab ein Zusammentreffen auf allerhöchster Ebene. Zum Thema Jugendschutz haben Branchenvertreter am "Runden Tisch" im Bundeskanzleramt diskutiert. Jugendschutz ist uns natürlich äußerst wichtig, wie wir mit der USK bewiesen haben. Das hat der Gesetzgeber ja auch schließlich gewürdigt. Dieses Engagement seitens der Politik würden wir uns auch wünschen, wenn es um die Themen Technologietransfer und Arbeitsmarkt geht. Frankreich machte jüngst von sich reden, da die Politik mit Ausschreibungen unabhängige Spielestudios fördert, damit diese ihre Spielideen vorfinanzieren können, bis sie Publisher für ihr Projekt finden. Auch der Besuch von Viviane Reding, EU-Kommissarin für Bildung und Kultur, in unserem Studio in Paris muss hier genannt werden. Frau Reding war fasziniert von der Komplexität einer Spieleproduktion. Sie betonte, dass Spiele Kulturgüter sind und wir uns als Europäer fragen müssen, ob wir Spielinhalte stets nur importieren oder auch selbst schaffen wollen. Durch solche Begegnungen von Politik und Industrie werden Berührungsängste abgebaut.
Unsere Branche braucht solche öffentlichkeitswirksamen Aktionen in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen und Ebenen. Unserem Branchenverband, dem VUD, wird hier in Zukunft eine große Bedeutung zukommen. Ein Verband ist natürlich nur so stark wie ihn seine Mitglieder machen. Aber, dass Deutschland nicht den Anschluss verlieren darf, ist natürlich auch unseren Mitbewerbern klar.
Golem.de: Bisher schaffen es nur sehr wenige Produktionen aus Deutschland, auch auf internationalem Parkett erfolgreich zu sein. Was denken Sie sind die Gründe hierfür?
Limpach: Schauen wir mal auf einen anderen Bereich der Unterhaltung: Das europäische Kino spielt in Nordamerika beispielsweise eine untergeordnete Rolle. Eine kleine Zielgruppe begeistert sich in den USA vielleicht für den anspruchsvollen europäischen Film, aber Blockbuster "Made in Europe" werden stets von Hollywood neu verfilmt. Denn nur dann stimmt der Look und die Machart für den US-Kinogänger. Genau, das ist auch auf Unterhaltungssoftware übertragbar. Spielen aus Deutschland wird im Ausland nachgesagt, einfach "deutsch" auszusehen. Deutsche Produktionen besetzen meistens Genres, wie Aufbaustrategiespiele, die hier zu Lande äußerst populär, aber im Ausland nicht die Nummer 1 sind. Die Spielideen bzw. Gamedesigns aus Deutschland berücksichtigen viel zu wenig ausländische Geschmäcker. Ein Beispiel: In amerikanischen Strategiespielen kann der Spieler grundsätzlich auch Dinge ausprobieren, die für den Spielerfolg wenig Sinn machen. Er ist in seinem Tun innerhalb der Spielwelt frei.
Deutsche Produktionen setzen dagegen auf sinnhaftes Handeln und begrenzen die Möglichkeiten des Spielers. Dies ist für ausländische Spieler so, als ob in deutschen Games unsichtbare Regeln existieren, die sie nicht verstehen. Deutsche Spiele sind manchmal mit einem zähen Einstieg ins Spielgeschehen verbunden, ausländische Spielkonzepte sind dagegen vielmals selbsterklärend: Hier stehen deutsche Einstiegsbarrieren dem "Plug & Play"-Prinzip gegenüber. Eine Rolle spielt sicher auch, dass die Positionen des Producers und Gamedesigners in deutschen Studios entweder gar nicht besetzt oder anders interpretiert wurden. Weitere Gründe: Ähnlich wie der US-Film auf technisch hochwertige und teure Produktionen im Film und bei Spielen setzt, sind deutsche Produktionsbudgets in der Regel geringer und begrenzen dann leider auch die technischen Möglichkeiten.
Golem.de: Bisher sind auch nur wenige deutsche Entwickler-Teams von Ubi Soft unter Vertrag genommen worden, die Übernahme von Blue Byte und das jetzt in der Entwicklung befindliche Far Cry vom Coburger Entwicklungsteam Crytek mal ausgenommen. Was haben die zahlreichen deutschen Entwickler, die in der Vergangenheit bei Ubi Soft angeklopft haben, vor allem falsch gemacht?
Golem.de: Die Aufbaustrategie-Reihe "Die Siedler" ist ein Beispiel für einen in Deutschland immens erfolgreichen Titel, der im Ausland allerdings kaum Interesse erzeugen konnte. Mit dem fünften Teil der Reihe soll sich das nun ändern – inwiefern wird Ubi Soft also das Spielkonzept ändern, um es auch international zu einem Erfolg zu machen?
Golem.de: So löblich der Vorstoß von Ubi Soft ist, sich um mehr Aufmerksamkeit für die Entwicklerszene zu bemühen: Warum geht man diesen Weg allein und versucht nicht, durch eine Kooperation mit anderen Publishern eventuell deutlich mehr Aufsehen zu erzeugen?
Limpach: Dies passiert bereits und wird auch in Zukunft unser Bemühen zu dem Thema dominieren. Innerhalb unseres Verbandes – dem VUD – arbeiten bereits unterschiedliche Arbeitsgruppen genau an diesem Thema. Im Rahmen der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit wurde beispielsweise der Kontakt zu wissenschaftlichen Instituten und diversen Fachbereichen der Universitäten verstärkt. Dies ist zwar erst ein Anfang, aber dabei wird es sicherlich nicht bleiben.
Der VUD strebt beispielsweise weiter an, den Kontakt zwischen Verband und heimischen Entwicklern zu verstärken, um gemeinsam den deutschen Markt zu fördern. Schließlich sind erfolgreiche Produktionen "Made in Germany" die beste Werbung für unsere Industrie und den deutschen Standort. Als Verbandsmitglied werden wir langfristig Themen wie Förderung unserer Entwickler und der Branche sowie Ausbildung und vieles mehr konstruktiv begleiten.



