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Digitalkino in Europa in der Sackgasse?

Ganze neun Digitalprojektoren stehen in Europa zur Verfügung. Der dritte Tag des Medienforums 2003 im Rahmen der Internationalen Medienwoche Berlin-Brandenburg 2003 stand ganz im Zeichen des digitalen Kinos. Visionen und Aktivitäten zur Verwirklichung digitaler Vertriebsstrukturen und Projektionssysteme aus den USA und Europa wurden präsentiert.
/ Andreas Donath
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Während vereinzelt Filme bereits digital entstehen und der größte Teil der Post-Production in so genannten "Digitallaboren" vonstatten geht, stellen die digitale Distribution und Projektion noch Stiefkinder dar. Sie "lassen zu wünschen übrig" , wie Gerhard Bergfried, Vorsitzender der Medieninitiative Babelsberg und Geschäftsführer der Studio Babelsberg GmbH, die Situation beschrieb: "In Deutschland verlieren wir womöglich bald den Anschluss."

Beim Vortrag von Frank Stirling, Geschäftsführer von Boeing Digital Cinema, konnte man sich davon überzeugen, wie ausgereift das System des amerikanischen Flugzeugbauers bereits ist. In den letzten drei Jahren ist ein Netzwerk geschaffen worden, das von der Digitalisierung von Filmmaterial über den Satellitentransport bis zum Empfang in speziell ausgerüsteten Kinos auf der ganzen Welt reicht. Ein Komplettpaket aus Empfangsantenne, DVB-Receiver und digitalem Projektor ermöglicht es dem Kinobetreiber, die vom Vertreiber zugespielte digitale Ware in seinen Filmtheatern abzuspielen. Allerdings sind solche Systeme noch sehr kostspielig (etwa 150.000 Dollar) und bislang sind weltweit nur 162 von insgesamt 120.000 Leinwänden für das digitale Abspielen in der von den Majors geforderten Qualität gerüstet.

Filme wie "Bounce" (2000), "Star Wars Episode II" (2001) oder "Spy Kids 3D" (2003) sind bereits in Mustervorführungen digital gezeigt worden. Einen Vorstoß der Technologie verspricht man sich davon, dass die sieben größten Major-Studios Hollywoods sich zu einer Digital Cinema Initiative (DCI) zusammengeschlossen haben und damit großes Interesse an der Entwicklung von Standards signalisieren. Immerhin können auf diesem Weg enorme Summen für die massenhafte Herstellung von Filmkopien eingespart werden. Allerdings muss die Qualität stimmen, so Frank Stirling, "die Erfahrung von digitalem Kino muss auf jeden Fall besser sein als alles, was der Zuschauer im Home-Cinema jemals erleben könnte" .

Im seinem Vortrag stellte Patrick von Sychowski, Senior Analyst beim Londoner Medienmarktforscher Screen Digest, verschiedene Studien zum digitalen Kino vor. Gegenwärtig entspräche die von Boeing vorgestellte Techniklösung etwa dem, was der herkömmliche 35-mm-Film oder High Definition Television (HDTV) bietet. In der Wahrnehmung der Zuschauer schneidet das gleich bleibend gute Filmbild des digitalen Kinos häufig jedoch besser ab. Besondere Marktchancen verspricht man sich im Bereich des so genannten "Alternative Content", etwa bei Sport-Events, Konzertübertragungen und kommerziellen Geschäftsanwendungen, die neben den herkömmlichen Kinofilmen in digital ausgerüsteten Filmtheatern veranstaltet werden können.

Angesichts einer Situation, bei der ein Blockbuster in der zweiten Vorführwoche bereits fünfzig Prozent des Publikumszuspruchs einbüßt und die Hälfte der Startkopienzahl somit quasi nutzlos wird, erfährt das Argument des Kopieneinsparens neuen Auftrieb. Besonders für Werbetreibende, die in digitalen Kinos wesentlich flexibler auf die Publikumsstruktur und möglicherweise auch auf regionale Bedürfnisse reagieren können, dürfte sich das digitale Kino schnell auszahlen. Die meisten Hürden, beispielsweise die Verabschiedung von international geltenden Standards, werden bis Ende 2003 genommen sein, so dass Sychowski behauptet: "Digital Cinema is a solution in search of a problem."

Etwas anders stellt sich die Situation für Mike Christmann dar, Gesellschafter von Flying Eye, der geeignete Business-Modelle für das digitale Abspiel vermisst: "Das digitale Kino befindet sich gegenwärtig im Stillstand" . Ganze neun Digitalprojektoren stehen in Europa zur Verfügung, einer davon im Berliner Zoo-Palast, subventioniert durch den amerikanischen Verleih Buena Vista und die UCI-Kinokette. Abgesehen davon, dass große amerikanische Blockbuster nur in Ausnahmefällen auf digitalen Trägern erscheinen, ist auch für Alternative Content kein rechtes Geschäftsmodell in Sicht. Allein von der Werbung verspricht sich Mike Christmann Rettung: "Ohne digitale Werbung ist Werbung tot." So können bereits 2.750 europäische Leinwände mit Werbung in einer so genannten Electronic-Cinema-Qualität bespielt werden, wofür mindere Projektoren ausreichen. Firmen wie die österreichische Cinecom, die in großem Stil Kinowerbung vermarkten, erreichen bereits fünfzig Prozent der Zuschauer mit digitaler Kinowerbung, die mittels ADSL-Leitungen in die Lichtspielhäuser übertragen wird. Für dreißig Sekunden Werbezeit werden rund sechzig Megabyte benötigt.

Von einem Projekt ganz anderer Machart berichtete Tom Remlov, Produzent der norwegischen Produktionsfirma Dinamo Story. Nachdem sich der Start des digital produzierten und nachbearbeiteten Films "Play" mehrfach verzögert hatte und sich nicht leicht in den nationalen Startkalender eintakten ließ, entschieden sich die Produzenten, den Film einfach digital zu distribuieren. Norwegen ist in der glücklichen Situation, dass fast alle Kinos mit einem Videoprojektor ausgestattet sind, einzig DVD-Player waren nicht überall vorhanden. Fehlende Geräte wurden den Kinos kurzerhand gespendet.

Von anderer Größenordnung ist die "European Docu Zone" (EDZ), ein Zusammenschluss von 175 europäischen Kinos in acht Ländern, mit dem Ziel, Dokumentarfilme auf digitalem Weg ans Publikum zu bringen. Björn Koll von der Salzgeber und Co. Medien GmbH und Kees Ryninks, in der Dokumentarfilmabteilung des Dutch Film Fund tätig, erläuterten am Nachmittag das Business-Modell der 2004 startenden EDZ. Die Kinobetreiber mussten sich verpflichten, einen wöchentlichen Termin, eine Minimumgarantie von 100 Euro und ein zeitlich bemessenes Entgelt für die Projektorbenutzung zur Verfügung zu stellen. Dafür erhalten sie einen 50.000 Euro teuren DLP-Projektor samt Übertragungstechnologie. Innerhalb von fünf Jahren soll sich das System zu dreißig Prozent durch die Programme, zu zehn Prozent durch die Projektornutzung, zu je 25 Prozent durch das europäische MEDIA-Programm und über nationale und regionale Fördergelder refinanzieren. Zehn Prozent entfallen auf Sponsoren und private Investitionen.

Anschließend stellte Frank Hellmann von der Hamburger Post-Production-Firma Optical Art GmbH am Beispiel der zu weiten Teilen im Studio Babelsberg entstandenen Hollywood-Großproduktion "Around the World in 80 Days" den Workflow bei der Erstellung von Digital Dailies" vor. Damit die Produzenten und der Regisseur beim Dreh im fernen Thailand die Muster des Vortags begutachten konnten, wurde in einer logistischen Meisterleistung das Filmmaterial am frühen Abend per Flugkurier nach Babelsberg geschickt, dort entwickelt und ein Positiv-Muster erstellt. Im Anschluss entstand ein High-Definition-Kodierung im MPEG2-Format, das auf einer Festplatte per Flugkurier wieder nach Bangkok auf den Weg ging und auch in minderer Qualität über eine Daten-Standleitung dorthin versandt wurde. Die Vorteile solcher Digital Dailies gegenüber dem Versand von herkömmlichen Filmmustern auf Zelluloid liegen auf der Hand: eine schnellere Begutachtung der Arbeitsergebnisse und ihrer Qualität und der einfache Einsatz von digitalen Projektionssystemen selbst in den Konferenzzimmern von ausländischen Hotels. Wie Frank Hellmann versicherte, können auf diesem Weg auch Unregelmäßigkeiten, die häufig durch den Zoll im Ausland entstehen, umgangen werden.

Einigkeit herrschte beim Abschlusspodium darüber, dass, obwohl in der digitalen Entwicklung für das Kino derzeit ein Stillstand zu verzeichnen sei, man die zukünftigen Chancen nicht verschlafen dürfe. Mike Christman sprach davon, dass sich die Digitalisierung des Kinos eher als Evolution denn als Revolution zu vollziehen scheint.


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