Spieletest: Gothic II - Fortsetzung des Rollenspiel-Epos
Neuer Titel von Piranha Bytes und JoWooD. Gothic bekam Anfang 2001 zwar reihenweise hervorragende Kritiken, Mängel beim Marketing und beim Vertrieb sorgten allerdings dafür, dass sich das Spiel längst nicht so gut verkaufte wie man auf Grund der zahlreichen verliehenen Awards hätte erwarten können. Auch der Verkaufsstart von Gothic 2 lief alles andere als reibungslos: Die finanziellen Probleme des verantwortlichen Publishers JoWooD sorgten dafür, dass der Vertrieb des Titels buchstäblich in letzter Minute an Koch Media abgegeben werden musste. Aus rein spielerischer Sicht kann Gothic 2 den bereits sehr guten Vorgänger allerdings nochmals übertreffen.
Dachte man Ende des ersten Teils noch, dass das Böse nun endgültig besiegt ist, wird man gleich zu Beginn von Gothic 2 mit der neuen, düsteren Situation konfrontiert: Die Orks, angeführt von den mächtigen Drachen, sammeln sich vor den Toren der Stadt Khorinis und stellen die nächste große Gefahr dar. Und zu allem Überfluss befindet sich das Alter Ego des Spielers in einer alles andere als guten Verfassung: Nachdem man am Ende von Gothic 1 unter Steinmassen begraben wurde, sind nicht nur die sorgsam ausgebauten Fähigkeiten praktisch nicht mehr vorhanden, auch die Ausrüstung ist auf ein Minimum reduziert worden.
Von einem gut gesinnten Magier wird man glücklicherweise aber wieder aufgepäppelt und zunächst immerhin mit einem kleinen Knüppel ausgestattet, der dann auch bald zum Einsatz kommt – bereits in den ersten Minuten des Spieles macht man mit mehr Wölfen und Blutfliegen Bekanntschaft, als einem auf Grund der eigenen Konstitution lieb sein kann. Und so realisiert man auch gleich zu Beginn, dass der Schwierigkeitsgrad mächtig angezogen hat, die in Hülle und Fülle zu absolvierenden Kämpfe sind teilweise fast schon frustrierend schwierig und sorgen dafür, dass man ständig zur Speicher-Funktion greift.
Das liegt einerseits an der gewöhnungsbedürftigen Steuerung – mit der Maus zieht man die Waffen, setzt sie ein, blockt aber auch gegnerische Schläge -, aber auch an der hartnäckigen Art der diversen Tiere, Goblins und Monster, die sich auf einen stürzen, oft auch in ganzen Horden. Da hilft manchmal nur die Flucht, die aber auch nicht immer von Erfolg gekrönt ist, denn einige der Gegner bleiben einem beständig an den Fersen heften. Und auch die Kamera macht einem zu schaffen – oftmals ist der Blickwinkel so ungünstig, dass Bäume oder Sträucher einem die Sicht versperren und die Gefechte zu einer unkontrollierten Klick-Orgie verkommen lassen.
Geradezu erholsam sind dafür die anderen Aufträge, die man in der Stadt zu erledigen hat und die Schritt für Schritt Erfahrungspunkte bringen und den Charakter beständig aufwerten. Erst nach einiger Zeit, wenn man den Status eines Bürgers erreicht hat, muss man sich übrigens für eine Charakter-Klasse entscheiden – dann steht einem die Möglichkeit offen, das Spiel als Kämpfer, Magier oder auch als Söldner fortzusetzen. Zudem gibt es auch Spezial-Talente zu erlernen, mit denen man es dann zum Beispiel beherrscht, Schlösser zu knacken.
Natürlich treibt man auch wieder Handel mit diversen Gegenständen, veräußert also etwa Güter, die man Räubern im Wald abgenommen hat oder erwirbt Heiltränke, um der eigenen Gesundheit wieder auf die Sprünge zu helfen. Das eigene Waffenarsenal wird mit der Zeit immer ansehnlicher, Äxte, Schwerter, aber auch Magie stehen einem bald im Kampf zur Verfügung.
Wie schon im ersten Teil begeistert auch bei Gothic 2 die stimmungsvolle Atmosphäre und die sehr lebendig wirkende Szenerie. Alle Charaktere gehen ihren beständigen Beschäftigungen nach und wirken so äußerst realistisch, die hervorragende Synchronisation und die grafisch wunderschönen Szenerien lassen einen begeistert in die Fantasy-Welt des Spieles eintauchen. Zwar wurde wiederum die Grafik-Engine des Vorgängers verwendet, die ist allerdings immer noch in der Lage, eine respektable Optik zu erzeugen, wenn man auch mit der Pracht eines Morrowind nicht mehr mithalten kann. Allerdings sind auch die Hardware-Anforderungen dementsprechend hoch: 512 MB RAM, ein schneller GHz-Prozessor sowie zumindest eine GeForce3 sollten für ruckelfreien Spielspaß schon zur Verfügung stehen.
Fazit: Die Kritikpunkte zuerst: Gothic 2 ist stellenweise einfach zu schwer ausgefallen, zudem sorgt die etwas hakelige Steuerung und die öfters unglücklich platzierte Kameraposition für einige Frustmomente. Davon abgesehen zaubern die Entwickler von Piranha Bytes hier aber eine der lebendigsten und faszinierendsten Welten auf den Bildschirm, die je ein Action-Rollenspiel zu bieten hatte. Atmosphärisch ist Gothic 2 eine Meisterleistung, die es problemlos auch mit Titeln der Klasse eines Morrowind aufnehmen kann.