Zum Hauptinhalt Zur Navigation

GNU-Gründer Richard Stallman im Interview

Hurd war möglicherweise eine Fehlentscheidung. Am Rande des Berliner Forum Electronic Business hatten wir die Möglichkeit, mit dem Gründer des GNU-Projekts Richard Stallman über einige aktuelle Entwicklungen im Bereich freier Software zu sprechen. Wir sprachen über Stallmans Äußerungen, der Linux-Kernel sei nicht frei, den aktuellen Status des Betriebssystems GNU und insbesondere Hurd als auch die Entwicklung der freien Enzyklopädie GNUPedia. Stallman gab zudem Einblicke in seine Einschätzung des Einflusses der Open-Source-Initiative auf freie Software, den Stellenwert der GPL und seine Gedanken zum Urheberrecht.
/ Jens Ihlenfeld
Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)

Golem.de: Sie schrieben kürzlich in einem Artikel in Linux-World, der Linux-Kernel sei nicht frei und verwiesen dabei auf einzelne Treiber, in denen Teile von Binärcode enthalten sind. Es wird Jahre dauern, bis man diesen Code wieder getrennt hat, sollten Anwender heute Konsequenzen daraus ziehen?

Stallman: Also, ich weiß, dass Debian diesen Code eliminiert, wenn sie ihn finden. Wenn man also Debians Version von Linux verwendet - Linux, der Kernel - dann denke ich, dieser Code sollte entfernt sein.

Golem.de: Zum Thema Hurd: Derzeit liegt ein Release Candidate von Hurd vor, das Betriebssystem GNU nähert sich damit einem Final-Release. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Stallman: Ja und nein. Ich freue mich, dass wir dahin kommen, aber nicht darüber, dass es so lange gedauert hat. Ich erwartete, dass es in den frühen 90er-Jahren fertig sein würde. Ich bin also nicht zufrieden mit der Geschwindigkeit der Entwicklung des Hurd, aber immerhin sind wir bald soweit.

Sie müssen aber ebenso erkennen, dass das GNU-Projekt nicht nur ein technisches Projekt ist, das wir aus technischen Gründen machen. Das Ziel ist Freiheit zu haben, und auf der einen Seite haben wir diese Freiheit mit dem GNU/Linux-System mehr oder weniger erreicht. In dieser Hinsicht waren wir erfolgreich, auch wenn das GNU-System nicht fertig ist. Auf der anderen Seite ist unsere Freiheit in großer Gefahr und die Fertigstellung des Hurd-Projekts wird uns diese Gefahr nicht vom Halse schaffen. Denn die Gefahr kommt aus anderen Richtungen, Dinge wie Softwarepatenten, Digital Restriction Managements [Stallmans Übersetzung der Abkürzung von DRM (Digital Rights Management), Anm. d. Red.] und Computerbetrug und Dinge wie der Digital Millennium Copyright Act, Anti-Circumvention-Laws. Alle diese Dinge, die es verbieten, bestimmte Dinge mit freier Software zu machen. Aber das ist die Gefahr. Denn diese Gefahren liegen nicht in der Unzulänglichkeit unserer technischen Arbeit, sie sind absichtlich von Regierungen verhängt. Daher können wir uns da nicht einfach herausprogrammieren.

Wir müssen politisch vorgehen, um die Ketten loszuwerden, die die Herausgeber uns anlegen wollen.

Golem.de: Ich denke, einer der wichtigsten Bausteine, um die Freiheit freier Software zu schützen, ist die GNU General Public License. Nun war von Tim O'Reilly, der lange Zeit eher für BSD-artige Lizenzen eingetreten ist, zu lesen, er sehe heute die Notwendigkeit der GPL.

Stallman: Interessant zu hören, dass jemand wie Tim O'Reilly langsam anfängt zu verstehen.

Ich muss dazu sagen, dass man ein Programm als freie Software unter einer weniger restriktiven Lizenz veröffentlichen kann. Und damit macht man nichts Falsches, es ist nur nicht so gut wie es sein könnte, aber was man damit tut, ist nichtsdestotrotz gut. Also wenn Leute freie Software entwickeln und diese unter einer der BSD-Lizenzen veröffentlichen - und sagen sie nicht die BSD-Lizenz, sondern BSD-Lizenzen, denn es gibt mehr als eine und die Unterschiede sind wichtig - aber wenn Leute das machen, dann haben sie etwas Gutes getan, es ist nur nicht so gut wie es hätte sein können. Es gibt verschiedene Grade von gut und schlecht und es ist gut, in der Lage zu sein, zwischen diesen zu unterscheiden.

Golem.de: Denken Sie, dass die Open-Source-Initiative irgendeine positive Auswirkung auf die Entwicklung freier Software hatte?

Stallman: Es hatte einige positive Effekte. Sie haben einige Unternehmen überzeugt, große Stücke freier Software zu entwickeln oder Teile als freie Software zu veröffentlichen, entweder so oder so, und diese sind wichtig. Mozilla ist wichtig. OpenOffice ist wichtig.

Auf der anderen Seite, da sie nicht über die Verteidigung der Freiheit reden - und mitunter absichtlich ablehnen, die Sache aus dieser Richtung zu sehen - zeigen Sie den Menschen keinen Grund dafür zu kämpfen, die Gemeinschaft am Leben zu erhalten.

Ihr Ansatz ist, zu einem Unternehmen zu gehen und zu sagen: "Würden Sie bitte erlauben diese Dinge mit dieser Software zu tun" und sie sagen, es wäre profitabel. Wenn das Unternehmen nun sagt, das ist in Ordnung, sagen sie: "Oh, gut das ist nett", und wenn nicht: "Na gut, wir nutzen es trotzdem, es ist nur nicht so gut." Aber sie sagen nicht, dass es eine ethische Frage ist, ob eine Software frei sein sollte, dass ein nicht-freies Programm in jeder Art und Weise ethisch schlecht ist. Sie nennen es eine suboptimale Lösung. Für uns hingegen ist nicht-freie Software das Problem, wohingegen freie Software die Lösung ist.

Ideen können Menschen motivieren, freie Software zu entwickeln, aber ich sehe nicht, wie diese Ideen Menschen motivieren können, um hart gegen mutwillige Störungen in der Entwicklung freier Software zu kämpfen.

Golem.de: Gehen wir einen Schritt weiter, von freier Software zu freien Inhalten.

Stallman: Ja, aber sagen sie nicht Inhalte, das klingt als wäre die Arbeit, die Menschen verrichten, nur dazu da, um irgendwelche Kästen zu füllen. Und das ist nicht, wie man dabei fühlt, also warum sollte man es so nennen.

Golem.de: Also kommen wir zu Arbeiten - Arbeiten in den Enzyklopädien GNUPedia, Nupedia oder jetzt auch Wikipedia: Ich hatte den Eindruck, GNUPedia hatte einen langsamen Start, mittlerweile gibt es aber bereits einige Tausend Artikel, vor allem in Wikipedia.

Stallman: Ja, ich dachte, es würde Jahre dauern, um soweit zu kommen.

Golem.de: Ist es schwieriger, Menschen davon zu überzeugen, freie Arbeiten für diese Enzyklopädieprojekte zur Verfügung zu stellen, statt davon freie Software zu entwickeln?

Stallman: Ich versuche nicht, Menschen zu überzeugen, an diesen Projekten mitzuarbeiten, die Projekte arbeiten für sich. Überzeugen tun andere und ich weiß nicht, wie hart sie arbeiten oder wie schwer es ist. Aber sie sind letztendlich erfolgreich genug. Es ist wirklich nicht wichtig, wie viele Menschen sich nicht beteiligen, solange genug mitmachen. Vielleicht eine Million Menschen haben es sich angesehen und nichts dazu beigetragen. Der Punkt ist, Tausende haben das getan.

Golem.de: Sie sagten, dass es für das Tauschen von Musik gut wäre, eine Art digitales Zahlungssystem zu haben. Es gibt proprietäre Systeme, die dies leisten, wie PayPal.

Stallman: Ja, aber ich würde nicht sagen, dass PayPal proprietär ist. Es ist nur eine Website. Ich denke, es enthält keine proprietäre Software. Als ich mir den Vertrag ansah, den man bei PayPal abschließen soll, fand ich einige Punkte, die ich nicht unterschreiben konnte. Das sind andere Gründe, ich weiß gerade nicht, was es exakt war, aber es waren ethische Gründe, die ich mit dem PayPal-Vertrag hatte. Meine Hauptkritik an PayPal als Lösung für dieses Problem ist aber der große Overhead. PayPal für eine Zahlung von einem Euro zu nutzen ist nicht sinnvoll, der Overhead ist zu groß. Es für eine Zahlung von zehn Euro zu nutzen, kann man in Betracht ziehen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn man Menschen bittet, zehn Euro an eine Band zu geben, viele denken, zehn Euro sind viel Geld. Ein Euro ist ein kleinerer Betrag und ich denke, viele Leute in Europa, wenn sie etwas sehen wie "Sende einen Euro", würden nicht zögern. Ein Euro ist so wenig für sie. Aber das ist der Punkt, man muss es schmerzfrei machen, den Betrag so klein wählen, dass viele Leute gar nicht darüber nachdenken, soviel zu geben.

Golem.de: Wäre es technisch möglich, ein solches System von Seiten der Community zu installieren und zu betreiben?

Stallman: Ich weiß es nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es mit der Zeit möglich sein müsste. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es technisch möglich ist, es ist vielmehr eine Frage des Geschäfts, nicht der Technik, ob dies möglich ist. Es sind eher die sozialen Fragen, die zu lösen sind, die möglicherweise große Investitionen erfordern. Aber wenn man sich ansieht, wie viel die Gesellschaft investiert, um Urheberrechte durchzusetzen, warum sollte es dann nicht möglich sein, in eine Infrastruktur zu investieren, die es Menschen einfacher macht, Autoren und Musiker zu unterstützen.

Golem.de: Noch einmal zurück zu Hurd, der eine andere Architektur als der Linux-Kernel hat. Es ist eine Kombination aus den Hurd-Daemons und dem Mach-Mikrokernel, was die Funktion des monolithischen Linux-Kernels ersetzt. Denken Sie, Hurd wird Linux langfristig ersetzen?

Stallman: Ich weiß es nicht, es ist die Sache der Öffentlichkeit, der Nutzer zu entscheiden, wie erfolgreich Hurd sein wird.

Golem.de: Sicher, aber Sie haben die Entscheidung für diese Architektur doch ganz bewusst getroffen. Und das zu einer Zeit als viele sagten, es sei nicht möglich, einen Mikrokernel zu implementieren.

Stallman: Der Grund, warum ich entschied, dies zu nutzen, war, weil CMU einen Mikrokernel auf den Markt brachte und ich dachte, damit zu beginnen, sei schon der halbe Weg zum Ziel und wir würden es daher schneller erreichen. Aber das ist nicht passiert. Etwas lief falsch. Verschiedene Dinge waren der Grund für diese lange Verzögerung.

Ein Teil des Ganzen war, dass ich dachte, es sei mächtiger, bestimmte Funktionen erlauben würde, die man mit einem monolithischen Kernel nicht haben könnte. Aber hauptsächlich ging es darum, dass wir so schneller sein würden.

In den Jahren 1992 oder 93, ich weiß nicht mehr genau, wann es war, bat ich jemanden, sich für mich Linux anzusehen und mir zu sagen, was er davon hielt und wie gut es war. Ich dachte darüber nach, Hurd aufzugeben und stattdessen Linux zu unserem Kernel zu machen. Er sagte mir, dass es sehr dem Design des System V folgte, statt BSD, was besser gewesen wäre und dass es auf keinen Fall portierbar wäre. Und mit diesen beiden Argumenten dagegen sagte ich O.K., warten wir auf Hurd. Ich ging ja davon aus, dass es nicht allzu lange dauern würde. Das Resultat ist, dass ich eine Entscheidung traf, die möglicherweise ein Fehler war.

Golem.de: Welchen Kernel verwenden Sie heute?

Stallman: Ich nutzte heute GNU/Linux, denn Hurd unterstützt noch keine virtuellen Konsolen, die ich ausgiebig verwende. Ich finde GNU/Hurd derzeit also nicht passend. Aber virtuelle Konsolen werden jetzt gerade implementiert, dann könnte es für mich sinnvoll sein zu wechseln.

Zum Hintergrund:
Richard Stallman rief 1983 das GNU-Projekt(öffnet im neuen Fenster) mit dem Ziel ins Leben, ein freies, für jeden zugängliches und veränderbares Betriebssystem zu schaffen. Der letzte Baustein, der dem System 1990 noch fehlte, war ein Kernel. Dieser, sollte auf einer Mikrokernel-Architektur basieren. Da dieser Kernel, Hurd, aber bis heute auf sich warten lässt, kombinierten viele den Linux Kernel von Linus Torvalds mit den übrigen Bestandteilen von GNU zu GNU/Linux, was im allgemeinen Sprachgebrauch oft aber nur als Linux bezeichnet wird.
Um die Kommerzialisierung freier Software voranzutreiben, gründeten 1997 unter anderem Eric Raymond und Bruce Perens die Open-Source-Initiative. Sie stellten dabei den Charakter des offenen Quellcodes in den Vordergrund, nicht Freiheit der Software, da der Begriff in diesem Zusammenhang oft nur als kostenlos verstanden wird. Frei meint aber die Freiheit, ein Programm zu untersuchen, es zu ändern und in unveränderter oder veränderter Form weiterzugeben.

In seiner Rede auf dem Forum Electronic Business machte Stallman zudem einige Anmerkungen und Vorschläge zum Urheberrecht. Lesen die dazu auch unseren Artikel Stallman: Die BSA betreibt Terrorismus .


Relevante Themen