Deutsche Internetgesellschaft soll sich schneller entwickeln
"Unser Ziel ist es, Innovationsstrategien für Deutschland zu finden, die uns helfen, knappe Forschungsmittel effizient in wichtige Bedürfnisfelder der Gesellschaft zu lenken" , erklärte Carsten Kreklau, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), zur Eröffnung der Veranstaltung. Die Innovationsstrategien sollen weiterentwickelt und aus ihnen der dringendste Forschungsbedarf abgeleitet werden. Die Ergebnisse sollen auch zur Ausfüllung des Forschungsprogramms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung "IT 2006" beitragen.
Zum Feldafinger Kreis zählen Prof. Barth von der Dresdner Bank AG, Prof. Broy und Prof. Eberspächer von der TU München, J. Claus von der Deutsche Telekom AG, Prof. Encarnacao von der Fraunhofer Gesellschaft, Prof. Mattern von der ETH Zürich, Prof. Merker von DaimlerChrysler AG, Prof. Müller von der Uni Freiburg, H. Raffler und Prof. Weyrich von der Siemens AG, Prof. Scheer von der IDS Scheer AG, Prof. Wahlster vom DFKI sowie Prof. Ziemer vom ZDF.
Die Mitglieder des Feldafinger Kreis sehen das Internet als einen der wesentlichen Pfeiler für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft, für technische Innovationen und für die industrielle Wertschöpfung. Das Internet führe zu völlig neuartigen Produkten und Prozessen in fast allen Lebensbereichen, von der Industrie über die Verwaltung bis ins Privatleben. Viele der heute existierenden heterogenen Informations- und Kommunikationsnetze werden dank des Internets verknüpft.
Allerdings würde die Internet-Technologie in Deutschland bisher primär unter den rein technischen Aspekten des Leitungszugangs, der Bandbreiten und der Endgeräte betrachtet. Den Experten zufolge genügt dies jedoch nicht, um die zukünftigen Entwicklungen entscheidend mitgestalten zu können, vielmehr bedürfe es einer weitaus stärkeren Berücksichtigung der Anwendungen, der Dienste, der notwendigen Softwareinfrastruktur und der digitalen Inhalte, da die Wertschöpfung und der Nutzeffekt des Internets mittelfristig hauptsächlich in diesen Bereichen zu finden sein werden.
Das Internet habe zwar das Potenzial, neue Industriezweige mit innovativen Produkten zu generieren – auch über ein weites Spektrum von Branchen hinweg: vom kleinen oder mittelständigen Unternehmen bis hin zur Großindustrie. Dies setze aber eine enge Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft voraus, um Forschungsergebnisse rasch in praktische Lösungen und Produkte umsetzen zu können. Dazu sei auch die verstärkte Mitwirkung von Wirtschaft und Wissenschaft bei der Schaffung internationaler Standards erforderlich, ebenso wie eine breite Basis hochqualifizierter Forscher und Entwickler im Bereich der Internettechnologien. "Die Beherrschung der Internettechnologien ist zweifellos eine der Grundlagen für das wirtschaftliche Wachstum in Deutschland" , so die Expertenrunde, die folgende acht Trendaussagen formuliert hat:
Sicherheit, Quality of Service und Zuverlässigkeit sind die Grundvoraussetzungen für das Internet der Zukunft:
Nicht nur die höheren Datenübertragungsraten, sondern vor allem die steigende Zuverlässigkeit des Internets und die Einhaltung von Quality-of-Service-Anforderungen sollen ein weites Spektrum von neuen Diensten und realzeitkritischen Applikationen ermöglichen, sowohl im professionellen als auch im privaten Bereich. Für die breite Akzeptanz von Internet-Diensten und -Applikationen seien jedoch Sicherheitsarchitekturen, Zertifikate, kryptografische und biometrische Verfahren sowie eine zuverlässige Software nötig, die sichere Transaktionen und den notwendigen Schutz der Privatsphäre im Internet ermöglichen. Als Bedrohung für die Volkswirtschaft sehen die Experten kriminelle und terroristische Angriffe (Cyberterrorismus) sowie Wirtschaftsspionage im Internet. Sie empfehlen eine Förderung der Forschung im Bereich der IT-Sicherheit und Investitionen in nachweisbar korrekte und sichere Software.
Das Internet unterstützt mobile Anwendungen:
Kurz zusammengengefasst geht es in dieser These um den Ausbau des Vorsprungs, den Europa gegenüber den USA im Bereich des mobilen Internets hat. Dieses müsse durch intensive Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in einen wirtschaftlichen Erfolg umgesetzt werden. Erwähnt werden ortsbezogene Dienste und universelle Positionierungstechnologien, die Internet-Anwendungen abhängig vom jeweiligen Aufenthaltsort der mobilen Benutzer aktivieren sowie für automatisch korrekte Darstellung auf verschiedenen Endgeräten sorgen.
Software ist Teil unserer Alltagsprodukte und vernetzt diese über das Internet – Intelligente Softwareassistenten übernehmen Routineaufgaben:
In Zukunft werden verstärkt Softwaresysteme in Alltagsprodukte integriert ("eingebettet") und über das Internet miteinander vernetzt, so die Expertenrunde. Über neue intelligente Dienste sollen sich Produktivität, Sicherheit und Lebensqualität steigern lassen, denn immer mehr Routineaufgaben würden dem Nutzer durch vernetzte Assistenzsysteme abgenommen. Die so entstehenden verteilten Systeme würden es erlauben, Informationsdienste zu personalisieren und hochwertige Telekooperationsfunktionen zu realisieren. Durch eingebettete Softwaresysteme werde bereits in wenigen Jahren mehr Internet-Verkehr ausgelöst als durch direkte menschliche Endbenutzer. Dies stelle für die deutsche Wirtschaft ein enormes Innovations- und Wertschöpfungspotenzial dar, etwa für klassische Produkte im Bereich der Automobilindustrie oder des Maschinen- und Anlagenbaus. Auf der anderen Seite schaffe dies auch die Voraussetzung für völlig neuartige Produkte, etwa in den Bereichen intelligenter Bekleidung und vernetzter Haustechnik.
Das Semantische Web ermöglicht den Übergang von Information zu Wissen:
Verfahren zum Verstehen und Strukturieren digitaler Inhalte sollen helfen, Informationen dem Nutzer in Zukunft bedarfs- und situationsgerecht sowie personalisiert zur Verfügung zu stellen. Nur mittels inhaltlicher Indexierung von digitalen Dokumenten und durch linguistische Analyseverfahren könnten wirklich präzise Suchmaschinen, eine gezielte Zusammenfassung von Internet-Inhalten, eine qualitativ hochwertige Übersetzung und eine benutzeradaptive Präsentation erreicht werden. Hier sollen deutsche Forscher bereits Impulse gegeben haben, in Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft soll nun das semantische Web auf breiter Front verwirklicht werden, um hochwertige Informationsdienstleistungen im Internet anbieten zu können.
Das Internet wird die Plattform für die Konvergenz aller Medien:
Die Digitalisierung der klassischen Rundfunkmedien Hörfunk und Fernsehen führt in Verbindung mit dem Internet zu einem Zusammenwachsen der bisher getrennten Welten der Telekommunikation, der Computertechnik und der Verteilmedien. Diese Konvergenz bei Technik und Diensten schätzen die Experten als Triebkraft für völlig neue multimediale Angebote sowohl im geschäftlichem wie im privaten und auch im Bildungsbereich ein. Besonders interessant seien dabei neue Dienste und Anwendungen, wie z.B. digitale Archivdienste, die einen inhaltsorientierten Zugriff auf beliebige Sendungen erlauben, oder Onlinespiele, in denen man mit weltweit verteilten Gleichgesinnten seine Freizeit aktiv gestalten kann.
Intuitive Bedienung wird die Nutzung des Internets für alle erleichtern:
In Zukunft wird der Umgang mit Internet-Diensten zu einer alltäglichen Kulturtechnik werden, heißt es in dieser These. Damit jedem Bürger ein effizienter Zugang zu digitalen Diensten offen stehe, müsse die Internet-Nutzung so einfach wie die Bedienung eines Fernsehgeräts oder Mobiltelefons gemacht und das Studium von Handbüchern sowie langwierige Einarbeitungsphasen überflüssig werden. Ideal hierfür seien multimodale Formen der Interaktion, die zum Beispiel Alltagssprache mit Gestik und Mimik kombinieren und auch emotionale Aspekte der Kommunikation berücksichtigen würden. Eine Vielzahl von Sensoren müsse dazu das Benutzerverhalten erkennen und das System sich automatisch den aktuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Nutzers anpassen.
Die Bündelung von Internettechniken führt zu neuen Prozessen in Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und Freizeit:
Effiziente internetbasierte Geschäftsprozesse sollen nicht nur die Abwicklung von Geschäften beschleunigen, sondern auch neue Geschäftspotenziale erschließen, die Kosten reduzieren und den Zugang zum Kunden und zu den Zulieferern verbessern. Neue Modellierungswerkzeuge und verteilte Softwareinfrastrukturen würden zudem die Entstehung neuer Organisationsformen (z.B. virtuelle Unternehmen) und dynamische Kompetenznetzwerke ermöglichen. Ebenfalls angesprochen werden elektronische Kataloge mit Produkt- und Dienstleistungsangeboten, virtuelle Marktplätze, E-Government, innovative Logistikkonzepte und eine weltweit verteilte Produktentwicklung, die erst durch Internettechnologien realisiert werden können. "Selbst im Privatbereich werden viele Hobbys durch E-Prozesse unterstützt" , heißt es.
Das Internet entwickelt unsere Bildungs- und Weiterbildungssysteme weiter:
In dieser achten und letzten These widmen sich die Experten dem orts- und zeitunabhängigen, multimedialen Lernen, welches das Internet ermöglicht. Mit dem Internet werde der Übergang vom traditionellen vorratsbezogenen Lernen zu neuen Formen des lebenslangen Lernens vollzogen. Intelligente tutorielle Systeme mit individuellen Lernmodellen würden eine neue Dimension der personalisierten Lehre eröffnen. Die Kernaussage des Feldafinger Kreis lautet hier: "In Zukunft sollte jeder Schüler, Student und Auszubildende den Lernstoff durch Bildungsangebote im Internet von zu Hause aus vor- und nachbereiten oder auch E-Learning durchführen können." Das lebenslange Lernen soll durch weitverbreitete Softwareplattformen für das E-Learning unterstützt werden, unabhängig ob auf digitale Lehrangebote von zu Hause, von unterwegs oder im Betrieb zugegriffen werde. Deutschland könne in dem entstehenden globalen Bildungsmarkt nur dann konkurrenzfähig sein, "wenn durch eine enge Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft (besonders auf dem Gebiet der Lernplattformen und der Inhaltsaufbereitung) eine Spitzenstellung zumindest in Europa erreicht wird."
Die acht Trendaussagen sollen bei der strategischen Ausrichtung von Forschungsförderungsprogrammen, der Planung der institutionellen Forschung sowie der Industrieforschung als Leitlinien dienen können. Zudem ergebe sich ein Handlungsbedarf bei der Überarbeitung der Ausbildungsgänge auf dem Gebiet der Informatik und Informationstechnik an den Hochschulen, Schulen und Weiterbildungseinrichtungen. "Es muss bereits heute dafür gesorgt werden, dass durch eine gezielte Berufungspolitik genügend qualifizierte Lehrende zu allen genannten Megatrends im Internet zur Verfügung stehen. Nur dann lässt sich die Aus- und Weiterbildung in diesem für die zukünftige Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft so entscheidenden Bereich auf hohem Niveau sicherstellen" , schließen die Experten.
Das anfangs erwähnte Symposium, auf dem die acht Trendaussagen des Feldafinger Kreis thematisiert werden sollen, ist Teil der Vereinbarungen zwischen BDI und Wissenschaftsorganisationen vom April 2000, gemeinsame Innovationsstrategien für Deutschland zu entwickeln. Die vorgeschlagenen Trendaussagen zur Internetgesellschaft sind im Original unter www.bdi-online.de/fram_publikationen.html(öffnet im neuen Fenster) abrufbar.
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