18. Chaos Communication Congress: Hacken und Hacken lassen

Stattdessen mussten Personen, denen die Funknetzkarte nach 802.11b-Standard(öffnet im neuen Fenster) aus unerfindlichen Gründen fehlte, nun leise im " Hackcenter(öffnet im neuen Fenster) " bei freundlichen Menschen nachfragen, ob sie denn zufällig noch einen Port frei hätten, um dort ein hoffentlich mitgebrachtes Twisted-Pair-Kabel einzustecken.
"Hättest Du mal einen LAN-Port für mich?"
Natürlich hatten bedauernswerte Kreaturen ohne Wireless-LAN die Möglichkeit, eine entsprechende PCMCIA-Karte fürs mitgebrachte Notebook an Ort und Stelle käuflich zu erwerben: Allerdings war die erste Ladung der Gerätschaften (knapp 100 Stück) – "Silver"- und "Gold"-Cards der Marke Orinoco(öffnet im neuen Fenster) von Lucent / Agere – innerhalb eines Morgens ausverkauft. Leihen konnte man sich die zum Standard-Accessoire avancierte Technologie diesmal im Gegensatz zur 2000er Veranstaltung leider nicht. Später kam Nachschub, der ebenso schnell verkauft war. Wer will denn auch schon eine 34 Megabit breite Funkstrecke ins Netz verpassen? Bei so vielen WLAN-Basisstationen wie noch nie, mit viel Bewegungsfreiheit auf dem Gelände?
Bei der Eröffnungsveranstaltung, die am Donnerstag mit halbstündiger Verspätung über die Bühne des Hauptsaals ging, blieb neben CCC(öffnet im neuen Fenster) -Sprecher Andy Müller-Maguhn(öffnet im neuen Fenster) und Organisations-Chef Tim Pritlove ein Stuhl leer. Chaos-Club-Alterspräsident Wau Holland(öffnet im neuen Fenster) , der kurz vor Weihnachten eigentlich seinen 50. Geburtstag gefeiert hätte, verstarb im Sommer 2001 an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine ruhige, aber bestimmte Art fehlte auf dem Podium. Und seine Integrationskraft und sein Pädagogiktalent, das auch den zahlreich erschienen Hacker-Nachwuchs ab dem zarten Alter von 15 Jahren in die sich langsam lichtenden Ränge um "Oldies" wie Müller-Maguhn und Pritlove zu heben verstand. Doch Hollands Andenken war unter ihnen.
Wau Holland schwebt über den Hacker-Seelen
"Sein Geist schwebt irgendwie über uns" , meinte ein Kongressteilnehmer traurig, "was soll man sonst sagen?" Die weiblichen Hacker, die " Haecksen(öffnet im neuen Fenster) ", mussten ihr Süppchen also alleine kochen. Und auch die üblichen Spaghetti a la Wau, die den Congress-Helfern, genannt " Engel(öffnet im neuen Fenster) ", nach durchgearbeiteter Nacht voller "C3"-Vorbereitungen nicht selten serviert wurden, fielen aus. Dafür können sich die CCCler freuen, dass Hollands Mission und Vision von Informationsfreiheit gewahrt bleibt: Die Stiftung 'Wauland'(öffnet im neuen Fenster) , bestehend aus Freunden und seinem Vater, startet gerade. Auch wenn ihr noch etwas Gründungskapital fehlt, wie sie auf einem eigenen Panel während der Veranstaltung verkündete.
Die interne Kommunikation war diesmal besser als sonst. Auf einem eigens zur Veranstaltung eingerichteten "Weblog" mit bisher unklarem Archiv-Ort, gepowert von der Freeware Greymatter, kümmerte sich eine eigene Online-Redaktion um aktuelle News auf Deutsch und Englisch. Die Seite hielt die 18C3-Teilnehmer zusammen, berichtete über aktuelle Contests, Erfahrungen mit den Nahrungsmittelgeschäften in der Nähe, Filmvorführungen, FTP-Server im lokalen Netz und vieles mehr. Dort war dann auch zu lesen, dass das Landeskriminalamt Berlin ein paar Beamte zu "Bildungszwecken" auf den Congress geschickt hatte. Die Polizeibesatzung wuchs allerdings auf bis zu 30 Personen an, wie Gerüchte unter den Teilnehmer besagten.
Eine Heinrich-Böll-Gesamtschule als Defacement-Opfer
Fette Hacks blieben zumindest oberflächlich aus; so fand das traditionsreiche " Linux Deathmatch(öffnet im neuen Fenster) " nur spärlich Teilnehmer. Dafür wurde aber wie immer "Software" getauscht ohne Ende. Da der moderne junge Hacker von heute (fast) nur noch Open-Source-Programme der verschiedensten Geschmacksrichtungen einsetzt, waren dabei offenbar Filme und TV-Serien am beliebtesten – darunter etwa ganze Staffeln von " Enterprise(öffnet im neuen Fenster) " (Neue Star-Trek-Serie) oder Hacker-Lieblinge wie der aktuell im Kino laufende " Herr der Ringe(öffnet im neuen Fenster) ".
Sollten Firmen und Institutionen aus dem 18C3-Hackcenter angegriffen werden, konnten sie sich gleich telefonisch an eine extra geschaltete "Abuse"-Hotline wenden. Dauerbesetzt war die aber nicht.
Müller-Maguhns nonchalanter Hinweis, doch nicht für "Fluktuationen" bei der Sicherheit von Servern "im Internet da draußen" zu sorgen, wurde allerdings nicht ganz befolgt: Die Website der Bochumer Heinrich-Böll-Gesamtschule(öffnet im neuen Fenster) musste per Defacement dran glauben. Dem "Täter" wollte ein Lernender dieser Bildungseinrichtung dafür gleich eines der beliebten " Club-Mate(öffnet im neuen Fenster) "-Getränke spendieren, das die Hacker-Hitliste neben der koffeinreichen " Jolt(öffnet im neuen Fenster) "-Cola bei den Softdrinks anführte.
Zahlen(öffnet im neuen Fenster) musste man für die Teilnahme an den drei Tagen – vom 27. bis zum 29. Dezember 2001 – als Nichtmitglied wie üblich 60 Mark. Übrigens reagierte der CCC auch auf die "Dot-Com"-Krise: Firmenvertreter aus der New Economy bezahlten diesmal ein Zehntel von dem, was "Economy"-Besucher aus der "echten" Wirtschaft berappen mussten.
Auch Hackern fehlt eine Antwort auf den 11. September
Neben Jubel, Trubel und viel "Nerd Socialising", das heutzutage auch den Umgang mit weiblichen Wesen (Besucheranteil diesmal: knapp 5 bis 10 Prozent) einschließt, gab es jedoch auch weniger Erfreuliches. So drückten die aktuellen Anti-Terror-Gesetzesmaßnahmen der westlichen Regierungen in aller Welt nach den Anschlägen des 11. September bei den Hackern auf die Stimmung. Eric Corley alias Emmanuel Goldstein, internationaler Gast aus New York und langjähriger Kopf hinter dem Hacker-Magazin 2600(öffnet im neuen Fenster) , berichtete von einem Land, in dem sich die Stimmung mehr und mehr gegen die freigeistigen Datenreisenden richte. "Es ist wie in einem schlechten Film" , meinte Corley, "man will aber das Ende wissen" . Die Flut an neuen Reglementierungen, von der "Cybercrime"-Konvention über den "RIP-Act" in Großbritannien bis hin zu Schilys Anti-Terror-Paket, wurden heiß diskutiert. Eine Antwort auf den "neuen Geist der Repression", wie ihn viele Hacker sehen, gab es jedoch nicht.
"Think!", "Denke!", diesen Ausspruch könnte man trotz alledem als Fazit des 18. Chaos Communication Congress ziehen: In der eigenen Reaktion auf sich verändernde Rahmenbedingungen, im Umgang mit anderen Menschen und Kulturen, beim Konsum von Medien. Die vielen, vielen Panels und Workshops(öffnet im neuen Fenster) (besonders erwähnenswert: das neue "Labor" mit kleinen wie größeren spannenden Hardware-Projekten) waren wie üblich gut besetzt und trafen auf ein interessiertes Publikum, auch wenn ein gewisser Autismus, ein Zurückziehen auf das Hackertum an sich, spürbar war. Während in der Hauptstadt also anderswo die ersten Weihnachtsbäume auf die Straße gestellt wurden, wärmten sich die Kongressteilnehmer an sich selbst – oder an einem der erstaunlich vielen auf dem 18C3 zu sichtenden Apple iBooks, die so manchem Hacker in der Nacht weiß pulsierend eine Art Heiligenschein verpassten.



