Special: Der Napster-Komplex und die Alternativen
Andreas Schmidt wittert nach wie vor das große Geschäft. "Filesharing ist die Zukunft" , lautet das Mantra des Chefs der Bertelsmann(öffnet im neuen Fenster) E-Commerce Group, seitdem man im letzten Herbst mit der Musiktauschbörse Napster(öffnet im neuen Fenster) gegen Kredite im mittleren zweistelligen Millionen-Dollar-Bereich eine "strategische Partnerschaft" vereinbaren konnte. 50 Millionen Nutzer will Napster derzeit haben – Milliarden Songs wurden bereits getauscht. Das wird auch nach der letzten einstweiligen Verfügung der Plattenindustrie so bleiben, die in San Francisco gerichtlich feststellen ließ, dass Napster tatsächlich ihre Rechte verletzt. Der Aufbau eines Pay-Dienstes geht weiter.
Fraglich ist, wie viele Nutzer tatsächlich die Unzulänglichkeiten, die bisherige Filesharing-Varianten nach wie vor aufweisen, mit einer Gebühr subventionieren werden. "Wenn ich für ein Stück Musik nichts zahlen muss, bin ich gerne bereit, unzählige Versuche zu unternehmen, bis der Download letztlich klappt" , sagt ein Napster-Fan, "wenn ich eine Mitgliedsgebühr zahlen muss, sehe ich das nicht ein" . Auch ist nicht klar, wo bei Peer-to-Peer-Systemen die Leistung des Anbieters liegt: Die Dateien lagern auf der Festplatte seiner Kunden – das einzige, was er vornimmt, ist die Suchindexierung. Das edle Gut "Copyright" bleibt Usern schwer verständlich.
Während Napster im Spannungsfeld von Gerichtsurteilen und ersten technologischen Absicherungsmaßnahmen durch den neuen Großinvestor Bertelsmann zerrieben wird, spielt die kostenlose Musik daher fleißig weiter. Yahoo listet in seiner Peer-to-Peer-File-Sharing-Rubrik(öffnet im neuen Fenster) inzwischen über vierzig verschiedene Clients für die unterschiedlichsten Dateitauschzwecke. Viele davon bauen mittlerweile auf alternativen Netzen wie OpenNap(öffnet im neuen Fenster) auf, die als Open-Source-Infrastruktur aufgesetzt sind und mit dezentralen Servern operieren. Diese könnten im Falle von Schließungen durch die Behörden eines Landes einfach in einem anderen "gespiegelt" werden.
Wenn die Tools nicht sowieso gleich unter der "GNU"-Lizenz im Quellcode freigegeben sind, werden sie zumeist als werbefinanzierte Freeware angeboten. Dabei wird Vorhandenes clever ausgenutzt: So baut etwa Napigator(öffnet im neuen Fenster) auf dem vorhandenen Napster-Client auf, manipuliert ihn aber derart, dass er nicht nur auf den offiziellen Firmenserver zugreifen kann, sondern auf jedwedes freies Netz. Mit solchen Zusatzprogrammen wird nicht nur der Suchradius deutlich erweitert – inzwischen dürfte es deutlich über einem Dutzend dieser oft nichtkommerziellen "Alternative Networks" geben – sondern auch der Download von Dateiformaten ermöglicht, die Napster ausschließt.
Ganz wagemutige Firmen versuchen sich unterdessen außerdem weiterhin in der Herstellung von Napster-Alternativen. So wirbt MusicCity.com(öffnet im neuen Fenster) explizit enttäuschte dortige Nutzer an: "Während die Raubkatze [Symbol von Napster, Anm. d. Red.] schweigt, brüllen wir." Wie die Firma mit ihrem Clone des Napster-Netzwerkes Geld verdienen will, bleibt unklar. Zudem kann MusicCity.com jederzeit derselbe rechtliche Bannstrahl treffen. Schlimmer noch: Hollywood könnte aufmerksam werden, weil in dem über Napigator erreichbaren Netz auch Filme getauscht werden können. Die Kino-Bosse reagieren inzwischen äußerst sensibel auf derartige Geschehnisse im Netz.
Als Geheimtipp gilt seit geraumer Zeit AudioGalaxy.com(öffnet im neuen Fenster) , die sich selbst als Musiksuchmaschine bezeichnen. So hat man nach eigenen Angaben über 800.000 Songs indexiert. Im Kern will man für den Konsumenten so Zugang zu einem breiten Musikangebot schaffen und bietet Musikern die Möglichkeit, sich auf der Plattform darzustellen. Musikstücke, die AudioGalaxy nicht selbst zum Download anbietet, müssen mit dem Audiogalaxy Satellite, so heißt der Client hier, heruntergeladen werden. In Sachen Komfort kann dieses Programm viel Konkurrenten allerdings in den Schatten stellen. AudioGalaxy selbst will die Verletzung von Urheberrechten nicht fördern, so heißt es zumindest in Nutzungsbedingungen, und droht Usern, die wiederholt die Urheberrechte von anderen verletzen, mit Sperrung ihrer Accounts. Dass die Musikindustrie sich im Zweifelsfall damit zufrieden geben wird, darf man bezweifeln, wirft man einen Blick auf von AudioGalaxy indexierten Musikstücke.
Andere Unternehmen begeben sich daher lieber auf die sichere Seite und entwickeln gleich Peer-to-Peer-Systeme, die den Schutz von Urheberrechten einschließen: "Wir applaudieren dem [jüngsten] Urteil gegen Napster" , sagt so beispielsweise Centerspan(öffnet im neuen Fenster) -CEO Frank G. Hausmann, dessen Unternehmen gerade an einem "'legalen' Dateitausch arbeitet" . "Die Rechte der Copyright-Inhaber müssen in der neuen digitalen Distributionswelt geschützt werden" . Centerspan kaufte sich Ende letzten Jahres die Überreste des bankrotten Scour-Netzwerkes(öffnet im neuen Fenster) zusammen und will daraus nun ein geschütztes System machen. Auf der Lieferliste stehen Ton, Film und Bücher. [von Ben Schwan]
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