Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/test-tomb-raider-das-grandiose-comeback-der-lara-croft-1302-97812.html    Veröffentlicht: 25.02.2013 16:00

Test Tomb Raider

Das grandiose Comeback der Lara Croft

Es fängt mit einem Schiffbruch an - und dann entwickelt sich das neue Tomb Raider zum hochdramatischen, abwechslungsreichen und toll in Szene gesetzten Abenteuer der Extraklasse mit Offene-Welt-Ansätzen.

Vorschlag: Vergessen wir die alten Tomb Raider. Das erste Actionadventure der Reihe war klasse, Teil zwei bis drei oder vier waren gute Fortsetzungen, dann begann der Niedergang der Serie. Mit all dem hat das neue Programm praktisch nichts mehr zu tun - bis auf die Hauptdarstellerin Lara Croft natürlich. Die landet jetzt nach einem Schiffsunglück auf einer mysteriösen Insel irgendwo im Pazifik, in einem asiatischen Gebiet namens Drachendreieck. Erst hat es den Anschein, dass sie alleine ist. Dann stellt sich aber heraus, dass auch andere Passagiere - vor allem Laras Freundin Sam - überlebt haben. Und dass im Inneren der Insel ein Geheimbund böse Überraschungen plant.

Die Lara im neuen Tomb Raider ist jung, das Spiel als Prequel vor der alten Serie angesiedelt. Innerhalb von ein paar Spielminuten muss Fräulein Croft lernen, um ihr Überleben zu kämpfen und Tiere und Menschen zu töten - und wir lernen das mit ihr. Damit ist es aber noch lange nicht getan: In interaktiven Sequenzen steuern wir Lara durch zunehmend dramatische Ereignisse wie ein auf sie herabstürzendes Flugzeug oder ein von Berghängen rutschendes Dorf, über dessen Dächer wir mit viel Können in Sicherheit gelangen. Wir schleichen uns mit Lara durch brennende Siedlungen voller feindlicher Wachen und liefern uns im Spielverlauf immer mehr Gefechte mit Gegnern.

Die Szenen sind ähnlich aufwendig in der Engine umgesetzt wie in der Uncharted-Reihe: Wenn Lara etwa einen Wasserfall runterrauscht, erfolgt das in einer längeren, interaktiven Sequenz, in der sie Hindernissen ausweichen und Barrikaden mit der Schrotflinte aus dem Weg räumen muss.

Anfangs ist Lara bei Nacht in einem düsteren Wald unterwegs, dann kommt sie aber auch in unterirdische Bunker und andere Bauten sowie später in Tempelanlagen und ziemlich gruftige Keller voller Leichen. Ab und zu ändert sich die Umgebung, und zwar schlagartig: Beispielsweise stehen wir plötzlich in einer Eis- und Schneelandschaft, was nach dem bisherigen Verlauf des Abenteuers unmöglich sein müsste. Das Programm erklärt das mit dem kurzen Hinweis, dass die Insel halt irgendwie voller Geheimnisse steckt - Lost lässt grüßen.

Als Spieler steuern wir Lara Croft aus der Schulterperspektive. Zuerst geht es auf weitgehend vorgegebenen Pfaden durch die Handlung: Schiffbruch, erwachen in einer Höhle, Flucht und erste Kontaktaufnahme mit den anderen Überlebenden per Funk. Dann finden wir unsere Waffe, einen Bogen, mit dem wir erst mal Rehe und Wölfe ins Visier nehmen; ausgerechnet da macht das sonst gelungene Kampfsystem übrigens keinen Spaß, weil die Viecher auf kurze Distanz mit einer Fernkampfwaffe ausgeschaltet werden müssen - später macht die Steuerung aber keine Probleme mehr. In den meisten Kämpfen kann Lara die Deckung durch Barrikaden nutzen, hinter denen sie sich selbstständig niederkniet.

Lara lernt klettern und mehr

Im Verlauf der Handlung bekommt Lara immer mehr Fähigkeiten. Anfangs können wir nur einfache Pfeile verschießen, nach einer Weile haben wir auch eine Pistole, dann lernen wir das Erklimmen von Felsen mit dem Steigeisen, und irgendwann putzen wir auch größere Feinde mit der Schrotflinte oder mit Feuerpfeilen weg. Für gefundene Erfahrungspunkte gibt es ab und zu einen Fähigkeitenpunkt, mit dem wir etwa die Menge der maximal tragbaren Munition erhöhen oder besondere Schlagkombinationen freischalten dürfen. Parallel können wir die Waffen mit Extras aufwerten, die für eine höhere Schussfrequenz oder schnelleres Nachladen sorgen.

Im Grunde ist Tomb Raider auf zwei Arten spielbar: Entweder wir folgen stur der gut zehn bis zwölf Stunden langen Story. In deren Verlauf erfahren wir viel über einen japanischen Kult der ebenso schönen wie rücksichtslosen Sonnenkönigin Himiko, und was Laras Hauptwidersacher Vater Mathias mit dem Geist der alten Dame vorhat.

Oder wir folgen der Handlung, suchen aber zusätzlich links und rechts des Weges nach Geheimnissen: Das sind zum Teil die in Spielen üblichen Sammelgegenstände, etwa Dokumente oder Reliquien, für die wir Erfahrungspunkte oder Baumaterial für die Waffen erhalten. Es gibt aber auch größere unterirdische Grabanlagen zum freiwilligen Erkunden: etwa einen alten Tempel, in dem wir zum Erreichen eines besonderen Gegenstandes ein clever konstruiertes, grafisch toll in Szene gesetztes Windrätsel lösen müssen.

Spielewelt zum Selbsterkunden

Der Spieler kann über Schnellreise-Portale an Lagerfeuern jeden der vorher durchkämpften Orte noch einmal besuchen, um auf Schatzsuche zu gehen. Die meisten Feinde sind dann erledigt, und ein vorher düsterer und verregneter Wald ist plötzlich sonnendurchflutet. Allein in einem riesigen Tal können wir mehrere Stunden mit der Jagd nach Reliquien und Artefakten verbringen. Nicht alle Geheimnisse sind beim ersten Besuch auffindbar: An einige Objekte kann Lara erst gelangen, wenn sie später die Fähigkeit bekommen hat, mit ihrem Bogen ein Seil von Felsvorsprung zu Felsvorsprung zu spannen.

Außerdem sollte sie - oder besser: sollten wir - schlau genug sein, anhand von Kreidezeichnungen etwa an Wänden eine Schatzkarte zu finden, mit der fast alle Gegenstände auf der Übersichtskarte markiert werden. Wer dann loslegt, muss seinen Weg an Felswänden suchen, über Flüsse und Brücken springen und Pfeile mit Seilen verschießen - irgendwann sieht das Tal mit all den Tauen aus, als ob sich ein verrückt gewordener Monteur von Oberleitungen darin ausgetobt hätte. Eine große Hilfe ist der sogenannte "Überlebensmodus": Das ist ein Grafikfilter, der in der Konsolenversion mit der linken Schultertaste aktiviert wird und besondere Objekte hell leuchten lässt.

Sammeln, Hardware und das Fazit

Wie wichtig den Entwicklern von Crystal Dynamics die Sammelherausforderungen sind, zeigt ein Detail: Es gibt kaum Achievements für das Abschließen von Kapiteln oder sonstigen Teilen der Handlung, wie es sonst im Genre üblich ist - aber sehr viele Erfolge für das Finden der Extras.

Die Multiplayermatches von Tomb Raider konnten wir mangels menschlicher Vorabmitstreiter nicht ausprobieren. Es gibt mehrere teambasierte Modi, in denen unter anderem die Verbündeten von Lara gegen die ursprünglichen Inselbewohner in einer Art Team Deathmatch kämpfen.

Tomb Raider ist ab dem 5. März 2013 für Xbox, Playstation 3 und Windows-PC erhältlich. Zum Test lag uns die fertige Xbox-360-Fassung vor. Technisch hat die Version einen guten Eindruck gemacht. Abgesehen von schwachen Rucklern an einigen Stellen haben wir keine Probleme festgestellt. Hierzulande veröffentlicht Publisher Square Enix eine ungeschnittene deutsche Version, in der Lara Croft von der Schauspielerin Nora Tschirner synchronisiert wurde. Wir finden, sie hat das sehr gut gemacht: Tschirner klingt trotz ihrer eigentlich leicht wiedererkennbaren Stimme nur selten wie eine Figur aus ihren Filmen und hat außerdem einige übertrieben wirkende Schreie von Lara etwas dezenter vertont. Die USK hat dem Programm eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Der Serien-Reset ist gelungen: Lara Croft darf wieder als der Superstar der virtuellen Spieleszene gelten, der sie in den vergangenen Jahren zu Unrecht war. Mit früheren Titeln hat das neue Spiel nur noch wenig zu tun - zum Glück! Auf der Habenseite verbucht das Abenteuer jetzt eine tolle Story, deren Spannungsfaktor im Verlauf der Handlung sogar enorm zulegt, und die interessante Inselwelt mit ihrem Geheimnissen. Vor allem aber das abwechslungsreiche, auch für erfahrene Spieler herausfordernde, trotzdem so gut wie nie frustrierende Gameplay macht Spaß.

Ein paar Minuspunkte sind die überflüssigen und nicht ganz selbsterklärend aufgebauten Quicktime-Einlagen - aber so schrecklich viele sind das gar nicht. Auch die ersten Begegnungen mit Wölfen direkt nach dem Einstieg finden wir unnötig frustrierend, denn die Kämpfe später gegen viel härtere Gegner haben uns Spaß gemacht.

Das neue Tomb Raider hat tüchtig bei der Uncharted-Serie von Sony abgekupfert, die sich wiederum freigiebig bei den alten Abenteuern von Lara Croft bedient hat. Gegenüber dem letzten Uncharted fallen uns jetzt in Tomb Raider die weniger sprunghafte Handlung, die düstere und geheimnisvolle Atmosphäre und die stellenweise minimal größere Bewegungs- und Handlungsfreiheit auf.

Welcher Spieler was besser findet, ist letztlich Geschmackssache - beide Titel bewegen sich ungefähr auf dem gleichen, sehr hohen Qualitätsniveau. Wie bei jedem Test hat sich uns auch bei Tomb Raider irgendwann die Frage gestellt: Würden wir das Ding privat weiterspielen? Klare Sache: ja!  (ps)


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