Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/test-crysis-3-gipfeltreffen-der-ganzkoerperanzugkrieger-1302-97676.html    Veröffentlicht: 19.02.2013 15:23

Test Crysis 3

Gipfeltreffen der Ganzkörperanzugkrieger

Der Showdown kann beginnen: Im zerstörten New York treffen vertraute Helden altbekannte Feinde - trotzdem macht nicht nur die Grafik von Crysis 3 einen frischen und sehr gelungenen Eindruck.

Auch Helden dürfen mal schlafen: In Crysis 3 ist es die aus Serienteil 1 stammende Hauptfigur Prophet. In dessen Rolle werden wir zum Start der Kampagne aus einer Art künstlichem Koma aufgeweckt, und zwar von unserem Nachfolger aus Teil 2, der den Namen Psycho trägt und der sich jetzt, ohne Nanosuit, erst als prollig-derber Glatzkopf mit Hooligan-Charme entpuppt, nach und nach dann aber doch ganz sympathisch wird.

Im Grunde ist das aber nur Nebensache, denn viel wichtiger ist, was wir als gerade erwachter Prophet vorfinden: ein weitgehend zerstörtes New York, in dem die schwer bewaffneten Schergen des Cell-Konzerns das Sagen haben. Und dann ist da noch die Sache mit dem Alpha-Ceph, also dem Über-Außerirdischen, der zumindest anfangs noch eine unklare Rolle spielt.

Menschen mit schlechtem Namensgedächtnis könnten angesichts von Prophet-Psycho und Cell-Ceph schnell den Überblick verlieren, ansonsten erzählt Crysis 3 die auf den ersten Blick banale Handlung aber erstaunlich nachvollziehbar und im Spielverlauf immer interessanter. Und spätestens, wenn sich Claire, die Freundin von Psycho, mit uns per Funk darüber streitet, ob wir Mensch oder wegen des Nanosuits eher Maschine sind, gibt es auch mal was zum Schmunzeln.

Das Wetter wird besser

Auch sonst wird die rund fünf bis sieben Stunden lange Kampagne in ihrem Verlauf deutlich besser. Anfangs kämpfen wir uns bei Sturm, Regen und Nacht über Hafenanlagen und dann durch triste Fabrikhallen. Später sind wir aber unter anderem in sonnenüberfluteten Graslandschaften unterwegs, in schönen alten Ruinen, auf einem spektakulär in Szene gesetzten Staudamm und in einer Forschungsstation mit einigen Überraschungen. Allerdings: Nach einem zerstörten New York sieht das alles noch weniger aus als ein großer Teil der Umgebungen von Crysis 2.

Die meisten Umgebungen von Crysis 3 sind weniger offen als im ersten Crysis, aber weniger schlauchartig als in Teil 2 der Serie. Immer wieder können wir etwa in den Fabrikhallen wahlweise einen seitlichen Gang wählen, uns an Feinde anschleichen und sie von hinten erledigen oder die Gegner frontal attackieren. Letzteres ist allerdings nur auf den beiden niedrigsten der fünf sehr unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade eine ansatzweise gute Idee.

Nanosuit mit Superfunktionen

Entscheidend ist in den Kämpfen natürlich wieder der Nanosuit mit seinen Spezialfähigkeiten. Wir erhalten damit erweiterte Sprint- und Sprungfähigkeiten und können uns für kurze Zeit nahezu unsichtbar machen oder besonders starke Schutzschilde aktivieren, sind dann aber deutlich langsamer als sonst. Dazu kommt die Nanovision, mit der wir Gegner anhand ihrer Wärmesignatur erkennen. Außerdem können wir Selbstschussanlagen mit Hilfe eines simplen Geschicklichkeitsspiels so hacken, dass sie unsere Gegner ins Visier nehmen und nicht uns.

Neben klassischen Mann-gegen-Mann-Situationen haben die Entwickler von Crytek auch ein paar ungewöhnliche Situationen ins Spiel eingebaut. So müssen wir an einer Stelle ohne besagte Nanosicht in mannshohem Gras gegen Aliens kämpfen, was uns an die Verfolgungsjagden durch Velociraptoren in den Jurassic-Park-Filmen erinnert hat und wirklich atemberaubend spannend ist - aber auch ganz schön herausfordernd. Dazu trägt auch die allgemein gute Gegner-KI bei.

Um der Bedrohung durch Cell und Ceph gewachsen zu sein, verfügen wir als Prophet natürlich über eine umfangreiche Waffensammlung. Um es gleich zu sagen: Den Bogen, den Crytek als Markenzeichen für Teil 3 gewählt hat, haben wir kaum benutzt. Er funktioniert zwar gut und ist je nach Pfeilart schön leise, war uns aber zu unspektakulär.

Stattdessen haben wir für kurze Distanzen lieber zur Schrotflinte oder zu einer Waffe mit blauen Energieblitzen, für größere Entfernungen zum bewährten Scharfschützengewehr gegriffen. Wer tatsächlich mit Pfeil und Bogen auf die Jagd gehen möchte, hat aber auch keine spielerischen Nachteile. Die Waffen lassen sich im Spielverlauf per Menü um ein paar Extras erweitern, etwa um ein besseres Visier oder ein größeres Magazin.

Gesichter zum Anfassen

Crysis 3 basiert auf der Cry Engine 3 von Crytek und die Grafik macht einen klasse Eindruck. Die Licht- und Schatteneffekte, die im Wind wehenden Pflanzen, die teils schön großen Umgebungen, die knackigen Texturen und stimmungsvollen Nebel- und Partikeleffekte gehören zumindest auf dem PC mit zum Besten, was derzeit technisch möglich ist. Besonders imposant finden wir einige Gesichter in Engine-Zwischensequenzen, die man aus ein paar Metern Abstand zum Monitor auf den ersten Blick fast für echte Menschen halten kann. Uns fällt kein anderes Spiel ein, das das so gut hinbekommen hat.

Auf dem PC setzt Crysis 3 eine Grafikkarte voraus, die DirectX-11 darstellen kann; außerdem sollte sie über 1 GByte Grafikspeicher verfügen. Das Entwicklerstudio Crytek nennt exemplarisch eine Nvidia GTS 450 oder eine AMD Radeon HD 5770. Außerdem muss der Rechner über 2 GByte RAM (3 unter Vista) verfügen sowie über eine Zweikern-CPU - Crytek nennt als Beispiele einen Intel Core 2 Duo mit 2,4 GHz (E 6600) oder einen AMD Athlon 64 X2 mit 2,7 GHz (5200+). Als Betriebssystem kommen nur Windows Vista, 7 oder 8 infrage - XP unterstützt kein DirectX-11.

Hardware und Fazit

Crytek rät zu einer aktuelleren Dual-Core-CPU - etwa zum Intel Core i3-530 oder AMD Phenom II X2 565. Als Grafikkarte sollte eine Nvidia GTX-560 oder eine AMD Radeon HD 5870 eingesetzt werden, dazu 4 GByte RAM.

Wer mit allen Optionen auf Maximum antreten möchte, braucht laut Crytek eine Vierkern-CPU. Die Entwickler nennen zum Beispiel ist einen Hauptprozessor vom Typ Intel Core i7-2600K oder einen AMD Bulldozer FX-4150. Auch die Grafikkarte sollte quasi neu sein; entweder eine Nvidia GTX-680 oder eine AMD Radeon HD 7970. Außerdem sollten 8 GByte RAM im Rechner verbaut sein.

Zum Test bei Golem.de lag die fertige englischsprachige PC-Fassung von Crysis 3 vor. Anders als frühere Spiele der Serie (und anders als die Multiplayer-Beta) lief das Programm stabil und sauber. Trotz sehr häufiger Wechsel der Auflösung und der Detailstufen - die unter anderem wegen der Videoaufnahmen für Golem.de nötig sind - kam es nicht zu einem Absturz oder sonstigen Problemen. Auch im Programm selbst gibt es auffallend wenig Grafik- oder sonstige Darstellungsfehler.

Abgesehen von den beiden in der Multiplayer-Beta enthaltenen Karten konnten wir den Mehrspielermodus mangels Gegnern noch nicht ausprobieren. Er enthält zwölf Maps, in denen auf PC dem bis zu 16 und auf der Konsole bis zu 12 Spieler in acht Modi antreten können.

Crysis 3 ist ab dem 21. Februar 2013 für Windows-PC, Xbox 360 und Playstation 3 verfügbar; die Preisspanne liegt zwischen rund 50 und 65 Euro, je nach Plattform. Die PC-Variante muss beim Onlineportal Origin registriert werden und ist dann nicht mehr weiterverkaufbar. Inhaltliche Änderungen der deutschen Fassung gegenüber international erhältlichen Versionen gibt es nicht. Die USK hat dem Programm eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Superaliens und ein böser Wirtschaftskonzern legen New York und vermutlich auch den Rest der Welt in Schutt und Asche - klingt dramatisch. Ein großer Teil der Handlung von Crysis 3 dreht sich aber darum, welcher von zwei Helden wann und wie den Nanosuit trägt oder getragen hat.

Wer über diese Merkwürdigkeit hinwegsehen kann, bekommt mit Cryteks jüngstem Ego-Shooter ein spielerisch anspruchsvolles, toll inszeniertes und grafisch beeindruckendes Actionspektakel. Von bewusst überdrehten Titeln wie Call of Duty hebt sich Crysis 3 wohltuend ab.

Statt in irren Massenschlachten zu kämpfen, schalten wir auf angenehme, fast schon altmodische Art einen Gegner nach dem anderen aus. Dazu kommen aber auch frische Ideen, etwa die Kämpfe im hohen Gras, die extrem spannend und herausfordernd sind.

Zwei Dinge könnte man Crysis 3 vorwerfen: Zum einen ist es mit der offenen Welt nicht weit her, meist geht es sehr linear zu. Nur in wenigen etwas größeren Gebieten kann der Spieler gelegentlich entscheiden, wie er agiert. Zum anderen ist die Kampagne recht kurz. Für beides entschädigen aber das abwechslungsreiche Gameplay und die zumindest am PC spektakuläre Grafik. Wer die Vorgänger mochte, der sollte Cryteks jüngstem Werk unbedingt eine Chance geben.  (ps)


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