Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/umstrittene-leiharbeiter-wie-amazon-an-glanz-verliert-1302-97657.html    Veröffentlicht: 18.02.2013 17:40

Umstrittene Leiharbeiter

Wie Amazon an Glanz verliert

Die Politik erhöht den Druck auf den Onlinehändler Amazon wegen des umstrittenen Einsatzes von Leiharbeitern. Kunden kündigen ihre Nutzerkonten, im Netz häufen sich Beschwerden. Der Konzern wirkt hilflos.

Bald eine Woche ist es her, dass eine ARD-Dokumentation über Leiharbeiter beim Onlinehändler Amazon viele Kunden des Unternehmens aufgeschreckt hat. Der in dem Film geäußerte Vorwurf: Leiharbeiter würden im Weihnachtsgeschäft in den Logistikzentren unangemessen behandelt und zumindest in einzelnen Fällen von einem zweifelhaften Sicherheitsdienst kontrolliert. Seit Tagen kündigen Kunden Nutzerkonten bei Amazon - und das Unternehmen ringt weiter um eine angemessene Antwort.

So kauft Markus Rieksmeier seine Lektüre ab sofort wieder in der Buchhandlung oder bei anderen Internetbuchläden. Und das, obwohl sich der Kommunikationsberater aus Hamburg bis vor einiger Zeit selbst noch als "Heavy-Nutzer" des Versandhandels bezeichnet hat. Für einige tausend Euro im Jahr bestellte er dort vor allem Fachliteratur. Auch eine Buchhandlung in Eggenstein bei Karlsruhe hat seit heute wieder einen Kunden mehr. Malermeister Werner Deck hat sich wegen der Vorwürfe gegen Amazon zur Kündigung geklickt. "Der Fernsehbericht über die Arbeitsbedingungen hat mich erschrocken und betroffen gemacht. Für mich ist wichtig, Mitarbeiter so zu behandeln, wie ich auch behandelt werden möchte", sagte er Handelsblatt Online.

Natürlich sind Vorwürfe gegen Firmen im Onlinehandel und die beteiligten Paketdienste nichts Neues. Der Wunsch der Kunden, eine unglaubliche Vielfalt an Waren möglichst über Nacht geliefert zu bekommen, hat Auswirkungen auf die Arbeitswelt. In einer Fernsehreportage kritisierte im vergangenen Jahr der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff den Druck, der auf Mitarbeitern des Paketdienstes GLS lastet. Auch das ZDF berichtete in einer Dokumentation über den Versender Zalando über hohe Arbeitsbelastung.

Der Onlinehandel boomt - der Branchenumsatz stieg im vergangenen Jahr um fast ein Sechstel auf 39,3 Milliarden Euro - und gerade im Weihnachtsgeschäft ist der Erwartungsdruck der Kunden riesig, was pünktliche Zustellungen betrifft. Und im Schatten des Booms droht der Glanz Amazons zu schwinden.

Wird das Unternehmen auf der einen Seite bewundert, wie es zu einem globalen Versandriesen geworden ist und auf der anderen Seite auch neue Geschäftsfelder wie Cloud Computing und elektronische Bücher (Kindle) erschließt, ist die Arbeitswelt in den Logistikzentren immer wieder ein Kritikpunkt. Auch die Steueroptimierung, die der Konzern weltweit betreibt, gefällt den Finanzministern in Deutschland, Großbritannien und anderswo nicht.

Die Financial Times berichtete kürzlich über die geringe Begeisterung, die dem Unternehmen in Großbritannien entgegenschlägt. Obwohl dort viele Stellen an neuen Standorten geschaffen werden, gibt es Kritik. "Sie werden nicht als guter Arbeitgeber angesehen", zitierte das Blatt den Wirtschaftsförderer Glenn Watson, der für die Region rund um den Amazon-Standort im englischen Rugeley zuständig ist. Die Mitarbeiter beklagen sich, als "menschliche Roboter" eingesetzt zu werden und unter immensem Druck bei der Arbeit zu stehen und über unzuverlässige Einteilung in Schichten.

Amazon trennt sich von Sicherheitsfirma

Angesichts der bekannten Kritikpunkte ist es verwunderlich, dass Amazon wie in Schockstarre wegen der Recherchen der ARD wirkt. Das Unternehmen ringt auch Tage nach der Ausstrahlung noch um eine angemessene Antwort. Auf der englisch- und deutschsprachigen Facebook-Seite brodelt das Thema in den Nutzerkommentaren immer weiter. Doch eine Stellungnahme des Konzerns sucht man dort vergeblich.

Gegenüber einem Fernsehsender äußerte sich am Sonntag erstmals Deutschland-Geschäftsführer Ralf Klebe. "Amazon hat veranlasst, dass mit dem kritisierten Sicherheitsdienst nicht mehr gearbeitet wird", sagte er in der Nachrichtensendung RTL aktuell.

Der Firma Hensel European Security Services wurde in dem Beitrag die Nähe einiger Mitarbeiter zu rechtsradikalem Gedankengut vorgeworfen. Vor allem dieser Teil des Beitrags hatte internationale Reaktionen hervorgerufen. Das paramilitärische Auftreten des Sub-Auftragnehmers stieß Kunden ab. Die Durchsuchungen von Leiharbeiterunterkünften seien zur "Dokumentation etwaiger Beschädigungen oder abhandengekommener Sachen" erfolgt, teilte Hensel mit und wies den Vorwurf rechtsradikaler Gesinnung zurück.

Zunächst hatte Amazon darauf verwiesen, die Vorwürfe würden geprüft, "auch wenn das Sicherheitsunternehmen nicht von Amazon beauftragt wurde". Das Ende - auch für indirekte Geschäftsbeziehungen - kam dann am Sonntag.

Glaubt man den zahlreichen Postings auf Twitter und Facebook, dürfte Amazon jedoch bereits zahlreiche Kunden verloren haben - wie viele, dazu sagt das Unternehmen nichts. Auf der Facebook-Seite des Onlinehändlers laufen anprangernde Statusmitteilungen im Minutentakt ein. Während einige Nutzer das Unternehmen als "Sklavenhalter" beschimpfen, geben andere den Kunden die Schuld, die Amazon durch ihre Bestellungen unterstützen. Einen Schritt weiter gehen die Teilnehmer der Facebook-Seite "Meinen Amazon-Account lösche ich". Sie posten reihenweise Kündigungsbestätigungen, um sich solidarisch mit den Leiharbeitern zu zeigen.

Wer sich vor dem aufwendigen Löschprozedere scheut, findet Hilfe auf Twitter. Die Nutzer dort teilen fleißig eine Kündigungsanleitung. Dazu gibt es einen Link zu einer Onlinepetition initiiert vom Landesbezirk Hessen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. 30.000 Stimmen sollen dort gesammelt werden, um Amazon zu besseren Arbeitsbedingungen für seine Beschäftigten zu zwingen.

Zeitarbeitsbranche steht unter Druck

Die Vorwürfe, dass aus osteuropäischen Ländern angeworbene Leiharbeiter teilweise zu wenig Geld erhielten oder die Abrechnung von Sozialbeiträgen nicht immer richtig erfolgte, schreckten bereits zum Ende vergangener Woche die Arbeitsbehörden auf.

Der Leiter der Regionaldirektion Hessen, Frank Martin, hatte von dem US-Unternehmen schnellstmögliche Aufklärung "derzeit nicht transparenter Sachverhalte" verlangt. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) legte am Wochenende nach. "Der Verdacht wiegt schwer, deswegen müssen jetzt so schnell wie möglich alle Fakten auf den Tisch", sagte sie der Welt am Sonntag.

Die Vorwürfe stellten auch die Praxis infrage, im Ausland Arbeitnehmer anzuwerben und damit den Bedarf an Fachkräften für die deutsche Wirtschaft zu decken, erklärte Regionaldirektor Martin in einer Mitteilung. "Die in der Fernsehdokumentation geschilderten Lebens- und Arbeitsbedingungen der spanischen Saison-Arbeitskräfte beschädigen das Ansehen Deutschlands zutiefst." Nach eigenen Angaben beschäftigt Amazon in Deutschland 8.000 Logistikmitarbeiter fest.

Die Zeitarbeitsbranche will angesichts der Debatte um schlechte Arbeitsbedingungen unsaubere Praktiken nicht hinnehmen. "Immer dort, wo illegale beziehungsweise unethische Machenschaften im Zusammenhang mit Zeitarbeitseinsätzen praktiziert werden, distanzieren wir uns ausdrücklich hiervon", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ), Werner Stolz. Die Mitglieder des Verbands hätten sich einem Ethikkodex verpflichtet und arbeiteten zudem mit einer Schlichtungsstelle zusammen.

Rund 90 Prozent der Zeitarbeiter bei den Mitgliedsfirmen hätten einen unbefristeten Arbeitsvertrag, betonte Stolz. Der iGZ ist einer der Arbeitgeberverbände der Branche und vertritt nach eigenen Angaben rund 2.700 mittelständische Unternehmen.  (mdo)


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