Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/pirate-bay-doku-tpb-afk-techniker-passen-nicht-in-moeblierte-raeume-1302-97491.html    Veröffentlicht: 09.02.2013 00:20

Pirate-Bay-Doku TPB AFK

Techniker passen nicht in möblierte Räume

Am 8. Februar 2013 hatte der Dokumentarfilm The Pirate Bay - Away From Keyboard von Simon Klose auf der Berlinale Premiere. Gleichzeitig hat der schwedische Filmemacher sein Werk kostenlos über das Internet zugänglich gemacht. Golem.de hat den Film gesehen.

"Wir haben immer wieder versucht, organisiert zu werden, aber wir sind jedes Mal gescheitert", sagt Pirate-Bay-Gründer Fredrik Neij in einem Interview. Es ist der Tag vor dem letzten Verhandlungstag im Prozess um den Bittorrent-Indizierer und -Tracker. Wahrscheinlich könnte sich die Gegenseite das gar nicht vorstellen: eine Organisation ohne einen Chef. Am nächsten Tag rechnet der Staatsanwalt Roswall in seinem Plädoyer vor, das angeblich so unorganisierte Pirate Bay habe 1,7 Millionen US-Dollar mit Werbung verdient.

Ob die Zahlen stimmen, kann der Zuschauer nicht prüfen. Den Akteuren selbst kommen sie reichlich unerklärlich vor. Für den Vertreter der Anklage indes ist klar: Pirate Bay sei "nicht idealistisch." Es sei Neij, Peter Sunde und Gottfrid Svartholm ums Geschäft gegangen. Das Gericht verurteilt die drei Pirate-Bay-Gründer 2009 zu einem Jahr Gefängnis und hohen Schadensersatzzahlungen.

Zur Urteilsverkündung sind Neij und Svartholm nicht in Schweden. Sunde ist allein vor dem Computer und verfolgt mit ungläubigem Staunen, welches Strafmaß das Gericht verhängt. Simon Klose, Autor des Dokumentarfilms The Pirate Bay - Away From Keyboard (TPB AFK), hält mit seiner Kamera drauf. Wie auch bei der ersten Verhandlung und der Berufungsverhandlung, bei einem Auftritt Sundes nach der Urteilsverkündung in Zürich oder einem Treffen mit Ex-Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg.

Ganz nah dran

Rund zwei Jahre hat der schwedische Filmemacher die drei Pirate-Bay-Betreiber mit der Kamera begleitet. Er begleitet sie auch privat, ist bei Neijs Hochzeit in Laos dabei und darf sogar mit in die Serverräume, das Allerheiligste, bei denen als Ortsbezeichnung einmal nur "somewhere in Sweden", irgendwo in Schweden, eingeblendet wird. Doch obwohl Klose so nah dran ist, verfolgt er mit seiner Kamera das Geschehen neutral. Der Regisseur verpackt seine Geschichte in kühle Bilder. Er filmt sie klassisch mit dem Stativ, aber auch moderne Fahrten und die Authentizität suggerierende Handkamera fehlen nicht.

Klose hält sich heraus: keine Fragen an die Interviewpartner - zu Wort kommen neben Neij, Peter und Svartholm ihre Anwälte ebenso wie Vertreter der Industrie -, kein Sprechtext aus dem Off. Alle Aussagen sind Originalaussagen der Akteure - im direkten Gespräch mit Klose, im Gespräch mit anderen, vor Gericht. Wenige dokumentarische Szenen sind einmontiert: Bilder von der Beschlagnahme der Server im Jahr 2006 und von der Veranstaltung, auf der Sunde unter dem Jubel der Anwesenden erklärt, Pirate Bay sei wieder online.

Klare Rollenverteilung

Auch ohne Kommentare und Erklärungen arbeitet der teilweise per Crowdfunding finanzierte Dokumentarfilm gut die Positionen der Drei heraus. Schnell wird klar, wie die Rollenverteilung bei Pirate Bay aussah: Svartholm und Neij kümmerten sich um Technik und Vermarktung. Sunde sei, so erzählt Svartholm vor Gericht, dann gerufen worden, wenn ein Gesicht für die Öffentlichkeit gebraucht worden sei. Neij und er würden "nicht in möblierte Räume passen".

Vor Gericht sagt Neij aus, er interessiere sich sehr für Computer und IT. Die Arbeit bei Pirate Bay sei eine technische Herausforderung gewesen: Sie habe ihm die Möglichkeit geboten, mit Computern zu spielen, die er selbst sich nie hätte leisten können. Mit Politik oder Urheberrecht habe er nichts am Hut. Ihm sei es um den Spaß gegangen, eine der größten Websites der Welt zu unterhalten.

Pi im Kopf

Svartholm geriert sich als das Enfant terrible, geht vor Gericht auf Konfrontationskurs oder bezichtigt in einem Interview den Staatsanwalt der Lüge. Für ihn scheint der Prozess eher ein Spiel. Letztlich interessiert auch ihn nur, dass die Pirate Bay funktioniert. Er wird nervös und aufbrausend, wenn er seinen Computer längere Zeit ausschalten muss - aber er schafft es, die Zahl Pi auf x Stellen hinter dem Komma aus dem Kopf aufzuschreiben.

Ganz anders Sunde: Für ihn war Pirate Bay nicht einfach nur ein Spaß, er wollte nicht einfach nur die größte Website der Welt betreiben. Pirate Bay hatte für ihn einen politischen Anspruch: Das Angebot sei wichtig, weil es demokratisiere und tolle Bedingungen für die freie Meinungsäußerung schaffe, sagte er vor Gericht. Es ermögliche es den Nutzern, Inhalte zu teilen. Auf die Frage, ob das auch gelte, wenn diese urheberrechtlich geschützt seien, antwortet er: "Das ist eine verzwickte Konsequenz, die wir meiner Meinung nach diskutieren müssen."

Rechteindustrie mauert

Doch die Gegenseite diskutiert nicht. Die Unterhaltungsindustrie hält an ihren Geschäftsmodellen fest - mit allen Mitteln: So greift etwa ein Vertreter, der im Bild nicht zu sehen ist, einen als Experten vor Gericht geladenen Kommunikationswissenschaftler verbal an. Der Wissenschaftler hatte erklärt, Nutzer seien durchaus bereit, Filme, die sie herunterladen, auch zu kaufen - wenn diese denn einen Mehrwert böten, der einen Kauf lohne wie Bonusmaterial oder bessere Qualität. Wer sein Geschäftsmodell auf die neue Welt anpasse, könne auch weiterhin Erfolg haben, lautet sein Resümee - woraufhin der Vertreter die Kompetenz des Wissenschaftlers in Zweifel zieht.

"Dieses Scheißverfahren wird von Tag zu Tag bizarrer", fasst Svartholm nach einem Verhandlungstag die Ungereimtheiten zusammen, die den Prozess begleiteten: Ein Polizist, der gegen die Drei ermittelt, quittiert seinen Dienst und nimmt eine gut dotierte Arbeit in der Unterhaltungsindustrie an.

Nach der Urteilsverkündung wurde bekannt, dass der Richter Mitglied in mehreren Organisationen zum Schutz und zur Verschärfung des Urheberrechts war - zusammen mit den Anwälten der Ankläger. Ein Befangenheitsantrag wird jedoch abgewiesen.

Fassungslos in Laos

Am Ende setzt sich die Industrie mit ihrer Auffassung durch - auch im Berufungsverfahren verlieren Neij und Sunde. Wieder ist keiner der Drei vor Gericht anwesend: Neij und Sunde sitzen bei Ersterem zu Hause in Laos und verfolgen - erneut fassungslos - den Ausgang des Verfahrens, in das Svartholm schon nicht mehr involviert ist.

Der Film endet mit einem Auftritt Sundes vor dem Europäischen Parlament in Brüssel, wo er zum Thema Urheberrecht sprechen soll, das die Vorsitzende als eines der heißesten Themen des Parlaments bezeichnet. Er sei als Sprecher der Pirate Bay lange Zeit ein Ärgernis für die Rechteindustrie gewesen, stellt sich Sunde vor. Pirate Bay sei das größte Filesharing-Angebot der Welt. Und es wachse immer noch.

TPB AFK ist 82 Minuten lang und in schwedischer Sprache, aber es gibt englische Untertitel. Der Film, der unter einer Creative-Commons-Lizenz steht, ist über die Website sowie über Videoportale wie Youtube verfügbar.  (wp)


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