Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/pirate-bay-gruender-helden-und-kriminelle-1302-97452.html    Veröffentlicht: 07.02.2013 16:04

Pirate-Bay-Gründer

"Helden und Kriminelle"

Der schwedische Dokumentarfilmer Simon Klose hat die Macher der weltbekannten Filesharing-Plattform Pirate Bay jahrelang mit der Kamera begleitet. Auf der Berlinale und im Netz zeigt er ihren Kampf mit Hollywood-Anwälten und Behörden. Es sei falsch, sie einfach zu kriminalisieren, sagt Klose im Interview mit iRights.

Der Dokumentarfilm The Pirate Bay - Away From Keyboard (TPB AFK) zeigt den Gerichtsprozess gegen die Pirate-Bay-Gründer in den Jahren 2008 und 2009 und gibt zugleich Einblick in das Leben der Filesharing-Pioniere. Der Film hat am 8. Februar auf der Berlinale in Berlin Premiere und wird zeitgleich kostenlos im Netz veröffentlicht. Es ist der erste Langfilm von Simon Klose, der zuvor Musikvideos, Musik-Dokumentationen und 2006 den dokumentarischen Kurzfilm Sweet Memories Garden Centre über Autodiebe in Südafrika drehte. Klose, geboren 1975 in Schweden, ist Jurist und baut derzeit ein Internet-Startup auf, das Filmschaffende und ihr Publikum vernetzen soll.

iRights.info: Für Ihren Film haben Sie die Gründer der Pirate Bay, Gottfrid Svartholm, Fredrik Neij und Peter Sunde, jahrelang begleitet. Was ist Ihr Eindruck - welche Motivation steht hinter der wohl weltgrößten Filesharing-Plattform?

Simon Klose: Als ich Peter 2008 das erste Mal traf, war mein Eindruck, Pirate Bay kann alles sein: von einer kleinen Hobby-Webseite über ein Aktivistenportal für den zivilen Ungehorsam bis zur absolut effizientesten technischen Lösung für die Filesharing-Kultur. Die drei Gründer hatten diese brennende Leidenschaft für ein freies Internet und die Kultur des Teilens. Aber das war das Einzige, worauf sich diese sehr technikaffinen und talentierten jungen Männer verständigen konnten. Sie hatten sehr verschiedene Ansichten darüber, warum sie die Pirate Bay gründeten.

iRights.info: Würden Sie sagen, die Gründer waren auch auf der Suche nach einer neuen Lebensweise?

Simon Klose: In mancher Hinsicht ja. Diese drei Typen hatten viele lustige, coole Ideen und haben großartige Projekte gemacht. Sie starteten zum Beispiel eine Art Vorläufer der Crowd-Funding-Kampagne, um eine Insel vor der Küste Großbritanniens zu kaufen, die zuvor für militärische Zwecke genutzt wurde. Die Idee war es, auf dieser Insel eine neue Nation zu gründen - einen Staat ohne Copyright-Gesetze. Allerdings wurde daraus nichts.

Geld und Idealismus

iRights.info: Stehen hinter Pirate Bay nicht auch kommerzielle Interessen?

Simon Klose: Nein, überhaupt nicht. Zunächst einmal: Ich bin kein Journalist, der versucht, einen Scoop zu landen, indem er herausfindet, wie viel Geld in Pirate Bay steckt. Und ich versuche auch keine Sensationsgeschichte daraus zu machen, wie repressiv Hollywood-Unternehmen gegen die Plattform vorgehen. Die Leute hinter Pirate Bay starteten erstmal nur eine Seite, um mit dieser neuen Bit-Torrent-Technologie zu experimentieren. Das Pirate Bureau, also die Administratoren und Moderaten, die diese Seite am Laufen halten, werden nicht bezahlt. Und am Anfang waren sie auch strikt gegen jede Form der Werbung, es war ein absolut nichtkommerzielles Portal. Doch als Pirate Bay immer größer wurde, haben sie Werbebanner geschaltet, um die steigenden Kosten zu decken, um zum Beispiel den Strom und die benötigte Bandbreite zu bezahlen.

iRights.info: Würden Sie sagen, die Gründer sind idealistische Helden, die für ein freies Internet und die Kultur des Teilens kämpfen? Oder sind sie einfach Kriminelle, wie Hollywood-Anwälte sie nennen würden?

Simon Klose (lacht): Vielleicht sind sie beides: Helden und Kriminelle. Aber ich hoffe, mein Film überlässt dieses Urteil dem Publikum.

iRights.info: Was ist Ihre Sicht?

Simon Klose: Ich habe viel gelernt, während ich den Film machte. Aber mein Standpunkt war von Anfang an, dass Technologien, die Kultur für das Publikum zugänglicher machen, grundsätzlich etwas Gutes sind. In den 70er Jahren versuchte die Filmindustrie, den Videorekorder zu kriminalisieren. Würden Sie sagen, die Filmindustrie stünde heute besser da, wenn wir den Videorekorder verboten hätten? Oder wenn es die Musikindustrie geschafft hätte, die MP3 und den iPod zu kriminalisieren - denken Sie, wir hätten eine bessere Situation für die Menschen, die heute Kunst schaffen? Ich glaube nicht. Diese Technologien sind ein Antrieb der Kunst. Ich denke, auch das Filesharing schafft mehr Möglichkeiten für Filmemacher und Musiker, kulturelle Werke zu schaffen und zu vertreiben. Diese Technologien sollten gefördert werden.

iRights.info: Also würden Sie sagen, die Strafen für die Pirate-Bay-Gründer sind zu hart?

Simon Klose: Sie sollen wegen Beihilfe zu Copyright-Verletzungen etwa 7 Millionen US-Dollar an die Rechteinhaber zahlen und hinter Gitter für das, was sie getan haben. Ich denke, das ist falsch. Die Gesellschaft sendet damit das Signal: Das alte Vertriebssystem für kulturelle Werke, das von wenigen Unternehmen kontrolliert wird, ist immer noch der einzige und beste Weg für die Künstler und soll fortgesetzt werden. Das ist eine bedenkliche Botschaft. Es ist die Botschaft: Neue Technologien sind gefährlich. Filesharer und Menschen wie die Pirate-Bay-Gründer, die das Internet tatsächlich revolutioniert haben, zu kriminalisieren, ist tragisch.

Zugang erleichtern statt erschweren

iRights.info: Sie sind selbst Filmemacher. Was ist mit dem Vertrieb Ihrer eigenen Werke, sollen sie kostenlos verfügbar sein?

Simon Klose: Ich möchte den Menschen den Zugang zu meinen Filmen nicht erschweren. Anstatt Filesharer zu kriminalisieren und zu jagen, sollten wir nach neuen Wegen suchen, dem Publikum den Zugang zu unseren Werken zu verkaufen. Wir sollten die Macht des Internets nutzen, Zwischenhändler zu beseitigen, und den tatsächlichen Urhebern einen größeren Anteil an der Kompensation für ihre Werke geben. Vertriebs- und Marketingkosten sind auch stark gesunken, auch das sollte man bei neuen Strategien einbeziehen.

iRights.info: Deshalb wird Ihr Film kostenlos für alle im Netz verfügbar sein?

Simon Klose: Mein Film kann kostenlos gesehen werden, aber man kann auch dafür bezahlen, wenn man mich unterstützen will. Ich sage nicht, der kostenlose Zugang zu Filmen ist der einzig richtige Weg. Jedes kulturelle Werk braucht seine eigene Vertriebsstrategie. Aber im Fall von Pirate Bay AFK wäre es wirklich eine bescheuerte Strategie gewesen, den Film einfach nur zu verkaufen und nicht auch frei verfügbar zu machen.

iRights.info: Würden Sie sagen, die Pirate-Bay-Gründer denken über die ökonomischen Folgen der Filesharing-Kultur für Künstler und Rechteinhaber nach?

Simon Klose: Sie sind definitiv sehr kenntnisreiche Menschen, die wirklich tief in dieser Debatte drin sind, aber sehr unterschiedliche Ansichten haben. Peter Sunde zum Beispiel, der Sprecher, versucht neue Finanzierungsmodelle für Künstler zu finden. Das erste war Playable, ein werbefinanziertes System, um Musik zu vertreiben. Jetzt arbeitet er am Mikro-Bezahldienst Flattr, um Künstler und Kreative zu unterstützen. Viele Menschen denken, diese Typen scheren sich nicht um Kreative und Künstler. Aber mein Eindruck ist, sie tun es. Sie versuchen, angesichts der technischen Entwicklung neue Wege zu finden.

iRights.info: Wie würden Sie die Verbindung zwischen Pirate Bay und Piratenpartei beschreiben?

Simon Klose: Ich würde sagen, das Gerichtsurteil gegen Pirate Bay 2009 war ein entscheidender Grund, warum die schwedische Piratenpartei bei den Europawahlen im selben Jahr auf 7 Prozent kam. Der Prozess und das harte Urteil haben den Boden bereitet für den internationalen Durchbruch der Piratenpartei. Man konnte das Verhältnis so beschreiben: Widerfährt Pirate Bay etwas Schlechtes, dann widerfährt der Piratenpartei etwas Gutes.

iRights.info: Was erhoffen Sie sich vom Filmstart auf der Berlinale und im Netz?

Simon Klose: Jeder sollte sich den Film am Freitag um 17 Uhr anschauen und wir feiern alle zusammen die größte Premiere, die es jemals gegeben hat.  (aw)


Verwandte Artikel:
TPB AFK: Dokumentarfilm zeigt die Pirate-Bay-Gründer offline   
(01.09.2010 17:04, http://www.golem.de/1009/77634.html)
Gottfrid Svartholm Warg: Pirate-Bay-Gründer nicht mehr in Isolationshaft   
(10.12.2012 12:08, http://www.golem.de/news/gottfrid-svartholm-warg-pirate-bay-gruender-nicht-mehr-in-isolationshaft-1212-96248.html)
The Story of Mojang: Minecraft-Dokumentarfilm auf The Pirate Bay   
(24.12.2012 10:00, http://www.golem.de/news/the-story-of-mojang-minecraft-dokumentarfilm-auf-the-pirate-bay-1212-96532.html)
Rechtsanwalt: Neues Gesetz wird Abmahnwahn gegen Filesharer beenden   
(06.02.2013 12:01, http://www.golem.de/news/rechtsanwalt-neues-gesetz-wird-abmahnwahn-gegen-filesharer-beenden-1302-97411.html)
Silent Circle: Phil Zimmermanns Team bietet verschlüsseltes Filesharing   
(05.02.2013 11:55, http://www.golem.de/news/silent-circle-phil-zimmermanns-team-bietet-verschluesseltes-filesharing-1302-97378.html)

© 2014 by Golem.de