Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/malware-twitter-spam-kapert-die-direct-messages-1301-97099.html    Veröffentlicht: 23.01.2013 16:17

Malware

Twitter-Spam kapert die Direct Messages

Ein Spamangriff bei Twitter schleicht sich in Direct Messages ein und erschreckt die Nutzer. Manche löschen aus Angst gar ihren Account, wie der Chef der Piratenpartei.

Twitter hat schon immer ein Problem mit Spam. Extra zu diesem Zweck angelegte Accounts versuchen, andere Twitterer auf Websites zu locken, damit sie dort Werbung anklicken, Pornos anschauen oder ihre Bankdaten und Passworte preisgeben. Normalerweise beschränken sich solche Angriffe auf Tweets, auf die öffentlich einsehbaren Nachrichten also. Doch inzwischen haben Kriminelle Wege gefunden, das vertraulichste System des Netzwerkes zu missbrauchen, die sogenannten Direct Messages.

Neben den öffentlichen Nachrichten gibt es in Twitter eine Art Mail-System, über das privatere Botschaften verschickt werden können, Direct Message genannt, gern abgekürzt als DM. Zwei Twitterer können sich eine solche DM senden, wenn sie sich gegenseitig folgen, also wenn jeder den Nachrichtenstrom des anderen abonniert hat. Außerdem kann man solche DMs an seine Follower schicken, auch wenn man diesen nicht folgt. Sie können zwar nicht auf dem gleichen Weg antworten, aber sie können die DM des Absenders immerhin lesen.

So geschieht es, dass man von Menschen, deren Accounts man kennt, Botschaften wie diese erhält: "Did you see this pic of you? lol..." (Hast du das Bild von dir gesehen? Lustig...) Wer sich die DM anschauen will und auf den darin enthaltenen Link klickt, infiziert sich und wird selbst zum Opfer und Spamversender. Denn anschließend verschickt der eigene Account genau diese Botschaft an die eigenen Follower.

Twitter schweigt

Wie genau es den Angreifern gelingt, in das System mit den Direct Messages einzudringen, ist nicht klar. Twitter hat entsprechende Fragen, egal ob sie via Tweet oder via E-Mail gestellt wurden, bislang nicht beantwortet. Auf den offiziellen Seiten des Unternehmens findet sich nur eine generelle Warnung vor dem Problem, deren Darstellung noch dazu falsch ist.

Dort steht: "If you enter your credentials on that fraudulent page, the phishers can sign in as you and trick more people." Wer also auf einer Phishing-Seite sein Passwort und seinen Login-Namen preisgebe, heißt das, dessen Account könne zum Verschicken genau solchen Spams missbraucht werden. Das ist erstens nicht verwunderlich und zweitens nicht korrekt.

Denn der eigene Account wird offensichtlich auch dann missbraucht, wenn der betroffene Nutzer seine Logindaten eben nicht preisgegeben hat, ja sogar dann, wenn er die entsprechende Phishing-Seite gar nicht gesehen hat. Mehrere Betroffene versichern glaubhaft, dass sie solche DMs bekamen, auf den Link in einer klickten, anschließend aber keine Phishing-Seite sahen und nirgends irgendwelche persönlichen Daten oder gar Passwörter eingaben. Trotzdem verschickten sie anschließend selbst solche DMs.

Immerhin wird die Phishing-Seite von Twitter erkannt und automatisch blockiert. Wer auf den Spamlink klickt, sieht eine Seite von Twitter, die um Entschuldigung dafür bittet, dass die verlinkte Seite nicht angezeigt werden könne. Das Problem ist eindeutig schon älter. Bereits im September 2012 beschreibt es die Seite Cnet. Andere Hinweise auf diesen Angriff sind sogar noch viel älter. Aber die Malware scheint noch immer unterwegs zu sein. Und sie scheint eine Lücke in Twitter-Apps zu nutzen, um sich neue Accounts auch ohne das Passwort zu Eigen zu machen.

Das Passwort wird nicht gehackt

Denn ein klassischer Hack ist es nicht, der Account wird nicht von Fremden übernommen, der Nutzer behält die volle Kontrolle darüber. Jedoch genügt es als Gegenwehr anscheinend, das Passwort des Twitter-Accounts zu ändern, um das Verschicken solcher DMs zu stoppen. Was darauf hinweist, dass der Angriff über eine externe App erfolgt, die mit Twitter verbunden ist.

Solche Programme, die beispielsweise dazu dienen, von seinem Smartphone aus zu twittern, fragen bei der ersten Nutzung, ob sie Zugang zum Account haben können. Das Verfahren wird OAuth genannt und soll extra dazu dienen, eben keine sensiblen Daten übertragen zu müssen. Stimmt der Nutzer zu, haben diese Apps künftig Zugriff, ohne das Passwort zu kennen. Ändert der Nutzer sein Twitter-Passwort, wird ihnen der Zugriff jedoch verwehrt, bis der Nutzer es der App erneut erlaubt.

Account @BuBernd gelöscht

Welche App in diesem Fall genau für das Problem verantwortlich ist? Unklar.

Betroffen sind derzeit einige deutsche Accounts, beispielsweise der des Bundesvorsitzenden der Piratenpartei, Bernd Schlömer. Er hat deswegen sogar seinen Account bei Twitter gelöscht - für einen Politiker ein schwerer Schaden, da Twitter ihm als Kommunikationsweg zu vielen Menschen dient. Hier waren es fast zehntausend Follower.

Schlömer selbst sieht das vergleichsweise gelassen. "Ich wollte mir sowieso eine Pause von Twitter gönnen", sagt er. Und dass er sich bereits einen neuen Account angelegt habe. Über Spam macht er sich keine Illusionen: "So etwas wird immer wieder passieren."

Kein Grund für Twitter, das leichtzunehmen, das Unternehmen hat offensichtlich ein ernstes Problem. Ob und wie man es beseitigen will? Auch dazu gibt es keine Antwort.  (zeit-kb)


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