Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/werbefinanzierte-copyrightverstoesse-die-spur-des-geldes-im-netz-1301-96871.html    Veröffentlicht: 11.01.2013 15:02

Werbefinanzierte Copyrightverstöße

Die Spur des Geldes im Netz

Auch Unternehmen wie Google und Yahoo sollen am Werbegeschäft von Internetportalen beteiligt sein, denen zahlreiche Urheberrechtsverletzungen vorgeworfen werden, so eine Studie. Eine US-Urheber-Initiative fordert Künstler auf, gegen Markenwerbung auf sogenannten Piratenseiten mobil zu machen.

Große Unternehmen werben mitunter auf Internetseiten, die gewerbsmäßig Urheberrechte verletzen, indem sie Filme, Spiele und Musik illegal zugänglich machen. Das ist für Rechteinhaber seit langem ein Ärgernis. Die Betreiber illegaler Plattformen finanzieren mit den Werbeerlösen ihre technische Infrastruktur und fahren in Fällen wie der mittlerweile geschlossenen Streaming-Plattform Kino.to Gewinne in Millionenhöhe ein. In die Produktion der Werke, mit denen sie oft immense Klickzahlen generieren - Kino.to war einst eine der 50 meistbesuchten Seiten Deutschlands - investieren die Plattformbetreiber dagegen keinen Cent.

Bereits im August 2012 belegte die US-Urheber-Initiative The Trichordist ("Künstler für ein ethisches und nachhaltiges Internet") mit Screenshots: Anzeigen großer Markenhersteller wie VW, Ford, Emirates Airlines und LG landen auf dem Portal Filestube, dem bereits millionenfach Copyrightverstöße vorgeworfen wurden. Allerdings müssen die Unternehmen die Schaltung nicht bewusst veranlasst haben. Sie beauftragen in der Regel Agenturen, die wiederum zahlreiche weitere Vermittler - etwa Internetbörsen für Onlinewerbung (Ad Exchanges) - einschalten, bis das Werbebanner schließlich irgendwo im Netz landet.

Ein Bericht des Annenberg Innovation Lab der University of Southern California (5. Januar 2013) kommt aktuell zu dem Schluss: Markenunternehmen sind sich oft nicht bewusst, dass sie mit ihren Werbegeldern "parasitäre" Geschäftsmodelle finanzieren. Die mangelnde Transparenz der Werbenetzwerk-Industrie im Internet sei ein klassischer Fall des Marktversagens.

Das Lab will mit einem Transparenzbericht monatlich dokumentieren, welche Werbenetzwerke Betreibern von "Piratenseiten" Anzeigen vermitteln. Die ersten Ergebnisse zeigen die Beteiligung prominenter Unternehmen. In den Top Ten der von "Piraterieseiten" genutzten Werbenetzwerke und -Server landet Google (inklusive des Dienstes Doubleclick) auf Platz 2 und Yahoo (inklusive des Dienstes Right Media) auf Platz 6.

"Unternehmen und Werbenetzwerke wollen nicht als böse gelten"

Google reagierte mit verhaltener Kritik. Man glaube, die Ergebnisse seien irreführend, wenn sie nahelegen, dass Google-Anzeigen eine bedeutende Einnahmequelle für große Piratenseiten seien, erklärte das Unternehmen auf Anfrage der Los Angeles Times. Was Google als eine "große" Piratenseite einstuft und was als "bedeutende" Einnahmequelle, lässt das Unternehmen offen. Ein eindeutiges Dementi hört sich anders an.

Google verweist gegenüber dem Innovation Lab außerdem darauf, dass das Unternehmen nicht unbedingt an Werbeerlösen von Internetseiten beteiligt ist, die einen Google-Code in ihrem Quelltext verwenden. Millionen von Werbetreibenden und Seitenbetreibern würden selbst entscheiden, wie sie Googles Doubleclick-Technologie nutzen, und man könne nicht "sehen", wo all diese Anzeigen auftauchen.

Zugleich sichert Google zu, Vorwürfen nachzugehen. Bekomme man Kenntnis davon, dass mit der Doubleclick-Technologie Anzeigen auf copyrightverletzenden Seiten geschaltet würden, kontaktiere man die beteiligten Werbetreibenden und Seitenbetreiber, damit sie "etwas unternehmen" ("We contact the affected advertisers and publishers to take action"), zitiert der Bericht das Unternehmen. Das Annenberg Innovation Lab kommentiert: "Wir sind darüber erfreut, dass Google seit kurzem seine Bemühungen verstärkt, Werbekunden wissen zu lassen, wenn ihre Anzeigen auf illegalen Seiten erscheinen." Man gehe davon aus, dass sich diese Bemühungen in den neuen Daten niederschlagen würden, die das Innovation Lab im Februar veröffentlichen will. Außerdem regt der Bericht wissenschaftliche Untersuchungen der Geldflüsse im Netz an.

"Wir glauben, dass sowohl die prominenten Werbenetzwerke als auch die großen Markenunternehmen nicht als 'böse' wahrgenommen werden wollen", schreibt das Innovation Lab in Anspielung auf Googles informelles Unternehmensmotto "Don't be evil" (Sei nicht böse). Tatsächlich könnten die Recherchen des Annenberg Lab speziell für Google peinlich werden, wenn sich der Eindruck erhärtet, das Unternehmen kooperiere mehr oder minder indirekt mit fragwürdigen Internetangeboten.

Was ist eine Piratenseite?

Das Lab nutzt Googles eigenen Transparenzbericht, um sogenannte Piratenseiten zu identifizieren. Darin listet Google Internetangebote auf, gegen die besonders häufig Löschanträge wegen Copyrightverstößen eingehen. Auf Antrag von Rechteinhabern streicht das Unternehmen monatlich Millionen Unterseiten von Domains wie Filestube, Isohunt und MP3Skull aus den Suchergebnissen. Doch ausgerechnet die Werbeschaltung auf dem Portal Filestube, das im Transparenzbericht regelmäßig den Rekord bei Löschanträgen von Rechteinhabern aufstellt, lief die Werbeschaltung zumindest 2012 noch teilweise über Google-Dienste, wie der Bericht des Annenberg Innovation Lab nahelegt (siehe Visualisierung auf Seite 5).

Google lässt mit Rechteinhabern den illegalen Markt erforschen

Dass Google prinzipiell bereit ist, über gesetzliche Verpflichtungen im Kampf gegen Copyrightverstöße hinauszugehen, zeigte sich im Herbst 2012. Google kündigte an, Internetangebote prinzipiell in den Suchergebnissen herabzustufen (Downranking), gegen deren Unterseiten häufig Löschanträge eingehen. Dazu wäre das Unternehmen nach dem Digital Millennium Copyright Act (DMCA) nicht verpflichtet, der nur die konkreten Löschungen regelt. Könnte Google noch einen Schritt weitergehen und die betroffenen Internetangebote gezielt von seinen Werbenetzwerken und Anzeigensystemen ausschließen?

Zumindest scheinen sich Google und Rechteindustrie beim Thema gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzungen entgegenzukommen. Gemeinsam mit der britischen Urheberrechtsgesellschaft Performing Rights Society for Music finanzierte Google die Studie The Six Business Models of Copyright Infringement (Juni 2012) - zu Deutsch etwa: Die sechs Geschäftsmodelle auf Grundlage von Urheberrechtsverletzungen. Sie kommt zu dem Schluss, dass sich zum Beispiel 86 Prozent der Internetportale, die zu illegal veröffentlichten Werken verlinken (P2P search sites), über Anzeigen finanzieren.

Auch der Ansatz des Annenberg Innovation Labs scheint bei Google zumindest intern einzuleuchten. Das Institut zitiert einen nicht namentlich genannten, "prominenten" Google-Manager mit den Worten: "Der Spur des Geldes zu folgen ist der exakt richtige Fokus" ("following the money is exactly the right focus").

GVU: Austrocknen der Finanzquellen

Mit der Liste will das Annenberg Innovation Lab die Online-Werbewirtschaft offensichtlich unter Druck setzen, Anzeigen auf Piratenseiten aktiv zu blockieren. Sonst bleibt der Vorwurf, dass sie Tätern gewerblicher Urheberrechtsverletzungen bei der Anzeigenakquise hilft, um Vermittlungsprovisionen einzustreichen.

Ein Werbeboykott könnte gewerbsmäßige Copyrightverstöße deutlich eindämmen, meint auch die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), die von den großen Verbänden der Film-, Musik- und Spieleindustrie unterstützt wird. Er würde den "Lebensnerv der strafbaren Geschäftsmodelle" treffen, sagte eine Sprecherin iRights.info. Das "Austrocknen der Finanzquellen" von Websites, die urheberrechtlich geschützte Inhalte massenhaft illegal verwerten, ist 2013 laut Geschäftsführer Matthias Leonardy eine "Top-Priorität" der GVU.

Folgen für den Werbemarkt

Dem Annenberg Innovation Lab zufolge sind die illegalen Geschäftsmodelle nicht nur ein Problem der Urheber und Rechteinhaber, deren Werke von anderen vermarktet werden. Das fast unbegrenzte Angebot an Werbeflächen durch die 150.000 im Google-Transparenz-Bericht gelisteten "illegalen File-Sharing-Seiten" schade der gesamten Medienindustrie, heißt es im Bericht. Es führe zu sinkenden Anzeigenpreisen im Internet und entwerte damit die Werbeflächen aller legalen Angebote.

Deutsche Werbewirtschaft arbeitet an "Schaltungsroutinen"

2012 nahm die Debatte um werbefinanzierte Copyrightverstöße auch in Deutschland an Fahrt auf. Man distanziere sich strikt von allen Formen der Urheberrechtsverletzung, erklärte Bernd Nauen, Chef des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW), im Interview mit iRights.info. Allerdings sei es technisch kompliziert, die "Schaltungsroutinen" beim Digitalgeschäft zu verbessern. Doch es werde daran gearbeitet. "Am Ende könnten technisch-organisatorische Strukturen stehen, mit denen die Werbewirtschaft das Thema selbstständig und effizient angeht."

Burkhard Lischka, rechtspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hält darüber hinaus Sanktionen gegen die Werbenden für überlegenswert. "Die Wirtschaft könnte gewisse Sorgfaltspflichten haben, wenn sie im Netz Werbung schaltet", sagte Lischka im Interview mit iRights.info. "Dazu würde gehören, dass Portale tabu sind, deren Geschäftsprinzip ein Gericht für illegal befunden hat." Entsprechende gerichtliche Verfahren hält Lischka insgesamt für eine wichtige Voraussetzung im Kampf gegen Urheberrechtsverstöße. "Statt die Schulhöfe zu kriminalisieren und Familien mit Abmahngebühren in große finanzielle Probleme zu stürzen, wollen wir die illegalen Plattformen angehen." Diese machten viel Geld mit anderer Menschen Arbeit.

US-Künstler wollen mobilisieren

Die US-Urheber-Initiative The Trichordist will nicht auf Selbstverpflichtungen der Werbewirtschaft oder gesetzliche Maßnahmen warten. Der Musiker David Lowery ruft im Blog der Initiative Künstler auf, Anzeigen von Markenherstellern auf Piratenseiten zu dokumentieren, die ihre Werke illegal veröffentlichen. Sie sollten ihre Fans über Facebook und Twitter informieren. Außerdem hofft Lowery darauf, dass Markenhersteller wie Ford die Werbenetzwerke verklagen, die Anzeigen gegen ihren Willen auf Piratenseiten schalten. Dann könnten Börsenanalysten anfangen zu fragen, wie viel Prozent der Erlöse von Unternehmen wie Google und Yahoo aus dem Werbegeschäft mit "bösartigen" Seiten stammen und das rechtliche Risiko in die Unternehmensbewertung einbeziehen, meint Lowery. Hier seien die Werbenetzwerke "verwundbar".  (aw)


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