Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/deutsche-startups-berlin-steht-vor-einer-zaesur-1301-96645.html    Veröffentlicht: 03.01.2013 14:59

Deutsche Startups

Berlin steht vor einer Zäsur

Seit Jahren geht es mit der Berliner Startupszene aufwärts. Trotzdem wird das Jahr 2013 für viele Gründer eine Herausforderung, schreibt Blogger Martin Weigert. An großen Durchbrüchen fehle es nämlich bislang und das Startkapital einiger Firmen könnte langsam zur Neige gehen.

2013 wird das bisher wichtigste Jahr für die Berliner Webwirtschaft. Denn die noch junge Branche der Stadt braucht unbedingt Erfolgserlebnisse. Trotz aller Gründungen - rund 1.300 seit 2008 - mangelt es bisher an ganz großen Durchbrüchen von aus der Spreestadt stammenden Webfirmen. Was unter anderem damit zu tun hat, dass sich die Entrepreneure der Stadt bisher vor allem auf an Endkonsumenten gerichtete Social-Web-Startups fokussierten - ein schwieriger Bereich, der ein besonders gut vernetztes Ökosystem mit globalem Einfluss benötigt. Dieses fehlt Berlin noch.

Das hat zur Folge, dass viele der mit großen Ambitionen gestarteten Berliner Startups rund um das Thema Social auch ein bis zwei Jahre nach ihrem Debüt kein so kräftiges Wachstum vorweisen können, das erforderlich wäre, um in der Liga ihrer Konkurrenten aus dem Silicon Valley mitzuspielen und damit wettbewerbsfähig zu werden. Oder um überhaupt irgendwelche Netzwerkeffekte zu erreichen. Oder um sich die früher oder später erforderliche Anschlussfinanzierung zu sichern.

Einige werden es schaffen, andere nicht

Gerade die Finanzierungsfrage ist heikel. US-Branchenkenner sind sich einig: An Endkonsumenten gerichtete Startups werden es 2013 besonders schwer haben, und der sogenannte "Series A Crunch" soll in den kommenden zwölf Monaten mit insgesamt einer Milliarde Dollar Seed- und Angel-Funding finanzierte US-Startups zu einem vorzeitigen Ende zwingen. Während in den vergangenen Jahren speziell in den USA fast jedes noch so sinnbefreite junge Webunternehmen eine Frühphasen-Finanzierung erreichen konnte, sind die Venturekapitalisten weitaus kritischer dabei, wem sie die ganz großen Schecks übergeben.

In Deutschland war die Situation zwar insofern anders als der Großteil der Gründer zu keinem Zeitpunkt das Gefühl erhielt, Business Angels würden ihnen das Geld regelrecht hinterherwerfen. Doch speziell in der Hauptstadt und insbesondere im Dunstkreis der Soundcloud-Gründer Alexander Ljung und Eric Wahlforss, befreundeter Geldgeber wie Christophe Maire sowie zahlreicher Acceleratoren ließ sich beobachten, wie unzählige mobile Apps und Social-Plattformen Startkapital erhielten, das nun bei vielen 2013 zur Neige gehen dürfte. Ob die nach außen hin sichtbarsten Vertreter der neuen Berliner Gründerwelle - von Amen, Readmill und Wunderlist über Loopcam, EyeEm und Moped bis Gidsy, Klash oder Toast - alle in einem Jahr in heutiger Form noch existieren, ist fraglich. Einige werden es schaffen, andere nicht.

Zerbricht das aufwendig aufgebaute Image Berlins als mögliches Silicon Valley Europas?

Allgemein existiert eine gewisse Spannung im Hinblick darauf, was passiert, wenn bekannte Startups der Spreemetropole schließen sollten. Zerbricht das aufwendig aufgebaute Image Berlins als mögliches Silicon Valley Europas? Oder beginnt dann erst die wahre Sternstunde der Stadt, wenn sich nämlich die Spreu vom Weizen trennt und die Dienste Aufmerksamkeit bekommen, die ihr nachhaltiges Potenzial unter Beweis stellen und das erforderliche Kapital für eine weitere Expansion einsammeln konnten?

Aber es kann auch ganz anders kommen: nämlich dann, wenn die prominentesten Vertreter des Berliner Startup-Hypes - Rocket Internets Zappos-Nachbau Zalando, Soundcloud und Wooga - einen ansprechenden Exit hinlegen sollten. Bei Soundcloud herrscht zwar nach wie vor Unklarheit über die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells und von einer eventuellen Profitabilität hört man auch fünf Jahre nach dem Debüt nichts (was üblicherweise bedeutet, dass ein Startup nicht profitabel ist), aber was Youtube 2006 mit der Übernahme durch Google gelang, könnten die Soundcloud-Macher zu wiederholen versuchen. Vor einem Jahr nahm das Unternehmen satte 50 Millionen Dollar von US-Investoren ein.

Eine Übernahme würde das Selbstbewusstsein der städtischen Internetwirtschaft stärken

Wooga hat es geschafft, sich dem einbrechenden, von Facebooks Plattform abhängigen, Social-Games-Markt durch die partielle Transformation in einen Anbieter für mobile Spiele zu entziehen - während das kalifornische Vorbild Zynga ein schlechtes Jahr erlebte. Die Berliner sind eine der drei europäischen Firmen, die sich in der Rangliste der zehn populärsten iPhone-Apps des Jahres in Deutschland platzieren konnten. Die Übernahme von Soundcloud oder Wooga würde das Selbstbewusstsein der städtischen Internetwirtschaft stärken und wahrscheinlich auch die Bereitschaft zu weiteren Investments in aufstrebende Webfirmen Berlins erhöhen.

Bei einer Analyse der Situation in Berlin macht man leicht den Fehler, zu ungeduldig zu sein. Nimmt man 2010 als Schlüsselmoment, zu dem die Gründerwelle im Internetsegment in Berlin zu einem Mainstreamthema wurde, dann sind seitdem nicht einmal drei Jahre vergangen. Dass in dieser kurzen Zeit nicht das Ökosystem entstehen kann, von dem das Silicon Valley profitiert, ist logisch. Dennoch scheint die Zeit für eine erste Zäsur gekommen. Vor einigen Jahren dem Berlin-Fieber erlegene Gründer werden sich entscheiden müssen, ob sie nach ihrem ersten Ausflug in das Unternehmertum ihr gesammeltes Wissen für ein neues, vielversprechenderes Unterfangen nutzen möchten, einem bestehenden Berliner Startup beitreten oder aber die Nase voll haben und weiterziehen. Wie auch immer sie sich entscheiden mögen: Der Szene wird es nicht schaden.  (maw)


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