Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/konfliktfreie-rohstoffe-faire-computer-sind-in-weiter-ferne-1212-96598.html    Veröffentlicht: 29.12.2012 20:50

Konfliktfreie Rohstoffe

"Faire" Computer sind in weiter Ferne

Rechner oder Smartphones, die zu fairen Bedingungen produziert werden und in konfliktfreien Gebieten abgebaute Rohstoffe enthalten, wird es so bald nicht geben. Unrealistisch ist das aber nicht, sagt Sebastian Jekutsch vom Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung.

Im Kampf um immer niedrigere Preise für Hardware in der IT-Branche müssen Menschen in vielen Ländern unter unzumutbaren Bedingungen arbeiten. Sie bauen Erze im kriegsgeschüttelten Kongo ab oder schuften in Fabriken für einen Hungerlohn und gefährden dabei mitunter ihre Gesundheit. Das wird sich in naher Zukunft nicht ändern, sagte Sebastian Jekutsch vom Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FifF) auf dem 29. Chaos Computer Congress (29C3). Erste Initiativen lassen aber hoffen, dass sich faire Hardware doch herstellen lässt. Davon ist Jekutsch überzeugt.

Konsumenten sind weitgehend machtlos, selbst wenn sie die Bedingungen für Minenarbeiter im Kongo oder Arbeiter in Zulieferfirmen in China ändern wollen. Denn anders als beim fairen Kaffeeanbau wird in elektronischen Komponenten mehr als ein Rohstoff verbaut. Hinzu kommt, dass gerade im Kongo der Abbau von Rohstoffen von korrupten Militärs oder Milizen kontrolliert wird und der Verkauf der Rohstoffe den Konflikt dort finanziert. "Konfliktfreie" Rohstoffe sind weitaus teurer.

Unüberschaubare Produktionskette

Auch die Anzahl der Zulieferfirmen ist weitgehend unüberschaubar, so dass nicht alle kontrolliert werden können. Selbst die Hersteller können nicht alle Kontrakthersteller überwachen, auch wenn sie wollten. Die Zulieferfirmen setzen oft auf menschliche Arbeitskräfte, weil sie beispielsweise Maschinen nur mit großem Aufwand umrüsten müssten, um die diversen Tastaturen verschiedener Hersteller mit Tasten zu bestücken.

Gerade diese Industrieabhängigkeit macht es schwer, eine Grasroots-Bewegung zu organisieren, wie sie etwa beim Kakao- oder Kaffeeanbau inzwischen für faire Arbeitsbedingungen sorgt.

Denn letztendlich müssten alle Komponenten in einem Gerät als "fair" deklariert werden, wenn es ein solches Siegel trägt.

Nicht ganz aussichtslos

Ganz so aussichtslos wie die Situation jetzt erscheint, ist sie aber nicht, sagte Jekutsch. Schritt für Schritt müssten sich Hersteller, Politik, Konsumenten und Organisationen dafür einsetzen, dass elektronische Geräte zu fairen Bedingungen hergestellt werden.

Erste, wenn auch zaghafte Ansätze gebe es bereits, sagte Jekutsch. Weltweit engagieren sich neben Greenpeace immerhin mehr als eine Handvoll Initiativen für fairen Abbau und Rechte der Arbeiter in Zulieferbetrieben. Unter öffentlichem Druck reagieren selbst große Hersteller wie Apple, Samsung oder Microsoft auf Vorwürfe schlechter Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern.

Fast keine fairen Hersteller

Wer als Konsument seine elektronischen Geräte aber bei einem Hersteller kaufen will, der konfliktfreie oder faire Hardware herstellt, kann es nicht. Es gebe keinen einzigen Hersteller weltweit, der nachweislich solche Hardware anbieten kann.

Faire Maus,...

Jekutsch ist nur eine kleine deutsche Firma bekannt, Nager IT, die eine Maus für etwa 30 Euro anbietet, die aus weitgehend konfliktfreien Komponenten besteht. Die meisten Komponenten werden in Deutschland hergestellt und die Maus auch hierzulande zusammengebaut. Selbst diese enthalte aber Komponenten aus Fernost, etwa den Chip oder die Linse, und kommt ebenso wenig ohne die unter teils unmenschlichen Bedingungen abgebauten Rohstoffe wie Zinn und Gold aus.

...faires Mobiltelefon

Die Intiative Fairphone in Amsterdam in den Niederlanden will 2013 10.000 Mobiltelefone aus Komponenten bauen, die zu konfliktfreien und fairen Bedingungen hergestellt wurden. Fairphone will in seinen Geräten beispielsweise zu konfliktfreien Bedingungen abgebautes Zinn aus dem Kongo verwenden. Dort arbeiten zahlreiche Initiativen daran, die Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter zu verbessern und sich selbst als Zwischenhändler zu etablieren, um so eine höhere Entlohnung zu garantieren.

Fairphone will pro Gerät zwischen 250 und 300 Euro verlangen. Ob die Geräte anspruchsvollen Kunden genügen werden, bezweifelt Jekutsch aber.

Verwirrende Rankings

Wer wenigstens halbwegs kontrollieren will, welche Hersteller faire Geräte anbieten, muss sich an die verschiedenen Ranking-Organisationen wenden, die allerdings wegen unterschiedlicher Kriterien teils verwirrende Ergebnisse liefern. Greenpeace veröffentlichte jüngst eine Rangliste der Hersteller, die ihre Hardware aus konfliktfreien Rohstoffen herstellen. Dort landete die junge Firma Wipro aus Indien ganz vorne. Die Organisation Enough stellte Intel an erste Stelle, zusammen mit HP und Sandisk. Microsoft und Apple belegten dort Plätze im Mittelfeld.

Auch faires Gold gebe es auf dem Markt, sagt Jekutsch, allerdings wird es nur in Schmuck verwendet.  (jt)


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