Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/analyse-der-beginn-der-pc-krise-1212-96597.html    Veröffentlicht: 29.12.2012 18:37

Analyse

Der Beginn der PC-Krise

Im Jahr 2012 sind die Umwälzungen in der IT-Branche bei den Endgeräten sichtbar geworden wie noch nie: Tablets und Smartphones boomen, der PC verliert an Bedeutung. Doch noch ist nicht entschieden, womit wir in Zukunft arbeiten und Spaß haben werden.

Gäbe es ein "Wort des Jahres" für die Elektronikbranche, so wäre es für 2012 mit Sicherheit "Post-PC-Ära". Über sieben Millionen Treffer findet Google für die englische Version des Begriffs, und bereits im März des Jahres machte die Tageszeitung Die Welt die Vorstellung des iPad 3 an dem Begriff fest. Insgesamt soll sich die Größe des Tablet-Markts 2012 fast verdoppeln.

Dabei werden die Produktzyklen immer kürzer, und selbst Apple, Vorreiter bei Touch-Geräten, kann seine jahrelang aufrecht erhaltenen Traditionen nicht mehr pflegen. Neue Versionen der i-Devices kamen bisher im Jahresrhythmus auf den Markt, das iPad 4 aber nur sieben Monate nach dem iPad 3. Asus-Chef Jonney Shih behauptete gar, die Entwicklung des Nexus 7 habe nur vier Monate gedauert.

Und die Hersteller klassischer PCs? Die reagieren überrascht und träge auf die Tatsache, dass für die Kunden nun Smartphones und Tablets interessanter sind als ein neuer PC, der immer noch entweder als Desktop-Ausgabe oder Notebook daherkommt. Besonders deutlich zeigt sich das an den Verkaufszahlen: Um 19 Prozent schrumpfte der PC-Markt im dritten Quartal 2012 in Deutschland.

Selbst Intels Umsatz bricht ein

Wirtschaftlich wirken sich solche Einbrüche immer zuerst auf die Zulieferer aus, die langfristige Geschäfte mit den PC-Herstellern machen und Bauteile verkaufen müssen, die erst Monate später als Computer den Eigentümer wechseln. So fiel Intels Umsatz im dritten Quartal 2012 um 5,5 Prozent und der Gewinn um 19 Prozent. In der Folge wird Konzernchef Paul Otellini früher als erwartet zurücktreten. Beim Konkurrenten AMD halten sich hartnäckig Gerüchte, das Unternehmen werde die großen und teuren x86-CPUs gleich aufgeben, zahlreiche Entwickler dieser Chips haben die Firma bereits verlassen.

Den PC in andere Formfaktoren zu bringen, hat dabei bisher nur wenig geholfen. Das immerhin schon Mitte 2011 von Intel propagierte Ultrabook kommt so langsam in Schwung, dass sich sogar die Analysten darüber streiten, wie wenige der Geräte denn tatsächlich verkauft wurden.

Neue Formfaktoren und Bedienung sind gefragt

Es wäre aber viel zu früh schon jetzt zu sagen "Der PC ist tot". Eine von Intel auf der Computex vorgelegte Befragung von Anwendern zeigte, dass Smartphone und Tablet vor allem zur Informationsbeschaffung und zur Unterhaltung genutzt werden. Konzentriertes Arbeiten an Dokumenten, eben die Erschaffung von Inhalten, die auf den kleinen, mobilen Geräten genutzt werden, ist immer noch die Domäne des PC. Etwas überspitzt ausgedrückt: Menschen werden sich dann einen neuen PC kaufen, wenn sie feststellen, dass man auf dem Tablet keine Steuererklärung machen kann.

Dafür muss der neue Rechner aber nicht nur für seine bisherigen Einsatzbereiche besser als der alte geeignet, sondern auch irgendwie sexy sein. Ultrabooks sind das nur durch das geringe Gewicht und das Design, mehr damit machen als mit einem vier Zentimeter dicken und drei Kilo schweren Standardnotebook kann man damit auch nicht. Auch die Bedienung hat sich nicht geändert.

Das wird wohl erst besser werden, wenn Ultrabooks mit Touchscreens in größerer Zahl verfügbar sind, das Betriebssystem dafür gibt es schon. Auch wenn jenes Windows 8 bei vielen langjährigen Nutzern von Tastatur und Maus für die produktive Arbeit keinen guten Ruf genießt, ist es doch die einzige Chance, den PC ins Touch-Zeitalter zu streicheln. Nur liegt hier ein Henne-Ei-Problem vor: Zahlreiche, und auch stark unterschiedliche Geräte, die Windows 8 mit Touch-Bedienung zum Marktstart schon praktisch fassbar machen hätten können, gab es nicht.

Wenn man Billiggeräte und das High-End weglässt, bewegt sich die Preisspanne eines Desktop-PCs oder Notebooks für den Allround-Einsatz heute zwischen 400 und 1.000 Euro. In diesem Rahmen müssen Geräte mit unterschiedlichen Formfaktoren und diversen Zusatzfunktionen liegen, die alles bieten, was die Anwender von einem Windows-PC erwarten und zeigen, was sich mit Tablet und Smartphone nicht machen lässt.

Alte PCs reichen für fast alles aus

Dafür müssen die Sprünge in der Leistungsfähigkeit aber mal wieder recht hoch sein. Sowohl Intels aktuelle Generation Ivy Bridge wie AMDs Piledriver haben das 2012 nicht geschafft. Und zum Bearbeiten von HD-Videos, die jedes neue Smartphone aufnehmen kann, reichen auch zwei bis drei Jahre alte PCs aus. Auch ist bei neuen PCs um 500 Euro die Rechenleistung schon so hoch, dass sie sich für alle Anwendungen eignet. Anspruchsvollen Videoschnitt und Spiele mit allen Grafikeffekten muss man mit besserer Hardware immer noch teurer bezahlen.

Dass gerade die früher als Triebfeder geltenden Spiele für PCs nicht mehr diese Funktion erfüllen, liegt an den überalterten Konsolen, für welche die meisten Spiele neben dem PC entwickelt werden. Die Xbox 360 ist sieben Jahre alt, die Playstation 3 sechs Jahre. Nach den DirectX-Versionen gezählt ist die PC-Grafik mindestens drei Generationen weiter, aber sie wird nur selten ausgereizt.

Dazu kommt noch, dass die speziell auf Touch-Geräte ausgelegten Spiele wie die sehr populären Angry-Birds-Titel oder Cut the Rope am PC viel von ihrem Reiz verlieren, wenn kein berührungsempfindlicher Bildschirm vorhanden ist. Unterhaltung, die mit Gesten, und mehr Bewegung als dem Schubsen einer Maus gesteuert wird, ist nicht nur leichter zugänglich, der Spieler hat auch einen direkteren Bezug zum Geschehen.

Ein neues Windows alleine reicht nicht

Da, wo Computer nicht nur zur Unterhaltung genutzt werden - in den Unternehmen -, zeigt sich auch die Ungültigkeit eines alten Dogmas: Ein neues Windows belebt den PC-Markt nicht mehr automatisch. Die Netzwerkfunktionen, die Zuverlässigkeit und die Wartbarkeit haben sich in den letzten Windows-Generationen offenbar so weit entwickelt, dass kaum noch etwas fehlt. Neue PCs anzuschaffen, nur um damit auch die Vorteile eines neuen Windows zu bekommen, ist nun nicht mehr zwingend.

So ist laut einer aktuellen Studie nur auf 8 Prozent aller in Europa verkauften Businessrechner Windows 8 installiert, Windows 7 kam in einem vergleichbaren Zeitraum auf 31 Prozent Anteil bei geschäftlich genutzten Rechnern. Ein weiterer Trend im Unternehmensumfeld ist mit dem Kürzel BYOD umschrieben: "bring your own device". Mitarbeiter können ihre eigenen Rechner mitbringen, um ihre Arbeit zu erledigen.

Gemeint sind damit nicht nur Notebooks, sondern auch Tablets mit ansteckbarer Tastatur wie das Surface RT. Dafür hat beispielsweise Microsoft sogar eigene Management-Software entwickelt, welche die Synchronisation und Verwaltung über das Unternehmensnetz erledigen kann.

Flexibilität bleibt der letzte Trumpf

Solche strikt abgeschlossenen Systeme zeigen aber auch die Schwäche von Smartphones und Tablets: An der Hardware lässt sich nach dem Kauf kaum etwas ändern. Selbst wechselbare Akkus und Steckplätze für Speicherkarten sind bei Smartphones und Tablets inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr. Bei Apple-Geräten gehört deren Fehlen sogar gleich zum Konzept.

Das ist der eine, aber wesentliche, Punkt, der dem klassischen PC in gleich welcher Gestaltung noch bleibt: Er lässt sich erweitern, modernisieren und an die Bedürfnisse des Benutzers anpassen. Wird beispielsweise in einem älteren Notebook die Festplatte gegen eine SSD getauscht, kann der Rechner sich wie neu anfühlen. Aktiv beworben wird diese Flexibilität von den PC-Herstellern aber bisher nur sehr selten.  (nie)


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