Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/2012-facebook-rollt-aus-1212-96465.html    Veröffentlicht: 28.12.2012 08:38

2012

Facebook rollt aus

Facebook-Nutzer haben ein unruhiges Jahr hinter sich. Durch den schwachen Börsenstart unter Druck gesetzt, probierte das soziale Netzwerk alles mögliche an seinen Kunden aus: Die Timeline kam, Beiträge verschwanden von der Pinnwand oder alte Nachrichten waren plötzlich wieder zu sehen...

"Keine Angst vor der Timeline", titelten wir Anfang 2012. Die Zwangseinführung des neuen Designs hatte viele Facebook-Nutzer verunsichert. Dabei war das nur ein Vorbote dessen, was in den kommenden Monaten alles an Neuerungen auf die Mitglieder zukommen sollte: ein E-Mail-Adressen-Zwang, neue Datenschutzrichtlinien, die kein Mitbestimmungsrecht der Nutzer mehr beinhalten sollten, und ein neues Design sind nur einige der Veränderungen des Jahres 2012.

Viele Neuerungen bekamen die Nutzer sogar erst dann mit, wenn sie ausgerollt wurden - wie zum Beispiel die Facebook-Angebote. Damit können Geschäfte ihren Kunden spezielle Angebote machen. Manche Funktionen sind 2012 genauso heimlich, still und leise wieder entfernt worden, wie sie hinzugefügt wurden. Die Umfrageoption als Statusupdate zum Beispiel. Nur Seitenbetreiber können diese Funktion noch nutzen. Aber der Reihe nach.

Die ultradreiste Timeline

Die Aufregung ist Mark Zuckerberg anzumerken auf der Entwicklerkonferenz F8 im September 2011. Da steht Zuck, wie er von Freunden genannt wird, und will, dass alle Nutzer seine Freunde werden. Die Timeline, so der Name des neuen Designs, soll alles verändern. Bis zurück zur Geburt können Nutzer damit alles protokollieren - Schulzeugnisse hochladen, Kinderfotos veröffentlichen und Arbeitgeber hinzufügen. Jeder soll alles mit jedem teilen. Deutsche Datenschützer sind alarmiert. Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert sagt: "Das Verhalten von Facebook ist ultradreist. Es steht im Widerspruch zu den Zusicherungen, die der Konzern dem irischen Datenschutz gegenüber gemacht hat. Diese lauteten nämlich, dass bei einer Veränderung der Profileinstellungen die Einwilligung des Nutzers eingeholt wird. Jetzt wird die Timeline allen Facebook-Nutzern aufgezwungen."

Die Timeline kommt trotzdem, wenn auch nicht sofort für alle. Im Dezember 2011 erhalten erste Nutzer die Möglichkeit, ihre alte Ansicht zugunsten der neuen aufzugeben. Sieben Tage müssen ausreichen, um Einstellungen zur Privatsphäre anzupassen, ein neues Profilbild hinzuzufügen und Berechtigungen zu vergeben, wer was auf dem eigenen Profil sehen kann.

Wer keine Lust hat, kann warten. So lange, bis die Timeline automatisch aktiviert wird. Monate dauert das bei manchen Mitgliedern. Bis in den Sommer hinein haben viele Nutzer noch die alte Ansicht. Dann wird automatisch umgestellt.

Das Hoch und Runter an der Börse

Am 18. Mai 2012 geht das soziale Netzwerk Facebook an die Börse. Enttäuschend ist das Ergebnis schon nach wenigen Stunden. Zwar steigt der Wert der Facebook-Aktie zunächst um elf Prozent auf 42 US-Dollar. Wenig später fällt er aber auf 40 US-Dollar. Ist das Unternehmen beim Börsengang zu hoch bewertet worden?

Die Technologiebörse Nasdaq ist schuld. Dort ist das Netzwerk gelistet. Bei der Nasdaq gibt es in der ersten halben Stunde nach Eröffnung an diesem 18. Mai technische Probleme. Einige Händler sehen tagelang nicht, ob sie Aktien des Unternehmens gekauft oder verkauft haben. Die Nasdaq entschuldigt sich und zahlt mehrere Millionen US-Dollar Entschädigung an Investmentfirmen.

Die Aktie erholt sich jedoch auch in den kommenden Wochen nicht und bleibt weiter unter dem Ausgabepreis. Einmal erreicht sie sogar einen Tiefststand von unter 20 US-Dollar - und ist damit, verglichen mit dem Startpreis, nur noch die Hälfte wert. Ende 2012 notiert die Facebook-Aktie bei rund 28 US-Dollar.

Die Übernahme von Instagram

Eine Milliarde US-Dollar: Die Übernahme von Instagram durch Facebook ist der wichtigste Zukauf des Konzerns im Jahr 2012 und soll auch der einzige in der Größenordnung bleiben. Die Fotosharing-App ist bei Nutzern beliebt. Fotos können mit der App für mobile Geräte mithilfe verschiedener Filter nachbearbeitet werden. Im April hatte die Fotosharing-App rund 30 Millionen Nutzer.

Die Übernahme kündigt Mark Zuckerberg ganz unspektakulär über sein Facebook-Profil an. Einen Zwangsexport der Bilder zu Facebook werde es nicht geben, verspricht er. Instagram mit seinen 30 Millionen Mitgliedern solle unabhängig weiterbestehen.

Im Dezember ändert Instagram seine Datenschutzbestimmungen. Der Dienst räumt sich in einer Klausel ein, die Fotos seiner Nutzer verkaufen zu dürfen. Die Netzgemeinde ist empört. Wenig später entschuldigt sich Instagram und will die kritisierte Passage aus den Nutzungsregeln entfernen.

Die Sache mit @facebook.com

Facebook-Nutzer konnten bisher frei entscheiden, ob sie sich eine Facebook-eigene E-Mail-Adresse zulegen wollen. Das will das Netzwerk ändern und kündigt im April 2012 an, jedem Nutzer eine hauseigene E-Mail-Adresse mit einem Wunschnamen zu verpassen.

Durch den E-Mail-Zwang seiner Mitglieder werden auch Dritte, die Facebook nicht nutzen, stärker eingebunden. Allein dadurch, dass sie Nachrichten an die Mail-Adressen der Mitglieder schreiben, landen ihre Daten auf den Servern des Unternehmens.

Nutzer sollen aus dem Nachrichtendienst des sozialen Netzwerks heraus Botschaften auch an Empfänger senden können, die eine Adresse bei einem anderen E-Mail-Dienstanbieter haben.

Der undurchsichtige Edge Rank

Facebook will, dass sich seine Nutzer stärker einbringen. Also ändert das Unternehmen Mitte 2012 seinen Algorithmus, der auswertet, wie sich Nutzer beteiligen. Das Ergebnis: Die Mitglieder sehen noch weniger Meldungen als bisher. Je größer die Interaktion eines Nutzers mit anderen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser Nutzer im eigenen Newsfeed die Statusupdates der Personen sieht, mit denen er interagiert hat. Interagiert er mit einem anderen wenig, werden ihm dessen Statusupdates kaum noch angezeigt.

Der Algorithmus wird vermutlich auch aus einem anderen Grund angepasst: Facebook hat seine Promoted Posts eingeführt. Gegen Bezahlung kann ein Nutzer damit die Reichweite seiner Statusupdates erhöhen. Trotzdem ist der Nutzer dem Algorithmus nicht hilflos ausgeliefert.

Wer nicht zahlen will, dem bleibt nur eines: Die Statusupdates anderer öfter liken oder teilen. Dann hat derjenige gute Chancen, im Newsfeed dieser Nutzer zu erscheinen und die Meldungen dieser Nutzer zu Gesicht zu bekommen.

Dasselbe gilt für Unternehmensseiten. Abgestraft werden die Seiten, deren Statusupdates von anderen wenig geliked oder geteilt werden. Das Ergebnis: Die Reichweite sinkt und die Mitteilungen erreichen immer weniger Fans. Manche Seitenbetreiber berichten von einer Reichweitenverminderung auf die Hälfte.

Unternehmen müssen sich also genauso anstrengen wie Privatleute, die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen - entweder durch Bezahlung oder durch bessere Nutzereinbindung. Attraktive Inhalte, die von den Nutzern als teilens- und kommentierenswert erachtet werden, erhöhen die Chance, dass zukünftige Beiträge im Newsfeed dieser Nutzer sichtbar sein werden.

Facebook will Klarnamen

Im Sommer 2012 wird Facebook zum Geheimdienst und will Nutzer ausfindig machen, die mit einem Pseudonym angemeldet sind. Dazu werden die anderen Nutzer gefragt: Ist dieser Freund mit seinem richtigen Namen angemeldet?

Die Netzgemeinde spricht von Stasibook, einige Nutzer fühlen sich von der Frage belästigt. Facebook beendet die Umfrage. In den Nutzungsbedingungen des Unternehmens heißt es aber weiterhin: "Facebook-Nutzer geben ihre wahren Namen und Daten an und wir benötigen deine Hilfe, damit dies so bleibt."

Facebooks Datenpanne, die keine ist

Wie schnell sich das Nutzerverhalten in sozialen Netzwerken ändert, müssen Facebook und seine Mitglieder ebenfalls 2012 feststellen. Im September 2012 sind laut einigen Nutzern plötzlich angeblich private Nachrichten aus den Jahren vor 2009 in ihrer Timeline zu sehen. Von einer Datenpanne bei Facebook sprechen Datenschützer.

Das Unternehmen muss sich sogar vor der französischen Regierung rechtfertigen. Die bestellt Mitarbeiter des Konzerns ein. Facebook soll erklären, "wie es zu der Annahme zahlreicher Nutzer habe kommen können, dass ihre privaten Daten nicht vertraulich behandelt worden seien".

Alles nicht wahr, sagt Facebook. Aus technischer Sicht sei es gar nicht möglich, dass alte private Nachrichten auf der Timeline zu sehen sind, es handele sich um alte Wallposts. Mit der Umstellung auf die Timeline seien die Nutzer auch darauf hingewiesen worden, dass es passieren könne, dass solche alten Wallposts wieder veröffentlicht werden. Um private Nachrichten handele es sich nicht.

Über Wallposts kommunizierten in den ersten Jahren viele Nutzer miteinander. Nachrichten konnten direkt auf die Pinnwand eines anderen geschrieben werden, sichtbar für alle oder beschränkt sichtbar nur für die beiden Nutzer. Nach und nach wurden private Gespräche zunehmend als Direktnachrichten geschickt.

Eine Milliarde Facebook-Bewohner

Im September 2012 nutzt jeder siebte Mensch das soziale Netzwerk Facebook aktiv - das sind eine Milliarde Menschen weltweit. Wenn Facebook von aktiven Nutzern spricht, dann sind Mitglieder gemeint, die sich mindestens einmal im Monat mit einem eigenen Account bei dem Netzwerk anmelden. Zusammen mit der Ankündigung veröffentlicht Facebook ein Video. In "The Things That Connect Us" sind Menschen zu sehen, die gemeinsam Spaß haben - beim Spielen, beim Tanzen, beim Musizieren. So stellt sich Facebook das Leben seiner Nutzer vor - offline.

Die letzte Abstimmung

Sollen Richtlinien geändert werden, dürfen Facebook-Nutzer Verbesserungsvorschläge einreichen. Gibt es 7.000 Vorschläge, muss abgestimmt werden. Stimmen 30 Prozent der Nutzer gegen die neuen Regelungen, werden sie nicht umgesetzt. So weit die Theorie. In der Praxis bedeutet das, dass für eine wirksame Wahl 300 Millionen Mitglieder informiert und mobilisiert werden müssen.

Das ist Facebook zu viel Aufwand. Inhaltsvolle Nutzerreaktionen seien bei den vielen Mitgliedern nicht mehr möglich, teilt das Unternehmen mit. Die Regelung der Nutzermitbestimmung soll abgeschafft werden. Neue Datenschutzrichtlinien werden erstellt. Im Dezember 2012 lässt das Netzwerk ein letztes Mal abstimmen - über das Abstimmungsrecht. Fast 600.000 Nutzer stimmen gegen die Abschaffung der bisherigen Regeln. Viel zu wenige.

Die neuen Richtlinien treten sofort in Kraft. Darin räumt sich Facebook auch andere Rechte ein. Innerhalb des Konzerns sollen Nutzerdaten weitergegeben werden können - zum Beispiel zwischen dem europäischen Sitz in Irland und dem amerikanischen in Kalifornien. Das sei notwendig, so Facebook, damit Nutzer weltweit überhaupt miteinander in Kontakt treten und bleiben können.

Die Optimierung geht weiter

Im Jahr 2012 dürfte den Facebook-Nutzern wie nie zuvor seit Bestehen des Netzwerkes bewusst geworden sein, dass der Konzern Geld verdienen muss. Seit dem Börsengang muss Facebook auch seine Aktionäre zufriedenstellen. Alle Neuerungen dienten nur einem Zweck: Der Optimierung des Produkts, um möglichst viele Nutzer zum Mitmachen zu bewegen. Darum werden sehr wahrscheinlich auch im kommenden Jahr viele neue Funktionen getestet, ausgerollt und teilweise wieder entfernt werden.  (sha)


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