Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/computerspiele-2012-kickstarter-kroetentechnik-und-konsolen-1212-96411.html    Veröffentlicht: 25.12.2012 09:10

Computerspiele 2012

Kickstarter, Krötentechnik und Konsolen

Der Aufstieg des Crowdfunding und der beginnende Abstieg von allzu simplen Free-to-Play-Spielen markieren das Spielejahr 2012 - und zusätzlich von Diablo 3 über Xcom bis hin zu Day Z eine ganze Reihe interessanter Games.

Vielleicht war der 13. März 2012 der wichtigste Tag im Computerspielejahr 2012. Es war der Tag, an dem der Designer Tim Schafer über Kickstarter 3.336.371 US-Dollar von der Community für die Entwicklung seines Spiels Adventure bekam - gereicht hätten 400.000 US-Dollar. Das aus Schafers Sicht extrem erfolgreiche Crowdfunding hat die Branche nachhaltig verändert. Plötzlich war klar: Wer spannende, nicht unbedingt am Massenmarkt erfolgreiche Games produzieren und somit auch finanzieren möchte, kann in vielen Fällen auf übervorsichtige Publisher verzichten und sich direkt an seine Zielgruppe wenden.

Es dauerte nur kurze Zeit, bis Schafer eine Reihe von Branchenkollegen mit eigenen Projekten folgten. Zwar waren längst nicht alle erfolgreich und einige erweckten den Eindruck, dass es ihnen vor allem ums schnelle Geld ging. Aber viele bei Kickstarter eingereichte Konzepte fanden breite Zustimmung in der Spieleszene. Am meisten Geld gab es mit rund 8,6 Millionen Euro für die Android-Konsole Ouya. Ebenfalls extrem erfolgreich waren unter anderem Wasteland 2 von Brian Fargo mit 3 Millionen US-Dollar, Project Eternity vom Entwicklerstudio Obsidian Entertainment mit fast 4 Millionen US-Dollar und das Head-up-Display Oculus Rift mit knapp 2,5 Millionen US-Dollar. Wing-Commander-Schöpfer Chris Roberts bekam für die Produktion von Star Citizen über 6,2 Millionen US-Dollar vorgestreckt.

In den nächsten Monaten muss sich zeigen, ob die Unterstützer für ihr Geld auch tatsächlich spannende Spiele bekommen. Tim Schafer jedenfalls hat es nicht geschafft, sein Adventure wie ursprünglich versprochen bis Oktober 2012 fertigzustellen. Nun soll es Mitte 2013 kommen - unter anderem, weil der Entwickler mit seinem Team erst noch eine neue Engine programmiert. Einer der wenigen bislang erfolgreich veröffentlichten Kickstarter-Titel stammt ausgerechnet vom kleinen deutschen Studio Black Forest Games, das sein erstklassiges Jump-and-Run Project Giana wie angekündigt fertiggestellt hat. Allerdings befand es sich zum Zeitpunkt der Kickstarter-Kampagne bereits in einem sehr fortgeschrittenen Stadium.

Unreal Engine 4 und Unity 4

Ebenfalls langfristige Auswirkungen auf die Spielebranche haben Engines. Epic Games hat auf der GDC Europe 2012 in Köln erstmals öffentlich seine Laufzeitumgebung Unreal Engine 4 vorgestellt, die unter anderem beeindruckende Partikeleffekte, eine überarbeitete globale Beleuchtung und einen neuen Editor bietet. Unity hat seine Unity-4-Engine veröffentlicht, die ein frisches Animationssystem und Unterstützung für DirectX-11 mitbringt.

Crytek hat an seiner Cry Engine 3 eine Reihe von Verbesserungen vorgenommen - und mit dem Krötentechnik-Trailer das schönste Engine-Video mit tessellierten Pflanzenblättern, volumetrischen Echtzeitnebelschatten, globaler Beleuchtung und einer Reihe weiterer Grafikeffekte ins Netz gestellt. In diesem Zusammenhang sollte auch die Technische Universität München erwähnt werden: Die hat zwar keine Engine veröffentlicht, aber dafür hat ihr Studiengang zum Games Engineer alle Chancen, genauso langfristig zu wirken. Schließlich sollten die Absolventen in der Lage sein, selbst an den technischen Grundlagen der Branche mitzuwirken.

Streaming

Eher ruhig ist es zumindest vorübergehend um das eine Zeit lang gefeierte Spiele-Streaming geworden. Der Vorreiter Onlive musste sogar Insolvenz anmelden, macht aber mit verkleinertem Team und weniger Aufwand weiter. Sein Konkurrent Gaikai gehört seit Juli 2012 zu Sony - rund 380 Millionen US-Dollar hat der japanische Konzern für die Übernahme ausgegeben. Dass Streaming in der Branche keine große Rolle spielt, könnte ein vorübergehendes Phänomen sein. So gibt es Gerüchte, dass Sony die Kompatibilität der nächsten Playstation zu Vorgängerkonsolen über Streaming sicherstellen will.

Wii U und andere neue Konsolen

Die wichtigste neue Hardware im Konsolenbereich ist die Wii U von Nintendo. Der Verkaufsstart in den USA, Europa und Japan scheint, soweit man das beurteilen kann, recht erfolgreich verlaufen zu sein. Zwar gab es etwas Ärger wegen eines großen Firmwarepatches zum Auftakt, aber derlei Probleme sind erfahrungsgemäß schnell vergessen. Die Strategieabteilung von Nintendo hat ihren Job offenbar gut gemacht: Just in dem Moment, in dem der "Second Screen" in Form von Tablets und Smartphones sowohl beim Spielen als auch beim TV- oder Videokonsum immer wichtiger wird, präsentiert das Unternehmen eine technisch sehr saubere, endkundenkompatible Lösung. Smartglass von Microsoft, das Tablets mit der Xbox 360 verbindet, funktioniert deutlich weniger gut.

Kein ganz glückliches Händchen beweist Sony bislang mit der PS Vita. Das im Februar 2012 in Europa veröffentlichte Handheld ist zwar aus technischer Sicht durchaus gelungen und bietet sinnvolle Funktionen, allerdings scheinen die Verkaufszahlen bislang alles andere als überzeugend zu sein - kein Wunder, nach dem starken Auftakt unter anderem mit einer Vita-Version von Uncharted gibt es kaum spannende Spiele. Selbst potenzielle Highlights wie Assassin's Creed Liberation haben die Erwartungen enttäuscht.

Nicht wirklich neu sind überarbeitete Versionen von bereits bekannten Konsolen: Sony hat eine noch kleinere Playstation 3 Super Slim auf den Markt gebracht. Das klapprige Gehäuse verrät, dass die Produktionskosten gesunken sein dürften, an den Endkunden hat die Firma diesen Vorteil aber nicht weitergereicht. Und Nintendo hat eine XL-Fassung seines 3DS mit etwas größerem Bildschirm veröffentlicht.

Zombies statt Sensationen

Das "Szenario des Jahres" sind heuer die Untoten. Ubisoft hat als einen der Starttitel für die Wii U sein Zombi U veröffentlicht, und bei vielen Kritikern gilt das Adventure The Walking Dead als eines der besten Spiele 2012. Die beliebteste neue Mod ist zweifellos Day Z: Das Survival Game auf Basis der Arma-2-Engine erscheint in den kommenden Monaten als Vollpreisspiel. Und natürlich hat auch das von Treyarch produzierte Black Ops 2 wieder einen umfangreichen Zombiemodus.

Das vermutlich am ungeduldigsten erwartete Spiel 2012 dürfte Diablo 3 gewesen sein. Beim Start lief allerdings wenig glatt: Blizzard hatte nicht ausreichend Serverkapazitäten, stattdessen führten Meldungen wie der inzwischen schon legendäre "Fehler 37" zu Frust und vielen bissigen Kommentaren in Foren. Selbst Blizzard-Chef Mike Morhaime erklärte, dass "Diablo 3 nicht perfekt ist" und kündige Nachbesserungen per Patch an. Wie angespannt offenbar die Stimmung innerhalb des Entwicklerteams ist, zeigte ein Skandälchen rund um Chefdesinger Jay Wilson, der einen der Miterfinder von Diablo über Facebook übel beschimpfte, weil der in einem Interview ein paar kritische Worte über Teil 3 gesagt hatte.

Gute Fortsetzungen in allen Genres

Davon abgesehen war 2012 ein gutes Jahr mit vielen gelungenen Fortsetzungen, aber ohne große Überraschungen. Titel wie Halo 4, Fifa 13, Assassin's Creed 3, Far Cry 3, Max Payne 3, Guild Wars 2, Borderlands 2, PES 2013 und Torchlight 2 haben die Erwartungen erfüllt - aber Sensationen sind ausgeblieben. Schön, dass es im Genre der rundenbasierten Strategiespiele mit Xcom Enemy Unknown wieder ein hochkarätiges Programm gab.

Tablets und Smartphones gewinnen mit Casual-Titeln wie Angry Birds Star Wars, Royal Revolt von Flaregames und Tower & Dungeons ebenso weiter an Bedeutung wie der - noch kleine - Hardcorebereich mit The Room oder der mutigen, aber etwas umständlich zu steuernden Umsetzung von Baldur's Gate. Nicht ganz so rund lief es für die lange erfolgsverwöhnten Free-to-Play-Browser- und Social Games: Langweilige Spiele und immer mehr Abzocke haben das Image angeschlagen, so dass auch große Unternehmen der Branche wie Zynga und Bigpoint immer wieder Teile der Belegschaft entlassen haben.

Computerspielepreis und das Handbuch des Jahres

Deutlich besser lief es bei Crytek - zumindest bei der Verleihung des Deutschen Computerspielpreises im April 2012 in Berlin. "Für mich ist das eine kleine Revolution", sagte ein spürbar gerührter Avni Yerli, nachdem er als einer der Crytek-Chefs den Preis für das beste deutsche Spiel für Crysis 2 entgegengenommen hatte. "Diese Würdigung ist ein sehr wichtiger Meilenstein für Crytek und für die deutsche Spieleindustrie", sagte Yerli. In der Tat ist die Akzeptanz für Erwachsenentitel inzwischen so gewachsen, dass 2012 so gut wie ohne ernsthafte Debatte über vermeintliche Killerspiele ausgekommen ist.

Der auffälligste Kontakt zwischen Politik und Spielebranche hat 2012 zwischen Griechenland und Tschechien stattgefunden. Nachdem zwei tschechische Mitarbeiter von Bohemia Interactive wegen angeblicher Spionage auf der griechischen Insel Limnos verhaftet worden waren, wo sie immer noch sind, hat sich sogar der tschechische Präsident Václav Klaus mit einem Brief an seinen griechischen Kollegen Karolos Papoulias gewandt und um eine faire Untersuchung der Angelegenheit gebeten.

Der beliebteste Arbeitgeber in der Spielebranche dürfte derzeit Valve Software sein. Steam ist erfolgreich, die Arbeit an der Engine Source 2 geht offenbar voran, bei Half-Life 3 tut sich etwas, und dazu sind die Bedingungen für die Beschäftigten wohl geradezu paradiesisch, wie im April 2012 ein Handbuch für Mitarbeiter gezeigt hat: Hierarchien gibt es praktisch nicht, jeder darf mehr oder weniger machen, was er oder sie möchte - und dazu kommen leckeres und gesundes Essen sowie Massagen.

Eng mit Valve verbunden ist auch der Fortschritt, den Linux in der Spielebranche macht. Das hängt vor allem damit zusammen, dass es Steam bald auch für das offene Betriebssystem geben wird und damit das Problem der Distribution so gut wie gelöst wäre - von heute auf morgen wird es dann ein wahrscheinlich gut funktionierendes Geschäftsmodell für Linux geben. Allerdings nur dann, wenn die Community bereit ist, die Einschränkungen durch das DRM-System Steam hinzunehmen. Erste Publisher zeigen schon Interesse: So hat THQ angekündigt, die Möglichkeit von Linux-Versionen zu prüfen.  (ps)


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