Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/elite-macher-david-braben-ich-mag-keine-zwischensequenzen-1211-95684.html    Veröffentlicht: 14.11.2012 12:11

Elite-Macher David Braben

"Ich mag keine Zwischensequenzen"

David Braben mag keine Zwischensequenzen, keine vorgegebenen Geschichten. Von Chris Roberts' Star Citizen wird sich Brabens Elite: Dangerous deshalb wohl auch in vielerlei Hinsicht stark unterscheiden.

Elite und Frontier: Elite 2 haben in den 1980er und 1990er Jahren auf verschiedenen Heimcomputerplattformen begeistert und technische Maßstäbe gesetzt. Nun will David Braben, einer der beiden Elite-Schöpfer und Chef von Frontier Developments, ein neues Elite namens Elite: Dangerous entwickeln. Nach einigen internen Fehlstarts im kleinen Rahmen soll das neue Elite nun ein großes Projekt werden. Dafür sucht Braben finanzielle Hilfe nicht nur bei den Fans von damals; auch Elite-Neulinge hofft er von einem modernen Weltraumspiel zu überzeugen.

Um das zu erreichen, will Braben das Spiel zuerst für sich selbst entwickeln. Er wolle "ausnahmsweise einmal" genau das Spiel machen, das er selbst haben wolle, statt es für ein ausgewähltes Zielpublikum zu entwickeln, sagt Braben im Interview mit Golem.de. Dabei basierte schon das erste Elite, das Braben mit Ian Bell entwickelt hat, auf genau diesem Prinzip, wie Braben erzählt: "Wir machten ein Spiel für uns selbst."

Bell und Braben hatten 1982 während ihres Studiums in Cambridge parallel die Idee für ein Weltraumspiel, taten sich zusammen und brachten im Jahr 1984 Elite für den Heimcomputer BBC Micro auf den Markt. Durch prozedurale Generierung von Inhalten schufen sie ein deutlich größeres Spieluniversum, als es mit dem nur wenige Kilobyte großen Speicherplatz sonst möglich gewesen wäre. Elite war auch eines der ersten Spiele mit Drahtgitter-3D-Grafik, bei der verdeckte Linien nicht dargestellt werden.

Elite: Dangerous entwickelt Braben ohne Bell mit seinem Studio Frontier Developments, aber wieder für sich selbst und Menschen, die wie er eine fast grenzenlose, offene, frei zu erkundende und sich dynamisch verändernde Spielwelt mit vielen Aufgaben, aber ohne festgelegtes Drehbuch bevorzugen. Und da haben bestimmte Dinge bei Elite: Dangerous keinen Platz - genau wie auch schon beim Ur-Elite.

Keine Zwischensequenzen, viel Selbstbestimmung

"Ich mag keine Zwischensequenzen!", sagt Braben. Bei Elite: Dangerous wird es auch keine vorgegebenen Stränge einer Hintergrundgeschichte geben. "Die Geschichte hier ist deine Geschichte und die deiner Freunde", erklärt Braben. "Es ist geplant, dass viele Dinge entdeckt werden können und sich dann die 'Story' daraus entwickelt und mit den Geschichten anderer Leute verbindet". Dabei soll das neue Elite gigantisch werden, viel zu tun bieten und Spielern viel Freiheit ermöglichen - egal ob sie auf Entdeckungstour gehen, mit Waren handeln oder sich kämpferisch betätigen.

Der Spieler soll wieder in einem Raumschiff starten, die Welt selbst erkunden, sein Schiff aufrüsten und durch bessere Modelle ersetzen können. Dabei gibt es unterschiedliche Raumschiffstypen vom Jäger bis zum Frachter mit einem laut Braben sehr detaillierten Schadensmodell. Für ihr Raumschiff müssen die Spieler sich genau überlegen, welchen Systemen - vom Antrieb bis zum Laderaum - darin sie wie viel Platz einräumen wollen.

Gemeinsam im All

Dabei wird das neue Elite auch eine Mehrspielerunterstützung bieten, die so dynamisch wie die von Borderlands 2 sein soll - Spieler können jederzeit zusammen Abenteuer erleben, ohne dafür extra in einen eigenen Multiplayermodus zu wechseln und in Lobbys aufeinander warten zu müssen. Das gemeinsame Spiel kann laut Kickstarter-Video etwa so aussehen, dass ein Spieler einen Frachter mit wertvoller Ware steuert und ein anderer den Geleitschutz fliegt.

Auch durch die Multiplayer-Unterstützung fällt etwas von Elite und Frontier Gewohntes weg: der zuschaltbare Zeitraffer beim Raumflug. Bei Elite: Dangerous wird auf Raumsprünge gesetzt, wie sie auch aus anderen Weltraumspielen bekannt sind.

Spieler bestimmen den Schwierigkeitsgrad

Wie hart die Herausforderungen sind, sollen die Spieler - ob einzeln oder gemeinsam - selbst wählen können. Von einer automatisierten Anpassung der Spielherausforderung etwa durch immer stärker werdende Gegner hält Braben nichts. "Das […] Rechtssystem der Elite-Spiele wird fortgeführt; das sorgt für eine Art Selbstbalance", erklärt er. "Wenn man will, kann man sich entscheiden, in ein Anarchiesystem zu fliegen, wer jedoch noch nicht bereit dafür ist, wird es sehr hart finden."

Wie Elite und Frontier wird auch das Revival der Serie ein Open-World-Spiel werden. Und wieder wird ein Großteil der Inhalte prozedural, also automatisch anhand von festgelegten Regeln erzeugt, nur deutlich komplexer als zuvor. "Das reicht von der Generierung ganzer Sternensysteme bis hin zu den Texturen der Asteroiden." Dazu kommen ein dynamisches Wirtschaftssystem und Systeme unterschiedlicher Gefahrenstufen.

Kickstarter und Konkurrent Star Citizen

Elite: Dangerous soll bei erfolgreichem Crowdfunding über Kickstarter im März 2014 für den PC und vielleicht später auch für andere Plattformen erscheinen. 1,25 Millionen britische Pfund müssen mindestens zusammenkommen, am Wochenende wurden bereits 400.000 Pfund erreicht. Fans sollen nicht nur für das neue Spiel spenden, sondern es auch mitgestalten und eigene Wünsche einfließen lassen können.

Bis zum 5. Januar 2013 haben Interessierte noch die Möglichkeit, ihr Geld für Elite: Dangerous zur Verfügung zu stellen. Ab 20 britischen Pfund sollen Unterstützer dann das fertige Spiel erhalten. Ab 150 Pfund gibt es einen noch nicht erklärten Sonderstatus im Spiel und ab 300 Pfund die Möglichkeit, als "Decision Forum Member" auf die Entwicklung einzuwirken.

Konkurrent Star Citizen

Auf Kickstarter konkurriert Elite: Dangerous auch mit Star Citizen von Chris Roberts' Entwicklerstudio Cloud Imperium Games. Auch Roberts ist ein Veteran der Weltraumspiele, seine erste Weltraumsaga Wing Commander startete 1990 und unterscheidet sich stark von Elite - Roberts setzte voll auf eine über mehrere Spiele hinweg erzählte Geschichte, die optisch für die jeweilige Zeit beeindruckend in Szene gesetzt wurde.

Bei Star Citizen gibt es ebenfalls eine epische Geschichte - eine Squadron 42 genannte Einzelspielerkampagne - verbunden mit einem offenen, auch gemeinsam zu entdeckenden Universum. Roberts verspricht schöne Zwischensequenzen, imposante Grafik und Egoshooter-Einlagen auch außerhalb des eigenen Raumschiffs. Und er wirbt gar damit, das PC-Gaming retten und wieder zu einstiger Größe bringen zu wollen. Die Star-Citizen-Finanzierung endet am kommenden Montag, dem 19. November 2012.

"Ich denke, unsere Visionen unterscheiden sich ein bisschen, obwohl es gemeinsame Elemente gibt", sagt Braben dazu. "Wir haben ebenfalls ein komplexes Schadensmodell (es gibt einige Renderbilder auf der Kickstarter-Site, die das zeigen), und auch wir haben vor, den PC zu fordern - aber ich denke (so wie bei Wing Commander), beide Spiele können glücklich nebeneinander existieren."

Dinge anders angehen

Brabens Projektseite erscheint zwar nicht minder ehrgeizig, aber doch deutlich zurückhaltender als die von Roberts. Braben gibt darin auch zu, dass es über die Jahre bereits einige Fehlstarts bei der Entwicklung eines neuen Elite gegeben hat. Allerdings sei damals auch nur ein kleines Team nebenher damit beschäftigt gewesen. Das soll sich nun mit Elite: Dangerous ändern.

"Ich mag es, die Dinge anders anzugehen", betont Braben. Deshalb hat er auch das für die Lehre entwickelte und auch für viele Bastelprojekte interessante Raspberry Pi mitinitiiert. Selbst für diese Hardwareplattform könnte sich Braben eine Umsetzung von Elite: Dangerous vorstellen.

Bisher wurde Elite: Dangerous zwar nur explizit für Windows-PCs angekündigt. Frontier Developments hat allerdings in der Vergangenheit viel Arbeit in ein Corba genanntes Cross-Plattform-Entwicklungswerkzeug gesteckt, um Spiele auf die Möglichkeiten unterschiedlicher Systeme anpassen zu können.

Braben sieht deshalb durchaus die Chance, das neue Elite auch auf Linux, Mac OS X, mobile Geräte wie Tablets oder eben den Minicomputer Raspberry Pi anzupassen. Auch über eine Unterstützung der Occulus-Rift-Brille denkt er nach.

Die Geschichte von Elite

Von Brabens 1994 gegründetem Spielestudio Frontier Developments kamen bisher Titel wie Rollercoaster Tycoon 3, Thrillville, Disneyland Adventures, Kinectimals und Lost Winds. Die Entwicklung des 2007 angekündigten vielversprechenden Thrillers The Outsider musste laut Braben eingestellt werden - dem Publisher Codemasters ging das Geld aus.

Auch einige Elite-Nachfolger hat Braben schon entwickelt. Bell und Braben gingen nach Elite getrennte Wege, Braben sicherte sich 1988 die Rechte an Elite-Nachfolgern und veröffentlichte 1993 Frontier: Elite 2 für den PC und später für weitere Plattformen. Auch dieses Spiel setzte wieder Maßstäbe - bei der texturierten 3D-Grafik, akkuraterer Raumflug-Simulation sowie einem Abbild der gesamten bekannten Milchstraße.

Ein drittes Elite - Frontier First Encounters - konnte nicht mehr an den Erfolg anschließen, da Braben es auf Druck des angeschlagenen Publishers Gametek im ungetesteten und verbuggten Zustand bereits 1995 veröffentlichen musste. Zudem gab es Rechtsstreitigkeiten mit Bell, der die alleinigen Rechte von Braben an Elite infrage stellte, was Braben letztlich zu einer Klage gegen Bell veranlasste. 1999 gab es einen weiteren Rechtsstreit, der aber 2000 beendet wurde - Bell hatte eine Website veröffentlicht, auf der verschiedene Elite-Versionen, Handbücher und Code-Teile zum Download bereit stehen. Und auf der Bell auflistet, wer welche Anteile an der Elite-Programmierung hatte.

Elite ist nicht Doom

Anlässlich des 25. Jubiläums von Elite waren Bell und Braben 2009 erstmals wieder gemeinsam auf einer Session des Nottinghamer Gamecity-Festivals zu sehen, wo sie - allerdings separat - über Elite sprachen. Laut einem Edge-Bericht sprach Bell dabei über die Verantwortung von Spieleentwicklern, deren Spiele andere Menschen und insbesondere Kinder beeinflussen können.

Darüber habe er sich während der Elite-Entwicklung keine Gedanken gemacht, sagt Bell. Er sei froh, dass Elite nicht Doom sei. Der Effekt auf die Leben der Spieler sei positiv: "[…] sowohl in Hinsicht darauf, ihnen gute Erinnerungen zu bescheren als auch darin, Menschen dazu zu bringen, über Dinge auf andere Art nachzudenken und Interesse zu wecken."

Anders als Braben, der nun mit Elite: Dangerous seinen Traum vom Elite-Universum verwirklichen will, hat Bell bisher kein neues Spiel angekündigt. Auf seiner Website steht seit langer Zeit nur: "Ich arbeite an einem neuen Computerspiel, aber die Details halte ich im Moment noch geheim."

Nachtrag vom 15. November 2012, 21:47 Uhr

David Braben hat in einem Video mehr über prozedurale Inhalte und ihren Einsatz geredet. Das Video haben wir auf der ersten Artikelseite nachgefügt.  (ck)


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