Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/news/imho-unternehmen-machen-die-gpl-kaputt-1202-89586.html    Veröffentlicht: 17.02.2012 11:50

IMHO

Unternehmen machen die GPL kaputt

Der Streit um den Busybox-Ersatz zeigt, dass immer weniger Firmen gewillt sind, Copyleft-Lizenzen wie die GPL einzusetzen. Aus Furcht vor Klagen ziehen sie andere Lizenzen vor. Die Freiheiten der Nutzer sind gefährdet - und kaum einer merkt's!

Jeder Nutzer soll die von ihm eingesetzte Software kontrollieren können und nicht von der Software kontrolliert werden. Anwender sollen die Freiheit haben, mit ihren Geräten buchstäblich zu machen, was sie wollen. Das funktioniert nur über den Zugang zum Quellcode und die Möglichkeit, den Code zu verändern. 30 Jahre, nachdem Richard Stallman dieses Ideal postuliert hat, ist seine Verwirklichung akut gefährdet. Und das Schlimmste: Es scheint kaum jemanden zu stören.

Auf den ersten Blick scheint es, als sei das ethische Ziel der Free Software Foundation (FSF), eine freie Gesellschaft im digitalen Zeitalter durch freie Software, sehr weit vorangeschritten. Die Copyleft-Lizenzen GPL und LGPL sind weit verbreitet.

Praktisch jeder, der irgendeine Art von Rechner oder Unterhaltungselektronik besitzt, kommt mit dem Copyleft-Prinzip in Berührung. Es sorgt dafür, dass veröffentlichter Code und Veränderungen daran immer frei zur Verfügung stehen. Im Gegensatz dazu erlauben freizügige Lizenzen die Verwendung von Code auch in proprietärer Software, wie etwa die Apache-Lizenz oder die BSD-Lizenz.

Auf Unmengen verschiedener Geräte läuft Code, der unter der GNU General Public License (GPL) steht oder unter der weniger restriktiven GNU Lesser General Public License (LGPL), seien es Router, Set-Top-Boxen oder auch Tablets und Smartphones mit Googles Android. Auch Webkit und CUPS, die maßgeblich von Apple entwickelt werden, nutzen zumindest in Teilen die genannten Lizenzen. Doch der Schein trügt.

Firmen verzichten auf GPL-Code

Immer mehr Firmen bewerten einen Einsatz von GPL-Software sehr kritisch und sehen sich nach Ersatz um, was kürzlich wieder durch den Sony-Angestellten Tim Bird öffentlich wurde. Dieser möchte einen Ersatz für Busybox entwickeln, der unter einer freizügigen Lizenz steht - und mit Toybox existiert bereits ein Projekt mit dem gleichen Ziel. Busybox selbst fasst verschiedene Standardbefehle zu einer Binärdatei zusammen und wird dadurch kompakter.

Viele große Unternehmen entscheiden sich seit Jahren bewusst gegen den Einsatz der GPL. Google setzt zum Beispiel auf freizügige Lizenzen wie die Apache-Lizenz für Android und erlaubt sogar proprietäre User Interfaces. Einzig der eingesetzte Linux-Kernel steht unter der GPL, Google hat aber kein Interesse daran, die GPL durchzusetzen, was der Google-Mitarbeiter Chris DiBona bestätigt. Apple greift in weiten Teilen auf freizügigen Quellcode von FreeBSD oder auch NetBSD zurück und verkauft die Software gewinnbringend.

Klagen gegen GPL-Verletzungen

Einige Entwickler gehen davon aus, dass durch den Busybox-Ersatz GPL-Verletzungen leichter begangen werden könnten. So auch der Red-Hat-Entwickler Matthew Garret, der deshalb dazu auffordert, dass sich mehr Linux-Kernel-Entwickler um die richterliche Durchsetzung der GPL bemühen sollen. Für den Anwalt Bradley Kuhn sind solche Klagen gar eine logische Konsequenz bei der Verwendung der GPL.

Diesen Standpunkt bekräftigt Kuhn auch in der aktuellen Debatte. Gleiches gilt für den Entwickler Harald Welte, der die Mailingliste GPL-Violations mitbegründete und schreibt, dass jedes Unternehmen vor dem Markteintritt eine notwendige Sorgfalt walten lassen muss.

Welte schreibt: "Wer (...) die GPL-Lizenzierung nicht versteht, sollte auch kein Linux-basiertes Gerät im Markt platzieren. Analog dazu: Wenn ein Abfallunternehmen einen neuen Markt betritt (die Beseitigung gefährlicher Chemikalien), kann das Unternehmen die Chemikalien nicht einfach wie normalen Abfall behandeln, warten bis es zu rechtlichen Schwierigkeiten kommt und dann erwarten, damit davonzukommen."

Klagen führen zu Dilemma

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, sind die Klagen zwar absolut gerechtfertigt und notwendig, führen langfristig jedoch nicht zu einer weiteren Verbreitung der GPL. Denn Unternehmen fürchten sich davor, verklagt zu werden und verzichten deshalb auf die Verwendung von Copyleft-Code. Das Dilemma dabei ist, dass die Klagen der Entwickler keinesfalls unterlassen werden können.

Aus Sicht der Nutzer sind die Prozesse aber wenig zielführend, da nicht mehr, sondern immer weniger Unternehmen GPL-Code verwenden. Da es immer weniger Firmen mit einer entsprechenden Marktmacht gibt, die GPL-Code überhaupt einsetzen, kommt auch nur ein kleiner Benutzerkreis mit den Vorteilen der GPL überhaupt in Berührung.

GPL-Software im Fachmarkt

Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, ist eines absehbar: Auch in den nächsten Jahren wird es nicht dazu kommen, dass wir in einen beliebigen Elektronikfachmarkt gehen können, um uns einen Laptop oder ein Smartphone zu kaufen, dessen System komplett unter der GPL steht und nicht nur der Kernel des Gerätes.

Auch eine Wahlmöglichkeit, zum Beispiel zwischen verschiedenen Distributionen oder Desktopoberflächen, wäre ganz im Sinne der Nutzer. Doch so lange diese davon nichts wissen, wird es wohl keine Wahl geben. Entsprechende Geräte wird es, wie jetzt auch schon, nur über kleine idealistische Onlineversandhändler geben.

Nutzer sind gefragt

Ändern kann das nur eine Nutzerschaft, die die GPL auf Grund ihrer Freiheiten für die Endbenutzer einfordert. Etwa durch den gezielten Kauf von Geräten mit GPL-Software, um Unternehmen so zum Umdenken zu zwingen. Oder, indem freie Software an Bekannte oder Freunde verteilt oder wenigstens zum Testen gezeigt wird. So lernen Nutzer Alternativen kennen. Dass das funktioniert, stellte kürzlich ein Redakteur von Spiegel Online fest, der die Verbreitung von Ubuntu in seinem Bekanntenkreis als Dominoeffekt beschreibt.

Auch der Druck auf Unternehmen lässt sich leicht erhöhen. Rechner ohne Betriebssystem oder mit Linux-Distributionen lassen sich online kaufen. Im Fachmarkt kann dagegen mit einem Live-USB-Stick die Hardware auf Verwendbarkeit geprüft werden. Kunden sollten nicht einfach konsumieren, sondern nachfragen. Das Angebot der Hersteller sollte dem Interesse der Kunden dann folgen.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).  (sg)


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