Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/0910/70318.html    Veröffentlicht: 07.10.2009 14:58

Internet Eyes: Spielend überwachen

Überwachung als Onlinegame

Das britische Unternehmen Internet Eyes hat ein Onlinespiel ersonnen, wie es sich George Orwell nicht besser hätte ausdenken können: Die Auswertung der Bilder von Überwachungskameras wird zum Zeitvertreib für Hobbydetektive - mit Geldpreisen für die erfolgreichsten Entdecker von Straftaten.

Internet Eyes heißt ein neues Onlinespiel der besonderen Art: Hier geht es nicht darum, Quests zu absolvieren, oder um eine Simulation des realen Lebens, sondern um ganz handfeste Kriminalität, berichtet die britische Tageszeitung Daily Telegraph. Und die findet auch nicht in der digitalen Welt statt, sondern auf den Straßen von Stratford-upon-Avon. Die Aufgabe der Spieler ist es, Straftäter zu überführen. Die Belohnung: 1.000 britische Pfund, umgerechnet knapp 1.100 Euro.

Verdächtiges Verhalten aufspüren

Um an Internet Eyes teilzunehmen, müssen sich die Nutzer zunächst registrieren. Dann können sie die Videobilder von Überwachungskameras auf ihrem Computer anschauen. Entdecken sie etwas Verdächtiges, klicken sie auf einen Knopf. Dann wird ein Foto der Situation erstellt und derjenige, der die Kamera bedient, also ein Ladendetektiv oder ein Mitarbeiter der Leitstelle, wird alarmiert. Er entscheidet, was zu tun ist. Außerdem schickt er dem Spieler eine Nachricht, ob es sich tatsächlich um eine kriminelle Handlung gehandelt hat oder ob es falscher Alarm war.

Hat der Spieler etwas Verdächtiges entdeckt, bekommt er einen Punkt. Handelt es sich um ein tatsächliches Verbrechen, erhält er drei Punkte. Für einen falschen Alarm hingegen gibt es Punktabzug. Die Fahndungserfolge werde auf der Website dokumentiert: Dort soll eine Galerie der Straftäter veröffentlicht werden - mit Fotos, Straftaten und denjenigen, die sie ertappt haben.

Kamerabetreiber zahlen

Wer am Ende eines Monats bei der Verhaftung der meisten Straftäter geholfen hat, erhält den Geldpreis. Dafür haben sich die Betreiber ein ausgefuchstes Finanzierungsmodell ausgedacht: Das Geld sollen diejenigen aufbringen, die ein Interesse daran haben: die Betreiber der Kameras. Sie zahlen einen Beitrag dafür, dass die Bilder der Kameras ins Internet gestreamt werden.

"Ich wollte das ernste Geschäft, Kriminalität zu stoppen, mit dem Gewinn eines Geldpreises kombinieren", sagte Tony Morgan, der geistige Vater von Internet Eyes, der britischen Presse. Es gebe in Großbritannien mehr als vier Millionen Überwachungskameras, aber nur die Bilder von jeder tausendsten werden tatsächlich ausgewertet. Sein Spiel könnte sich "als die beste Waffe zur Verbrechensverhütung aller Zeiten" erweisen.

Empörte Gegner

Bürgerrechtler reagierten empört auf die Pläne. So etwas sollte im Keim erstickt werden, sagte Charles Farrier, der Vorsitzende der Aktivistengruppe "No-CCTV", die sich gegen Überwachungskameras einsetzt. "Das wird nicht nur einer gefährlichen Überwachungsmentalität Vorschub leisten, indem es Verbrechen zu einem Spiel macht, sondern auch zu schwerwiegenden Bürgerrechtsverstößen führen. Was ist, wenn irgendwelche Rassisten jedes Mal, wenn ein Schwarzer auf dem Bildschirm erscheint, einen Alarm auslösen?"

Das Internet-Eyes-Pilotprojekt startet im kommenden Monat in Stratford-upon-Avon, der Heimatstadt des englischen Dichters und Dramatikers William Shakespeare. Die Initiatoren wollen aber langfristig ein internationales Publikum anziehen. Möglichkeiten, sich auszutoben, gibt es genug: In Großbritannien sollen derzeit rund 4,2 Millionen Kameras Geschäfte, Gebäude und Straßen überwachen.

Im Jahr 2008 hatte die britische Band The Get Out Clause eine deutlich kreativere Verwendung für Überwachungskameras gefunden: Sie spielten vor Überwachungskameras und verlangten unter Berufung auf das britische Informationsfreiheitsgesetz die Herausgabe der Aufnahmen und produzierten damit einen Videoclip.  (wp)


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