Freie Lizenzen in Schulen Urheberrechtsstreit vorprogrammiert

Lehrmaterialien sollen frei zugänglich werden, fordern Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag. Wie sie das umsetzen wollen, steht da nicht. Trotzdem haben Experten Hoffnung für die deutsche Bildungspolitik.

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Die große Koalition setzt sich für freie Bildungsinhalte ein, und das könnte das Lernen nachhaltig verändern. Im Koalitionsvertrag kündigt sie an, dass Schulbücher und Lehrmaterial "soweit möglich frei zugänglich sein" sollten und dass "die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut" werden solle. Gemeinsam mit den Ländern wolle sie die "digitale Lehrmittelfreiheit" stärken.

Bislang verunsicherten die juristischen Hürden die Schulen. Speziell die Auseinandersetzungen um den Schultrojaner sowie die vom Verband Bildungsmedien verteilte Broschüre "Was geht, was geht nicht?" beim Thema Fotokopieren und Server-Speicherungen hätten "den offenen Austausch von Materialien in Schulen nicht gerade gefördert", sagt Bildungsexperte Jöran Muuß-Merholz.

Leonhard Dobusch vom Institut für Management an der Freien Universität Berlin sieht in der Passage zur digitalen Lehrmittelfreiheit daher "einen Hoffnungsschimmer in Sachen Urheberrecht im düsteren Koalitionsvertrag". Dieser fordere nämlich auch neue internationale Abkommen zur Rechtsdurchsetzung und lasse ein dringend notwendiges Recht auf Remix vermissen. Dobusch sagte Golem.de: "Umso erfreulicher ist das explizite und klare Bekenntnis zu freien Lizenzen und Formaten im Bildungsbereich. Wenn den Bekenntnissen Taten folgen, könnte Deutschland endlich den Rückstand im Bereich offener Lehr- und Lernunterlagen wettmachen."

Erst wenige Pilotprojekte

Das Ziel des Koalitionsvertrags sei offensichtlich, dass langfristig alle digitalen Lehrmaterialien unter freien Lizenzen und Formaten vorliegen. Wie das erreicht werden soll, darüber schweigt sich die große Koalition noch aus. Dobusch sagt: "Ein erster wichtiger Schritt sind Machbarkeitsstudien und Pilotprojekte, für die vonseiten des Bildungsministeriums Anschubfinanzierung bereitgestellt werden könnte." Erste Studien gibt es bereits. Sie zeigen, dass Deutschland noch ganz am Anfang steht.

Bei Lehr- und Schulbüchern gibt es erst einige wenige Pilotprojekte, etwa das Lehrbuch L3t, ein Lehrbuch für Lehren und Lernen mit Technologie. Hier werden die Inhalte kollaborativ erstellt. Im Schulbuchbereich gibt es das Projekt Schulbuch-O-Mat, das ebenfalls kollaborativ digitale Schulbücher entwickelt. Die Länder könnten hier mit Pilotprojekten neuen Schwung hineinbringen.

Widerstand der Verlage erwartet

Dobusch erwartet Widerstände im Schulbuchbereich, der von drei Großverlagen beherrscht wird. Der Staat könnte die Entwicklung gezielt fördern, meint Dobusch: "Realisieren ließe sich das über eine völlige Umstellung der Finanzierungs- und Vergabeverfahren. Hier müsste es regelmäßig kompetitive Ausschreibungsverfahren geben, bei denen sich Verlage oder sonstige Bildungseinrichtungen um entsprechende Förderungen bewerben können."

Wenn bei der Anschaffung von Schulbüchern in Zukunft offene Lizenzen vorgeschrieben würden, glaubt Dobusch, ginge damit ein stärkerer Wettbewerb einher: "Neue Anbieter könnten dann unmittelbar bestehende Lernunterlagen weiterentwickeln." Digitale Lehrmittelfreiheit und Verlage seien überdies kein Widerspruch, denn die Qualitätssicherungsfunktion von Verlagen werde weiterhin gebraucht.

Die Schulbuchverlage haben sich dem Thema der offenen Bildungsinhalte, in Fachkreisen auch Open Educational Resources genannt, bislang verweigert. Ihre Plattform Digitale Schulbücher bietet zwar online Schulbücher an, aber nicht unter freier Lizenz. Allein im universitären Bereich gibt es Open-Access-Initiativen. So publiziert etwa der Wissenschaftsverlag De Gruyter seit diesem Jahr sämtliche Open-Acess-Inhhalte unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND. Damit können Nutzer das Werk vervielfältigen, verbreiten und für nichtkommerzielle Zwecke verwenden. Gleichwohl dürfen die Inhalte nicht verändert werden. In den USA hat sich dagegen die offene CC-BY-Lizenz bereits im Bildungsbereich als Standard etabliert, weil sie so gut wie keine Nutzungsbeschränkungen auferlegt.

Das Geschäftsmodell der Verlage würde sich bei einer digitalen Lehrmittelfreiheit "dahingehend ändern, dass sie sich nicht mehr über den Verkauf von Büchern - abgesehen von Print-on-Demand - refinanzieren, sondern sich - immer wieder neu - bei Ausschreibungen beteiligen müssten", glaubt Leonhard Dobusch. Jöran Muuß-Merholz hingegen zeigt sich skeptischer. So seien noch gar keine Finanzierungs- und Geschäftsmodelle zu erkennen: "Man darf ja nicht vergessen, dass zwar die Nutzung kostenfrei sein soll - die Produktion von hochwertigen Materialien aber natürlich weiterhin Geld kostet."

Didaktik muss sich ebenfalls modernisieren

"Einen richtig großen Wurf" wird es nach Ansicht von Jöran Muuß-Merholz aber nur geben, "wenn tatsächlich eine bundesweite, die Länder verbindende Strategie zu dem Thema angegangen wird". Dabei wäre es wichtig, "dass nicht nur über den Einzug von digitalen Materialien, digitalen Werkzeugen oder digitalen Plattformen gesprochen wird, sondern über die Chance, die schulische Pädagogik mit Hilfe digitaler Technologie zu modernisieren."

Muuß-Merholz verweist dabei auf Japan: Hier hat gerade im Sommer die Regierung einen Masterplan beschlossen, der eine flächendeckende Digitalisierung vorsieht - und gleichzeitig eine grundlegende Reformierung der Didaktik. Das sei deshalb so wichtig, weil die Digitalisierung "auch die alte Pädagogik von frontalem Input, von Drill&Practice perfektionieren" könne. Muuß-Merholz sieht aber "das wahre Potenzial darin, die Geräte für selbstständiges, kollaboratives und kreatives Lernen zu nutzen".


Thaodan 05. Dez 2013

Geschichte ändert sich sogar Rückwerts, um so länger ein Ereignis zurück liegt desto...

Trockenobst 04. Dez 2013

Weil diese Verlage Spezialisiert darin sind, die faulen, trägen, desinteressierten...

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