Jusprog Der Jugendschutzfilter blockiert zu viel

Ein von offizieller Stelle empfohlener Jugendschutzfilter blockiert auch bekannte politische Websites und Blogs. Der Hersteller bestreitet aber Zensurbestrebungen.

Anzeige

Der Filter von jugendschutzprogramm.de sperrt auch bekannte politische Websites und Blogs aus. Fast 8.900 Artikel über Zensur hat das bekannte Blog Boingboing in seiner zwölfjährigen Geschichte veröffentlicht. Cory Doctorow, einer der Boingboing-Autoren, gehört zu den bekanntesten und engagiertesten Kämpfern für ein unzensiertes Internet. Eine deutsche Jugendschutzsoftware allerdings sperrt Boingboing, weil es sich um ein jugendgefährdendes Angebot handeln soll.

Zwei Filterprogramme sind kürzlich von der staatlichen Kommission für Jugendmedienschutz KJM offiziell "unter Auflagen anerkannt" worden. Beide sind kostenlos herunterladbar und sollen verhindern, dass Jugendliche im Internet für sie ungeeignete Websites besuchen. Eines aber filtert mehr, als es sollte.

Der Jugendmedienstaatsvertrag der Bundesländer sieht vor, dass auf bestimmte Alterskontrollen etwa bei Websites mit Erotikinhalten verzichtet werden kann, sobald mindestens ein offizielles Filterprogramm zur allgemeinen Verfügung steht. Bisher müssen die Seiten Zugangskontrollen nutzen, etwa eine Überprüfung des Alters der Nutzer oder eine Beschränkung auf bestimmte "Sendezeiten". Mit der Verfügbarkeit von anerkannten Filtern können zumindest Anbieter von leicht jugendgefährdenden Inhalten künftig auf solche Vorkehrungen verzichten. Für schwer jugendgefährdende Inhalte muss jedoch weiterhin ein Schutzsystem vorhanden sein.

Der Filter von jugendschutzprogramm.de, kurz Jusprog, wird vom gleichnamigen Anbieter beschrieben als "Filtersoftware, die Eltern auf ihrem Computer installieren können, damit ihre Kinder sicher vor Erotik und Gewalt im Internet surfen können". Hinter dem Programm steht ein gleichnamiger Verein aus Hamburg, zu dessen Gründern der Erotikkonzern Beate Uhse, die Computerspielefirma Electronic Arts und die Betreiber des Internetangebots der Bild-Zeitung gehören. Ein Test des Programms ergab unerwartete Ergebnisse.

Auch Wikileaks wird gesperrt

Das englischsprachige Blog Techdirt beispielsweise setzt sich regelmäßig mit den Feinheiten der Copyright-Gesetzgebung auseinander und berichtet über ungewöhnliche und strittige Fälle. Auch die Diskussion über das Handelsabkommen Acta und das US-amerikanische Gesetzesvorhaben Sopa wurden auf Techdirt ausführlich geführt. Pornografische Bilder oder Gewaltdarstellungen sucht der interessierte Leser hier allerdings vergebens - zu finden sind höchstens Debatten darüber, ob Pornofilme aus den 70ern noch Copyrightschutz genießen. Dennoch hält das Filtersystem von Jusprog die Seite für jugendgefährdend.

Auch die Website der linken Tageszeitung Neues Deutschland ist laut Jusprog für 16-Jährige ungeeignet. Ebenso gesperrt sind der Übersetzungsdienst von Google und Wikileaks. "Die Domain zu dieser Website steht auf der JuSProg-Filterliste als nicht passend für Deine Altersstufe", erfährt der Nutzer, wenn er versucht, diese Seiten aufzurufen. Warum eine Seite unpassend sein soll, erfährt er nicht.

"Wir wollen keine politischen Meinungen zensieren", sagte Sönke Kielmann von Jusprog im Gespräch. "Wir schauen uns jedoch nicht jede Seite manuell an, unser System arbeitet hier mit automatischen Keywords." Dass eine urheberrechtskritische Seite wie Techdirt im Filtersystem landet, erklärt Kielmann so: "Auf derartigen Seiten taucht dann vielleicht zwanzigmal das Wort Pornografie in Diskussionen über Zensur auf."

Betreiber von Websites, die sich unfair behandelt fühlen, könnten sich an Jusprog wenden, sagte Kielmann weiter. Man würde dann im Einzelfall manuell prüfen, ob eine Seite anders eingestuft werden müsse. Eltern können Websites auch manuell sperren oder freischalten.

Das Programm von Jusprog geriet schon einmal in die Schlagzeilen. Vor drei Jahren wurde bekannt, dass die Software damals unter anderem die Onlineangebote der taz, der Grünen und der Piratenpartei als jugendgefährdend einstufte. "Offenbar hat sich nicht viel verändert und die Filter taugen immer noch nichts", sagte der Netzaktivist Alvar Freude im Gespräch. "Es ist völlig unverständlich, wieso die Kommission für Jugendmedienschutz diesem Programm jetzt seinen offiziellen Segen erteilt. Die Probleme sind längst bekannt." Freude ist Sprecher des Arbeitskreises Zensur, der sich kritisch mit der Entwicklung des Jugendmedienstaatsvertrags auseinandersetzt. Freude hält generell wenig von derartigen Filterbemühungen.

Neben der Software von Jusprog ist auch ein Filtersystem der Telekom offiziell anerkannt worden, es steht jedoch nur den Kunden von T-Online zur Verfügung. Beide Programme können nur auf stationären Windows-Systemen installiert werden, für Nutzer anderer Systeme wie MacOS X oder Linux sowie mobilen Geräten ist die Software nicht verwendbar.


Tantalus 21. Feb 2012

Sowas in der Art dachte ich mir auch. Demnächst wird noch das StGB gefiltert, weil da...

Riegel 21. Feb 2012

Ganz genau! Dafür haben die infokrieg.tv gesperrt.

Lehmroboter 21. Feb 2012

und das wird der Grund gewesen sein, daß diese Site gesperrt wurde. Über Google Translate...

Super Genie 20. Feb 2012

Hehe, hab ich auch gerade gedacht. Wenn das Wort Pornografie zwanzig Mal auf einer Seite...

ed_auf_crack 20. Feb 2012

YMMD ;)

Kommentieren


Pottblog / 21. Feb 2012

Links anne Ruhr (21.02.2012)



Anzeige
  1. Software-Entwickler PHP / MySQL (m/w)
    jobvector/Capsid GmbH, Düsseldorf
  2. Software-Entwickler (m/w) für Embedded Systeme
    Ultratronik GmbH, Gilching
  3. Mobile Solutions Developer / Analyst (m/w)
    Continental AG, Hannover
  4. Projektleiter (m/w)
    Outcome Unternehmensberatung GmbH, Köln

 

Detailsuche


Folgen Sie uns
       


  1. Merkel zu Prism

    "Das Internet ist für uns alle Neuland"

  2. Flutkatastrophe

    Ein Spendenkonzert, die Gema und das Prinzip

  3. Load Impact

    Lasttests ganz einfach

  4. Butterfly S

    HTC verbessert sein erstes 5-Zoll-Smartphone

  5. Neue Rennspiele

    Forza 5, Drive Club und Gran Turismo 6 angespielt

  6. MySQL

    Man-Pages stehen nicht mehr unter der GPL

  7. Omni

    Spurts und Schleicheinlagen im Wohnzimmer

  8. Prism

    US-Spähprogramme sollen 50 Anschläge verhindert haben

  9. JDownloader2

    Downloadfunktion für Streaming in Deutschland verboten

  10. Canonical

    Telekom tritt Beratergruppe für Ubuntu Touch bei



Haben wir etwas übersehen?

E-Mail an news@golem.de


Anzeige
Für Bildungseinrichtungen: Microsoft bietet Surface RT für 200 US-Dollar an
Für Bildungseinrichtungen
Microsoft bietet Surface RT für 200 US-Dollar an

Microsoft will das Surface RT für Bildungseinrichtungen in verschiedenen Ländern deutlich günstiger als im regulären Verkauf anbieten. Auch deutsche Schüler und Studenten sollen von dem Angebot profitieren.

  1. Surface Pro im Test Microsofts Tablet überzeugt als Notebook
  2. Microsoft Verkauf des Surface Pro startet am 31. Mai
  3. XPS 10 und Surface Deutliche Preissenkungen bei Windows-RT-Tablets

Watch Dogs: Der Sysadmin-Alptraum
Watch Dogs
Der Sysadmin-Alptraum

E3 2013 Er hackt Stadtnetze, kapert vom Smartphone bis zum Rechenzentrum jedes fremde System in Sekundenbruchteilen - aber der Held in Watch Dogs kann auch jederzeit zum Opfer anderer Spieler werden. Golem.de hat mit den Entwicklern über Hacker, die Technik und über das Überwachungsprogramm Prism gesprochen.

  1. Ubisoft Gitarrenriffs, Hacker und infiziertes Geld
  2. Playstation 4 400 Euro und keine Gebrauchtspielsperren
  3. Xbox One Hauseigene Halo-Konkurrenz und neues Altes von Rage

In eigener Sache: Golem.de öffnet sich für Autoren
In eigener Sache
Golem.de öffnet sich für Autoren

Wir erweitern für Blogger und andere Autoren die Möglichkeit, ihre Inhalte hier auf Golem.de zu veröffentlichen und so von unserer Reichweite und unseren Finanzierungsmöglichkeiten zu profitieren. Es geht uns darum, ein neues, zeitgemäßes Modell des Publizierens zu etablieren und unseren Lesern noch mehr relevante Inhalte zu bieten.

  1. #Blognetz Deutsche Blogger, vereinigt euch

Zum Artikel