IMHO: Ich will keine Lobhudelei im Netz
Bloggerin Gesine von Prittwitz (Bild: Sabine Münch, Berlin)

IMHO Ich will keine Lobhudelei im Netz

Cat-Content, Instagram-Fotos und Sinnsprüche: Internetnutzer wollen selten auffallen und anecken - deshalb passen sie sich den anderen an, meint Bloggerin Gesine von Prittwitz. Ihr fehlen hitzigere und sinnvollere Debatten.

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Fast hat es den Anschein, als setze die öffentliche Wahrnehmung die digitale Kommunikation mit Bashing und Shitstorm gleich. Wie oft hören wir, dass im Netz die Hemmschwellen gering seien und die Kommunikationsstile entsprechend rau. Da werde mit harten Bandagen gekämpft und Andersdenkende im Schutz der Anonymität gemobbt. Woraus Konsequenzen in Form von anhaltenden Diskussionen um Netiquette, Fairness und Zivilcourage im Netz gezogen werden.

Natürlich gibt es das dort auch: Schmähreden, Hasstiraden, Verunglimpfungen Andersdenkender. Mein Eindruck ist allerdings, dass es im Netz eher sittsam zugeht. Bisweilen vielleicht sogar zu sittsam!? Hitzige Debatten, bei denen sich die Gemüter erregen und die Stimmen laut erheben, erlebe ich bei Facebook und anderen Communitys oder Blogs so gut wie nie. Man geht sich nicht an den Kragen. Im Gegenteil: Angesagt ist Wohlfühlen. Und deshalb passt man sich lieber an. Da man weder auffallen noch anecken und zudem mit seiner Meinung nicht alleine bleiben mag, richtet man seine Statusmeldungen nach dem Massengeschmack. Mainstream galore! Mit populärer Musik, niedlichen Katzenbildern, rotglühenden Sonnenuntergängen, einem Instagram-Bild vom leckeren Mittagessen, Sinnsprüchen und Albernheiten oder Schmeicheleien hält man seine Claqueure bei der Stange.

Schöner heiler Kosmos

Und wer Themen postet, die ein gewisses Geschmäckle haben oder problematisch sind, der versucht sie zu entschärfen. Zur verpatzten Abschlussarbeit passt ein Song von Gloria Gaynor ("I will survive"), zum Refugee-Camp am Brandenburger Tor ein Sinnspruch. Und für den Darmvirus, an dem man laboriert, hält ein Markenzwieback her, den man mittels Foto-App gekonnt ins Licht gesetzt hat. Zum schönen heilen Kosmos, den Netzwelten suggerieren, gehören auch Selbstinszenierungen mit dem Zweck, sich möglichst vorteilhaft in Szene zu setzen. Wir Helden, die wir weder Ängste noch Sorgen kennen! Ohne Fehl und Tadel und zudem mit allem ausstaffiert, was die Konsum- und Warenwelten hergeben.

Ich frage mich, warum die eindimensionale Sicht, die das Netz vielfach abbildet, und die Heile-Welt-Mentalität, die dadurch befördert wird, nicht weiter verstören. Problematisch sind nicht allein die "schönen" Bilder und Texte, die vermittelt werden, sondern besonders auch die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen beziehungsweise nicht umgegangen wird. Partizipation im Netz, allemal bei Facebook, erschöpft sich mehrheitlich in Akklamation.

Man mogelt sich mit einem Klick drumherum

Symbolkräftig ist der Gefällt-mir-Button, der vielfach arglose und inflationäre Verwendung findet. Problematisch sind Empfehlungsbuttons auch, weil sie per se eine kritische oder differenzierte Stellungnahme obsolet machen. Man mogelt sich quasi mit einem Klick drumherum. Und weil der Gefällt-mir-Button so massenhaft in Gebrauch ist, wäre natürlich auch darüber nachzudenken, ob die äußerst bequeme Art, Affirmation zu bekunden, nicht Auswirkungen auf Diskurse haben könnte, die sich in der realen Welt vollziehen...

Wollen wir Claqueure haben, die den Mund halten? Natürlich nicht. Deshalb wünsche ich mir bei den Diskussionen um Netiquette, Fairness und Zivilcourage im Netz gelegentlich ein wenig mehr Weitsicht. Lediglich eine Minderheit dürfte in Abrede stellen, dass ein respektvoller Umgang bei der digitalen Kommunikation eine Notwendigkeit ist. Was es neben einem Knigge auch braucht, ist ein Coach, der aufzeigt, wie man sich im Netz differenziert einbringt oder dort konstruktiv-kritisch Stellung bezieht. Pluralismus braucht Reibung und kritische Partizipation, keine Lobhudelei und Schönfärberei.

An die Adresse der Projektgruppe Medien, Kultur, Öffentlichkeit der Enquêtekommission Internet und digitale Gesellschaft gerichtet: Wer die Frage stellt "Was geht (gar nicht) im Netz?", sollte auch darauf Obacht haben...

Der Text erschien zuerst auf Steglitzmind, dem privaten Blog der Autorin. Der Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade der Enquêtekommission des Bundestages zum Thema "Was geht (gar nicht) im Netz?"

Gesine von Prittwitz lebt und arbeitet in Berlin. Nach einer akademischen Laufbahn als Literaturwissenschaftlerin wechselte sie vor über 15 Jahren in die Buchbranche. Dort engagiert sie sich in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. 2005 gründete sie ihre Agentur Prittwitz & Partner.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).


Matt Devereaux 08. Dez 2012

Gut formuliert. Würde eigentlich jetzt lieber bloß einen *like* Knopf klicken, aber finde...

eyespeak 29. Nov 2012

Hier isses ganz gut erklärt: http://25.media.tumblr.com/tumblr_mclik53MAy1rjj9tso1_500...

/mecki78 29. Nov 2012

Ich habe hier schon sehr interessante Debatten gelesen. Klar fangen die meisten Threads...

fratze123 29. Nov 2012

Erschreckend, dass selbst Autorinnen auf IT-Seiten Facebook für den Nabel der Welt...

Charles Marlow 29. Nov 2012

Die "falsche" Partei- oder Vereinsmitgliedschaft kann dasselbe bewirken.

Kommentieren


Dirks Logbuch / 07. Dez 2012

Linkdump Kalenderwoche 49/2012 ...



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