Cyborg Enno Park "Mein Implantat gehört mir!"

Cyborgs sind keine Furcht erregende Zukunftsvision, sondern bereits unter uns, sagt Enno Park. Er trägt ein Cochleaimplantat, mit dem er nach 22 Jahren Gehörlosigkeit wieder hören kann. Doch das reicht ihm nicht, er möchte es hacken, löten, konfigurieren. Noch ist der Hersteller aber unkooperativ.

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Hollywood sei schuld, sagt Enno Park auf der Sigint 2013 in Köln. Filme wie der Terminator stellen Cyborgs als Killermaschinen dar. Das verzerrt das Bild von den Cyborgs. Dabei sind sie längst unter uns, als ganz gewöhnliche Menschen mit Prothesen oder Implantaten. Wie Park. Er hat ein sogenanntes Cochleaimplantat. Seitdem er es hat, ist seine Spracherkennung auf fast 95 Prozent gestiegen. Zuvor nutzte der Gehörlose gewöhnliche Hörgeräte, die ihm aber nur 25 Prozent Spracherkennung ermöglichten. Inzwischen kann er sogar eine Gitarre stimmen - nach monatelanger Gewöhnung an sein neues Implantat. Damit die Sprachqualität noch besser wird, würde er gern sein Implantat hacken. Doch das System ist geschlossen.

Das Cochleaimplantat verbindet ein Mikrophon am Kopf mit der Hörschnecke im Ohr, der Cochlea. Daher der Name. Dazwischengeschaltet ist ein digitaler Sprachprozessor. Über eine Sendespule werden akustische Signale an eine Empfangsspule gesendet, die sich hinter seinem Ohr unter der Kopfhaut befindet. Dort werden sie über einen Stimulator über Elektroden an die Cochela weitergegeben. Es gibt aber auch Kritik an den Cochleaimplantaten. Der Psychologieprofessor Harlan Lane befürchtet, das Gehörlose so ihre Identität verlieren oder die Gebärdensprache nicht mehr gelernt wird. Gehörlose seien keine Behinderten, sondern Mitglieder einer ethnischen Gruppe.

System geschlossen, Hersteller unkooperativ

Die Technik sei Teil seines Körpers geworden, sagt Park. Deshalb sei auch er ein Cyborg, ein Mensch mit eingepflanzter Technik. Die Technik kann mehr als das Gehör anderer Menschen. Park kann das Implantat ausschalten und schläft dann manchmal viel zu lange. Er kann es in vier Stufen einstellen. Dann passt es sich an laute Umgebungen an. Wenn andere bei Unterhaltungen wegen zu lauter Musik in Clubs nur verständnislos mit dem Kopf nicken, kann er sein Gegenüber gut hören. Sein Implantat lässt sich auch als Richtmikrofon nutzen. Er kann ungefiltert Musik damit hören oder sein Smartphone über einen Klinkenstecker.

Die verschiedenen Einstellungen muss er aber über eine spezielle Fernbedienung aktivieren. Die habe eine Benutzerschnittstelle aus dem vorherigen Jahrhundert und sei viel zu langsam, sagt er. Während er sein Implantat einstellt, wundere sich sein Gegenüber manchmal, was er da eigentlich mache. Auch das würde er gerne ändern, vielleicht mit einer App fürs Smartphone. Aber das System ist geschlossen. Und der Hersteller ist wenig kooperativ. Will er Einstellungen ändern, muss er in die Klinik.

Google Ears statt Google Glass

Er möchte auch das Audiokabel selber löten können. Geht es kaputt, müsste er ein neues beim Hersteller bestellen - für 200 Euro. Im Handel kosten die Komponenten gerade mal 9.90 Euro. Und er würde gerne Infra- und Ultraschall hören können oder einen Bluetooth-Adapter einbauen. Er will auch seine Idee verwirklichen: Google Ears statt Google Glass. Akustische Benachrichtigungen bei eingegangenen Twitter-Nachrichten seien doch viel besser als optische, die würden zu sehr ablenken.

Park will Implantate aus dem "Walled Garden" befreien, in ein offenes und nicht proprietäres System verwandeln. Der Verkauf von solchen Implantaten über Ebay verstoße gegen dessen Richtlinie, sagt Park. Deshalb will Park die German Cyborg Society gründen und sucht Hilfe von Hackern und Sponsoren. Er will mit Herstellern über die Offenlegung der Schnittstellen verhandeln. Kurz: Er will sein Cochleaimplantat so weit wie möglich selbst konfigurieren und erweitern können. Sein Implantat habe 22 Dioden, die seinen Hörnerv reizten, sagt Park. Es wären aber bis zu 100 virtuelle Kanäle möglich. Je mehr Dioden, desto besser die Sprachqualität. Die Gefahr einer Überreizung nimmt er dabei in Kauf. Sterben könne er dabei zwar nicht, aber seinen Hörnerv überreizen und sogar schädigen.

Es gibt auch Cyborg-Grenzfälle

Vorurteile gegen Cyborgs regen Park auf. Er bezeichnet sie als diffuse Xenophobie und Ableismus. Er weiß nicht, warum es ethische Bedenken seitens der Politik gibt, Google-Glass-Verbote, sogar physische Angriffe auf Implantatträger.

Dabei sieht er selbst andere Menschen, die sich Cyborgs nennen, kritisch. Jerry Jalava etwa, der sich einen USB-Stick in die Fingerkuppe implantiert hat, mit nicht mehr zeitgemäßen 2 GByte Speicher. Oder Kevin Warwick, der sich ständig neue Chips implantiert, mit denen er alles Mögliche steuern will, etwa seine Lichtschalter zu Hause. Die müsse er ständig auch wieder herausoperieren, weil es in den meisten Fällen nicht hinhaue.

Selbst Neil Harbisson bezeichnet Park als Grenzfall. Sein Eyborg helfe Harbisson zwar bei seiner Farbenblindheit, er sei aber eher ein Kunstobjekt. Ein Cyborg sei Harbisson trotzdem. Und er zeige die Grenzen der Möglichkeiten von Cyborgs auf. Harbissons letzter Versuch, sein Eyborg noch enger mit seiner Schädeldecke zu verschmelzen, wurde von Ärzten abgelehnt.

Die ferngesteuerte Kakerlake Roboroach hingegen findet Park bedenklich, nein "creepy".


DerLump 09. Jul 2013

Moment mal, da steht doch garnicht, dass er am Implantat selber herumlöten möchte...

nw42 08. Jul 2013

Das ist kein normaler Konsumgegenstand, sondern Teil seines Körpers - und deshalb muß man...

wmayer 08. Jul 2013

Es geht darum es direkt mit dem Implantat wiederzugeben, also keine anderen Leute zu...

Elgareth 08. Jul 2013

Stimmt. Die Menschen denken immer, im Koma zu liegen sei was negatives, sehen aber die...

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