Stalins Badezimmer

Falscher Wikipedia-Eintrag wird zum geflügelten Wort

Ein Redakteur der Berliner Zeitung hat sich mit den Mechanismen des Webs einen Scherz erlaubt. Er erfand für die Karl-Marx-Allee der Hauptstadt die Bezeichnung "Stalins Badezimmer". In den folgenden Jahren verbreitete sich der Begriff, bis der Journalist versuchte, das zu stoppen.

Anzeige

Stalins Badezimmer - so sollen Berliner zu DDR-Zeiten die Karl-Marx-Allee genannt haben. Wegen der "charakteristischen Keramikfliesen", wie bis zum Morgen des 24. März 2011 in der deutschen Wikipedia zu lesen war. Das stimmt aber nicht - sagt jedenfalls Andreas Kopietz, Redakteur der Berliner Zeitung. Er selbst hat den Begriff erfunden, wie einem Artikel der Zeitung zu entnehmen ist.

Das sei am 16. Februar 2009, abends, gewesen, erzählt Kopietz, und eigentlich habe er das gar nicht so richtig gewollt. Das - zweite - Glas Rotwein sei "versehentlich" auf der Enter-Taste gelandet, und so sei die ausgedachte Geschichte tatsächlich bei Wikipedia online gegangen. Zumindest da hätte der Scherzbold das sofort rückgängig machen können - zwei Jahre später ist das nicht mehr so einfach, auch wenn die Wächter über den Wikipedia-Artikel die Sache inzwischen als erledigt betrachten.

Der Journalist verfolgte, wie oft seine Wortschöpfung sich verbreitete. Von Unternehmen zu Badezimmerplanung über touristische Angebote zu Berlin wurde der Begriff offenbar ohne Prüfung übernommen. Auch in einer Hauptseminararbeit zu sozialistischer Architektur - die Verfasserin nennt die Zeitung nicht - soll von Stalins Badezimmer die Rede gewesen sein.

Schließlich fand der Begriff auch seinen Weg in die etablierten Medien. Kopietz zufolge tauchte er im April 2010 in der Zeitschrift Stern auf. Und dann in der Märkischen Oderzeitung, und schließlich bei Spiegel Online. Im Februar 2011 war Stalins Badezimmer dann dort angekommen, wo es herkam: Die Berliner Zeitung selbst benutzte die Bezeichnung.

Nur ein Leser der Zeitung soll sich darüber beschwert haben, ihm war als langjährigem Anwohner der Straße der Begriff unbekannt. Am 17. März löschte Kopietz die Passage aus der Wikipedia, wo sie der Wächter über den Artikel umgehend rückgängig machte. Zu oft war der Begriff wohl schon zu finden, und deshalb "ist es die Wahrheit", resigniert Andreas Kopietz.

Jener Redakteur weilt übrigens gerade im Urlaub, wie ein Kollege der Berliner Zeitung Golem.de am Telefon sagte. Geben soll es den Erfinder von Stalins Badezimmer aber, er ist nach Angaben des Blattes schon jahrelang Redakteur der Zeitung.

Dass sich mit Wikipedia schnell vermeintliche Fakten schaffen lassen, fiel zuletzt spektakulär am 10. Februar 2009 auf - also genau eine Woche, bevor Andreas Kopietz seinen Scherz begann. Damals hatte ein anonymer Gastschreiber von Bildblog dem gerade ins Amt berufenen Karl-Theodor zu Guttenberg per Wikipedia einen weiteren Vornamen verpasst. Da der vorläufige Expolitiker über zehn existierende Vornamen verfügt, war das eingefügte "Wilhelm" nicht weiter aufgefallen. Von der Bild bis zur Süddeutschen Zeitung wurde die falsche Angabe verbreitet.


azeu 26. Mär 2011

weil ein Journalist (hier) den Sinn von Wikipedia nicht verstanden hat, ist Wikipedia...

SSD 26. Mär 2011

ich meine Widersprüche, die auch nach langem Diskutieren nicht gelöst werden können es...

Gerd Taddicken 25. Mär 2011

Hallo, ...kein Mensch ist vollkommen - der Rotwein hat bestimmt auch eine größere Rolle...

Freitagsschreib... 25. Mär 2011

Dieser Satz ist falsch. Nicht drüber nachdenken, gibt Kopfschmerzen ;-) Ich sach nur...

borg 25. Mär 2011

Der Ersteller eines Beitrages für Brockhaus würde sich, vor solch einer Veröffentlichung...

Kommentieren



Anzeige

  1. Wirtschaftsinformatiker / Betriebswirt (m/w)
    iOMEDICO AG, Freiburg
  2. Senior Consultant SAP CRM / Solution Architect SAP CRM (m/w)
    Home Shopping Europe GmbH, Ismaning (Raum München)
  3. IT-Architektur Enterprise Architecture Management
    Daimler AG, Stuttgart
  4. Softwaretester / Testautomatisierer (m/w)
    TONBELLER AG, Bensheim

 

Detailsuche


Folgen Sie uns
       


  1. Cloud-Computing

    Mathematica Online für den Browser

  2. Taxi-Konkurrent

    Landgericht Frankfurt hebt Verbot von Uber auf

  3. Stadt München

    Zweiter Bürgermeister Münchens lobbyiert gegen Limux

  4. Wettbewerbsverfahren

    Justizminister Maas will an Googles Algorithmus

  5. Test Bernd das Brot

    "Dieses Spiel ist Mist"

  6. Apple

    Vorerst keine NFC-Funktion für deutsche iPhone-Käufer

  7. Sicherheitslücke bei Android

    AOSP-Browser soll über Javascript angreifbar sein

  8. Betriebssystem

    Apple bringt dritte öffentliche Beta von OS X 10.10

  9. Verschlüsselung

    PEP will Nachrichtenverschlüsselung einfacher machen

  10. Dreijahresplan

    EA will Spielervertrauen zurückgewinnen



Haben wir etwas übersehen?

E-Mail an news@golem.de



Test Destiny: Schicksal voller Widersprüche
Test Destiny
Schicksal voller Widersprüche
  1. Destiny 500 Millionen US-Dollar Umsatz mit "steriler Welt"
  2. Destiny "Größter Unterschied sind sehr pixelige Schatten"
  3. Bungie Kostenloses Upgrade von Old- zu Current-Gen-Konsolen

DDR-Hackerfilm Zwei schräge Vögel: Mit Erotik und Kybernetik ins perfekte Chaos
DDR-Hackerfilm Zwei schräge Vögel
Mit Erotik und Kybernetik ins perfekte Chaos
  1. Miraisens Virtuelle Objekte werden ertastbar
  2. Autodesk Pteromys konstruiert Papiergleiter am Computer

Rezension What If: Ein Highlight der Nerdkultur vom XKCD-Autor
Rezension What If
Ein Highlight der Nerdkultur vom XKCD-Autor
  1. Transistoren Rechnen nach dem Schmetterlingsflügel-Prinzip
  2. MIT-Algorithmus Wie rotiert Schrott in Schwerelosigkeit?
  3. Neues Verfahren Yale-Forscher formt Smartphone-Hüllen aus metallischem Glas

    •  / 
    Zum Artikel