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Warum der Chip nicht in den Ball darf (Update)

Abseits oder nicht Abseits, Tor oder kein Tor - der Fußball lebt von Fehlentscheidungen und großem Drama. Wer danach verlangt, alle Streitfragen mit Technik zu lösen, fordert den Fußballgott heraus.

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44 Jahre mussten die Deutschen auf einen Ausgleich für das Phantom-Tor von Wembley warten. 1966 hatten die Engländer das WM-Finale durch eines der umstrittensten Tore überhaupt gewonnen. Bei der WM 2010 fiel dann bei der Begegnung der beiden Mannschaften ein klares Tor für England, der Ball war weit hinter der Linie - und es wurde kein Tor gegeben. Allein die Vorstellung, Torwart Manuel Neuer wäre noch in der Parade durch das Fiepen eines Toranzeigers unterbrochen worden!

Doch Fehlentscheidung bleibt Fehlentscheidung. Schiedsrichter sind fehlbar. Deshalb wird immer wieder gefordert: Der Chip im Ball muss her.

Schon 2007 hatte Adidas seinen Chip im Ball vorgestellt. Er schlägt an, wenn der Ball ein magnetisches Feld überschreitet. Damals fiel die Antwort der IFAB deutlich aus: Sie beschloss, technische Hilfsmittel weiterhin nicht zuzulassen. Joseph Blatter, Präsident der Fifa, will aber nach der Fehlentscheidung im Spiel Deutschland gegen England im Juli mit der IFAB noch einmal über technische Aufrüstung sprechen.

Bewegungskoordinaten und Magnetfelder

Wenn die Frage, ob der Ball im Tor war oder nicht, technisch geklärt werden sollte, dann kann man die Messlatte gleich noch höher legen und beispielsweise das Abseits in Angriff nehmen. Ein Chip, der in jedem Spielerschuh oder im Trikot steckt und anhand der Bewegungskoordinaten ein Abseits meldet!

Solche Technik gibt es, sie ist bereits einsatzfähig: Die Witrack-Technik des Fraunhofer Institutes, die vorwiegend zur Trainingsanalyse verwendet wird, würde sich zur Abseitserkennung eignen. Und um zu ermitteln, ob der Ball die Torlinie überschritten hat, liefert Goalref ein System, das mit Magnetfeldern arbeitet, oder die Firma Cairos ihr System Goal Line Technology (GLT), das zwischen 250 Euro und 2.500 Euro pro Spiel kostet.

Und wenn die Technik streikt?

70 Prozent der Fußballfans wären nach einer Recherche des Fußballmagazins Kicker angeblich sogar für eine technische Maßnahme der Torerkennung. Dabei sind die 90 Spielminuten heilig und dürfen nicht durch technischen Firlefanz unterbrochen werden. Man stelle sich vor, die Technik streikt, wenn der Schiedsrichter auf seine Kontrolluhr schaut, die ihm anzeigt, ob der Ball nun drin war oder nicht. Der Spielfluss wird unterbrochen, die Spieler stehen herum. Die Werbeindustrie würde diesen Moment sicher gern für eine kleine Einblendung nutzen. Dieses Tor wurde ihnen präsentiert von Adidas, dieser Freistoß wurde ihnen präsentiert von Nike... Nein danke!

Fußball ist Drama

Mit dem Chip im Ball würde sich die Wahrnehmung des Ereignisses verschieben. Der Kontrollmonitor würde wichtiger als der schwarze Mann auf dem Platz, der die Entscheidung trifft.

Vor allem aber würde mit Chip im Ball das größte Potenzial des Fußballs verloren gehen. Denn die Fehlbarkeit der Schiedsrichter löst erst das Mitleiden der Fans aus. Würden sich die Massen ereifern und jahrelang an Stammtischen streiten, wenn der Chip im Ball sagen würde, es ist ein Tor? Eine Entscheidung eines Deus Ex Machina hat nicht das Zeug zum Aufreger.

Erst der menschliche Makel sorgt dafür, dass Menschen emotional Anteil nehmen. Gerade weil ein Elfmeter verschossen werden kann, gerade weil auch hundertprozentige Chancen vergeben werden, hat dieses einfache Spiel mit einem Ball auf zwei Tore so einen Erfolg. Deshalb schauen Millionen Menschen bei einer WM zu.

Chips und Fußball statt Chip im Ball

Im Fußball treffen schließlich nicht nur zwei Mannschaften, sondern Geschichten aufeinander, deren Brisanz erhalten bleiben muss. So lautete angeblich die Antwort des sowjetischen Wembley-Linienrichters Tofiq Bährämov auf die Frage, wie er sicher sein könne, dass der Ball hinter der Linie war, schlicht: "Stalingrad". Übertechnisierung, perfekte Darbietung und digital herbeigerufene Gerechtigkeit sind langweilig. Wenn nicht mehr, wie von der Fifa 2009 entschieden, der Mensch im Vordergrund steht, sondern die Technik, wäre das das Ende der Faszination Fußball. Chipstüte und Fußball gehen gut zusammen. Der Chip im Ball möge uns erspart bleiben.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)

Nachtrag vom 7. Juli 2010, 14:00 Uhr:

Auf Anfrage von Golem.de hat Cairos sein Preismodell näher erläutert und erklärte: "Wir haben der Fifa ein Businessmodell vorgeschlagen, bei dem auch 'ärmere' Ligen zum Zug kommen können. Wir verlangen eine Lizenzgebühr für die Nutzung des Systems in Höhe von 25 Prozent der Schiedsrichterkosten. In Deutschland kosten vier Schiedsrichter pro Spiel 10.000 Euro. 25 Prozent davon, also 2.500 Euro, wären dann pro Spiel für uns fällig. In anderen Ligen könnten das auch nur 250 Euro oder noch weniger sein; je nachdem wie dort die Schiedsrichter bezahlt werden. Die Installationskosten für die Systeme sowie die Kosten für die Produktion der Chips etc. würden bei diesem Geschäftsmodell von Cairos komplett übernommen werden." Die Preisangabe wurde im Artikel entsprechend korrigiert.


Roeue 09. Jul 2010

Chips im Ball sind doch auch noch manipulierbar, denn an die Uhr wird ja nen Funksignal...

Ritter von NI 09. Jul 2010

... nur bei groben Unsportlichkeiten und Tätlichkeiten, die der Schiedsrichter übersehen...

Hartmut Braun 09. Jul 2010

...beachtlich das zu mind. 3 verschiedenen Gesichtern jedes mal die Einblendung "Hartmut...

Ford Prefect 08. Jul 2010

Ich versteh den Autoren wirklich nicht. Fussball ist schön und spannend anzusehen weil...

Treadmill 08. Jul 2010

Und was wäre gewesen bei Endstand 2:1, während jeder gewusst hätte, dass es 2:2 hätte...

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