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IMHO: Grafikmarkt goes GagaRückfall in alte Untugenden
Wer eine GTX-280, -285, -295 oder eine Radeon 4870, X2 oder 4890 hat, also eine Grafikkarte, die - weil mindestens ein halbes Jahr alt - nach den Gesetzen dieses besonderen Marktes schon als veraltet gelten sollte, der packe noch ein paar Lüfter drauf, gönne dem Schätzchen ein zuverlässiges Netzteil und halte die alte Dame in Ehren.
Natürlich soll vor Weihnachten für die ersten DirectX-11-Spiele wie das neue Stalker oder Dirt 2 eine 5970 her - viel Glück beim Suchen. Und bei der Erklärung für die Holde oder den Bankberater, warum dafür jetzt 600 Euro fällig sind. Nicht vergessen: Noch vor wenigen Wochen kostete eine der schnellsten Grafikkarten unter 400 Euro. Der Preis für das High-End ist gerade um 50 Prozent gestiegen. Der Markt für Spielehardware boomt wieder, und die Regeln der Vernunft sind wieder außer Kraft gesetzt. Solche Tarife waren bis vor anderthalb Jahren gang und gäbe, ja. Nur hatte AMD mit der Serie Radeon 4000, deren Topmodell 4870 schnell unter 200 Euro fiel, das Preisgefüge wieder auf ein vernünftiges Maß gebracht. Das echte High-End mit übertakteten Karten, solchen mit Wasserkühlungen oder sinnlosen 2-GByte-Modellen mit einer GPU starb zwar nie aus, die Oberklasse bot jedoch so viel Leistung wie nie zuvor. Da der bisherige Technologieführer Nvidia seinen Fermi nicht so schnell aus dem Hut zaubern kann wie geplant, will AMD nun absahnen - und die Händler gleich mit. 559 Euro beträgt die unverbindliche Preisempfehlung, an die sich niemand hält. Zwei Tage nach dem Marktstart kündigte ein Hersteller seine 5970 für 549 Euro an, und schwupps landete sie bei einem großen deutschen Versender für 619 Euro. Die Gewinnerzielungsabsicht ist gerade dem finanziell schwer angeschlagenen Unternehmen AMD kaum vorzuwerfen. In drei Monaten drei Grafikserien auf den Markt zu werfen, von denen nicht einmal die erste vernünftig verfügbar ist, dagegen schon. Dass Chiphersteller TSMC mit seinem 40-Nanometer-Prozess Probleme hat, ist lange bekannt, nur interessiert das AMD nicht. Nachdem sich Nvidia mit der Fermi-Attrappe eine blutige PR-Nase geholt hatte, ist der nun technisch Unterlegene da schon vorsichtiger geworden: Vollmundige Ankündigungen, wie von Nvidia sonst gewohnt, gibt es nicht mehr, sondern eine neue Informationspolitik. Wenn Intel zum Teil jahrelang kleine Informationshäppchen zu neuen Prozessoren verteilt, ist das Salamitaktik. Nvidia dagegen will mit wöchentlichen Twitter-Posts dagegen gleich die Hackfleischtaktik erfinden: Da, Journalist, hier hast du dein Krümelchen Information, damit unser Phantom-Fermi auch schön in den Schlagzeilen bleibt - und keiner bis dahin eine andere Karte kauft. Apropos Intel. Die Branchenbeobachter mit den ganz großen Kristallkugeln haben für deren Larrabee schon zwei Jahre Verspätung ausgemacht, die ersten Demos waren enttäuschend. Und für die auch angepeilte Supercomputerkundschaft wird dann mal eben ein übertaktetes Vorserienmodell mit "1 Teraflops" präsentiert. Nicht, dass diese Angabe mit sonst bei Grafikkarten üblichen Daten vergleichbar wäre. Den Unterschied zwischen einfacher und doppelter Genauigkeit, FMADD-Schleifen und echten Algorithmen kapiert sowieso keiner. All das ist FUD: Fear, Uncertainty and Doubt. Die übelste PR-Strategie, die die Spin-Doktoren der Unternehmen zu bieten haben. Wer darauf hereinfällt, kauft zu völlig überzogenen Preisen eine Radeon 5970. Oder wartet auf Fermi. Oder noch länger auf Larrabee. Konkurrenz belebt das Geschäft und das High-End treibt in der IT die Innovation voran. Im Moment scheint die Grafikindustrie die Käufer aber eher in die offenen Arme der Konsolenhersteller zu treiben, die deutlich berechenbarer sind. Und für eine 600-Euro-Karte gibt es zwei Playstation 3 mit Spielen und Zubehör. Eine für das Wohnzimmer, eine fürs Schlafgemach. Für Weihnachten vielleicht keine schlechte Idee. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach) (nie)
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