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Interview: Weniger Sex durch Onlinerollenspiele?

Gespräch mit Edward Castronova über MMOGs, Politik und Demokratie

Edward Castronova ist Experte für virtuelle Welten und Associate Professor an der Indiana University. Er sieht Parallelen zwischen Politik und den Designentscheidungen von MMOG-Entwicklern. Golem.de sprach mit Castronova bei einer Konferenz des europäischen Unterhaltungssoftwareverbands ISFE in Brüssel.

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Edward Castronova, Associate Professor an der Indiana University
Edward Castronova, Associate Professor an der Indiana University
Edward Castronova lehrt als Director of Graduate Studies im Fachgebiet Telekommunikation an der Indiana University in in Bloomington (Indiana/USA) und teilt mit vielen seiner Studenten die Vorliebe für Massively Multiplayer Games (MMOG). Er hält virtuelle Welten zwar für echte Wohltaten, befürchtet aber auch, dass MMOGs dazu führen, dass die Geburtenraten sinken. Nach "Synthetic Worlds" hat Castronova sein zweites Buch zum Thema MMOGs veröffentlicht: "Exodus to the Virtual World". Die Taschenbuchausgabe erscheint am 11. November 2008. Darin prognostiziert er unter anderem, weniger privilegierte Menschen würden immer häufiger eine Ersatzexistenz in virtuellen Welten aufbauen, weil sie dort Erfolg haben und Bestätigung erfahren, gerade wenn ihnen dies im echten Leben verwehrt bleibt.

Golem.de: Herr Castronova, in Ihrem aktuellen Buch vertreten Sie die Meinung, dass "Onlinespaß die Realität verändert", dass es starke Parallelen zwischen Politik und Gesetzgebung der echten und virtuellen Welten gibt. Was meinen Sie damit genau?

Edward Castronova: Wenn MMOG-Entwickler Entscheidungen über ihre virtuellen Welten treffen, dann müssen sie darüber nachdenken, wie sie die Interessen der Spieler ausbalancieren. Wenn sie eine Entscheidung treffen, die nicht gut bei den Spielern ankommt, dann werden diese dem MMOG den Rücken kehren. Die Entwickler müssen also erkennen, dass sie mit einer Entscheidung etwas Gutes für die eine Gruppe tun und etwas Schlechtes für eine andere Gruppe. Und sie müssen ihre Entscheidung dann sauber kommunizieren, den Leuten die Gründe dafür erklären, und so weiter.

Diese Notwendigkeiten erfordern ein Verhalten und eine Denkweise von den Entwicklern, wie sie auch Politiker an den Tag legen müssen. Denn die sehen sich genau denselben Aufgaben gegenüber: die Interessen verschiedenster Gruppen gegeneinander abzuwägen, herauszufinden, was das Volk will, und als Resultat vernünftige Gesetze oder Regeln zu erlassen. Ich glaube, dass bei MMOG-Entwicklern und Politikern dieselben mentalen Prozesse ablaufen, und das habe ich in meinem Buch beschrieben.

Golem.de: MMOGs scheinen allerdings in ihrer zivilisatorischen Entwicklung ein gutes Stück hinter der echten Welt zurück zu sein, zumindest wenn man typische westliche Demokratien als Standard nimmt. Man denke an despotische Tendenzen in vielen WoW-Gilden oder EVE-Online-Corporations. Auch der Umgangston auf vielen Servern ist keiner, den man sich auf der Straße oder beim Bäcker wünschen würde. Müssen MMOGs die Entwicklung moderner Gesellschaften sozusagen im Zeitraffer nachholen?

Castronova: Das ist eine sehr akkurate Umschreibung dessen, was ich auch sehe. In virtuellen Welten sehen wir alle möglichen Formen menschlicher Organisationen, von mafiaartigen Konstrukten bis zu demokratischen. Wir beobachten friedliche Verhältnisse und kriegerische. Es gibt schreiende Ungerechtigkeiten, was die Verteilung von Reichtum und Macht anbelangt. Und anderswo sind Reichtum und Macht gleichmäßig verteilt.

Dies alles sind Beispiele dafür, wie gewisse Grundstrukturen dazu führen, dass wir die Gesellschaft erschaffen, die wir haben wollen. EVE Online hat sein unbarmherziges Universum aufgrund von Designentscheidungen! Die Entwickler wollten, dass man sich mit Gewalt durchsetzen kann, und deshalb finden sich in diesem MMOG all diese Machthierarchien. In anderen virtuellen Welten bringt dich Gewalt nicht sehr weit, also herrschen dort eher Frieden und Egalität. Das weist aus meiner Sicht auf eine helle, freundliche Zukunft hin: Wir können in virtuellen Welten Regeln ausprobieren und mit Formen des Zusammenlebens experimentieren, die zu glücklichen, in sich ruhenden, liebenden Menschen führen.

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