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Open Source und Nachhaltigkeit

Vorabveröffentlichung aus dem Open Source Jahrbuch 2008 (Autor Thorsten Busch)

Bereits im fünften Jahr in Folge gibt die Arbeitsgruppe "Open Source Jahrbuch" um Prof. Dr. Bernd Lutterbeck ihr Standardwerk zu Open Source, Open Access und verwandten Themen heraus. Beiträge aus Wirtschaft, Recht und Soziologie sollen einen umfassenden Überblick über die Entwicklung von freier Software und freiem Zugang zu Inhalten geben. Golem.de veröffentlicht vorab daraus einen Aufsatz von Thorsten Busch zum Thema "Open Source und Nachhaltigkeit". Erhältlich ist das Open Source Jahrbuch 2008 ab dem 4. März 2008 unter opensourcejahrbuch.de sowie im Buchhandel.

Open Source und Nachhaltigkeit
[von Thorsten Busch, Institut für Wirtschaftsethik, Universität St. Gallen]

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Open Source Jahrbuch 2008
Open Source Jahrbuch 2008
Gute Nachrichten für Weltverbesserer: Open-Source-Software kann dabei helfen, nachhaltig zu wirtschaften. Der Aufsatz zeigt dies anhand der Debatte um den Digital Divide. Zu dessen Überwindung können (und müssen) nicht nur Staaten und Non-Governmental Organizations (NGOs), sondern auch Unternehmen einen entscheidenden Beitrag leisten. Zunächst wird geklärt, was unter Nachhaltigkeit zu verstehen ist und das Problem des Digital Divide erläutert. Um sich der Rolle von Unternehmen in diesem Kontext anzunähern, werden wirtschaftsethische und strategische Konzepte angewandt. Es zeigt sich, dass Nachhaltigkeit mehr ist als Umweltschutz, und dass die hier verwobenen Probleme jeweils nur gemeinsam zu denken sind. Open-Source-Software macht es möglich, Ethik und Geschäft zu verbinden, und zwar integer, nicht opportunistisch.

1 Nachhaltigkeit, ein omnipräsenter, aber unklarer Begriff

Die Grundidee ist simpel: Man schlage nicht mehr Holz, als nachwächst, denn sonst ist irgendwann kein Holz mehr da. Auf diese knappe Formel lässt sich die regulative Idee Nachhaltigkeit bringen, die aus der Forstwirtschaft des frühen 18. Jahrhunderts stammt. Populär wurde der Begriff 'nachhaltige Entwicklung' (sustainable development) in den 1980er-Jahren durch die World Commission on Environment and Development, nach ihrer Vorsitzenden Brundtland-Kommission genannt, sowie durch die Konferenz von Rio 1992 und die daraus folgende Agenda 21. Das Wort nachhaltig ist heute in den Medien omnipräsent, dies heute allerdings inhaltsleer beziehungsweise eher im Sinne von langfristig oder nachdrücklich. Was bedeutet der Begriff also? Die Brundtland-Kommission definiert ihn in ihrem 1987 erschienenen Bericht folgendermaßen: "Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs." (World Commission on Environment and Development 1987, S. 54)

Was zunächst simpel und einleuchtend klingt, erweist sich auf den zweiten Blick als umstrittenes Konzept. Unklar ist etwa, welche Rolle dem Wirtschaftswachstum zukommt. So heißt es im Brundtland-Bericht: "Sustainable development seeks to meet the needs and aspirations of the present without compromising the ability to meet those of the future. Far from requiring the cessation of economic growth, it recognizes that the problems of poverty and underdevelopment cannot be solved unless we have a new era of growth in which developing countries play a large role and reap large benets." (World Commission on Environment and Development 1987, S. 51)

Diese Position wird vielfach vertreten, so etwa auch von der Weltbank in ihrem World Development Report 2003 (vgl. Shalizi 2003). Aus dieser Wachstumsorientierung aber ergibt sich wiederum ein Problem: Da Wirtschaftswachstum nach wie vor an den massiven Verbrauch natürlicher Ressourcen gekoppelt ist und die Umwelt oftmals stark verschmutzt, läuft es dem Ziel intertemporaler Nachhaltigkeit zuwider, zumindest im Bereich der stofflichen Ökonomie. Software als Immaterialgut verbraucht zwar nur indirekt natürliche Ressourcen, es kommt primär auf die Hardware an. Allerdings kann Software ihren Teil zur Ressourceneinsparung beitragen, indem sie etwa die Energiesparfunktionen moderner Chips besser nutzt. Denn wenn die heutige Generation die natürlichen Ressourcen übernutzt, so werden zukünftige Generationen von Menschen selbstverständlich auf jene verzichten müssen - jeder Liter Öl kann eben nur einmal verbraucht werden.

In der Debatte wird außerdem oft davon ausgegangen, Nachhaltigkeit ruhe auf den drei gleichrangigen Säulen Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft, doch werden diese drei Säulen dann in der Praxis häufig gegeneinander ausgespielt, und zwar eben zugunsten einer auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Politik (vgl. Pfriem 2006, Unternehmensstrategien. Ein kulturalistischer Zugang zum Strategischen Management, S. 354-358).

Die Weltbank etwa hält Nachhaltigkeit ohne Wachstum gerade in Entwicklungsländern für unmöglich, was einer auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftspolitik eine klare Priorität einräumt. Die Argumentation lautet dann entsprechend: Erst einmal brauchen wir Wachstum, danach können wir in Umweltschutz investieren, so zu beobachten etwa in China, wo die Umweltprobleme mittlerweile sehr groß sind. Paech (2005) hingegen fasst die fundamental-ökologische Position in dieser Debatte zusammen: "Ernst zu nehmende Zweifel daran, dass die bisherige gesellschaftliche Entwicklung ein tiefes Ungleichgewicht zu Lasten ökologischer Erfordernisse hervorgebracht hat, dürften [...] kaum mehr bestehen. Damit wäre [...] ökologischen Belangen auf nicht absehbare Zeit eine Priorität einzuräumen." (Peach 2005, Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum, S. 94)

Wie Paech (2005) zeigt, ist es allerdings verfehlt, die drei genannten Dimensionen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft als Ziele von Nachhaltigkeit zu sehen. Das Ziel ist vielmehr das sogenannte Übertragbarkeitskriterium: Nachhaltig ist eine Entwicklung dann, wenn nicht nur die Bedürfnisse von heute auch morgen noch erfüllbar (intertemporale Dimension), sondern die Ressourcen von heute auch gerecht auf dem Globus verteilt sind (intratemporale Dimension). Lebens- und Wirtschaftsstile müssen also zeitlich und räumlich übertragbar sein. Und aus diesem Ziel ergeben sich dann konkrete Handlungsfelder, in denen versucht werden muss, Wachstumszwänge abzubauen, nämlich Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft (vgl. Paech 2005, S. 96).

Was heißt das für die IT-Branche? Zunächst einmal dürfte klar sein, dass Computerhardware eine enorme Umweltverschmutzung verursacht. Die Herstellung eines Rechners verbraucht endliche Ressourcen wie etwa Edelmetalle, es wird viel Energie bei der Produktion aufgewandt, und schließlich braucht man Strom, um mit einem Computer zu arbeiten. Und dieser Energieverbrauch steigt immer weiter an: So hat sich etwa der Stromverbrauch US-amerikanischer Server von 2000 bis 2005 auf fast 45 Milliarden Kilowattstunden verdoppelt, was einem Anteil von 1,2 Prozent am gesamten Stromverbrauch der USA entspricht. Weltweit verbrauchten Server im Jahr 2005 insgesamt 123 Milliarden Kilowattstunden Energie im Wert von 7,3 Milliarden US-Dollar.

Ist ein Computer eines Tages am Ende seiner Lebensdauer angelangt und nicht mehr einsatzfähig, muss man einige Kilo Sondermüll entsorgen. Und da heutige Software mit immer aufwendigeren Grafiken und Multimedia-Inhalten nach immer mehr Hardwareressourcen verlangt, gehören PCs auch schneller zum alten Eisen: So kommentierte Greenpeace zur Einführung von Windows Vista, man befürchte, es werde nun zu einer Flut von Elektroschrott kommen. Würde man also weltweit jeden Menschen mit einem handelsüblichen PC ausstatten, ergäben sich die gleichen Probleme, die jetzt schon im Automobil-Sektor zu begutachten sind. Mit einem nachhaltigen Wirtschaftsstil hätte dies nichts mehr zu tun. Daher ist es zu begrüßen, dass mit der Debatte um den Klimawandel auch das Stichwort Energieeffizienz auf die Agenda der IT-Branche gesetzt wird. Hersteller wie Intel und AMD versuchen heute nicht mehr, einfach nur mehr Leistung aus ihren Chips zu gewinnen, sondern mehr Leistung pro Watt. Und auch Softwareanbieter haben erkannt, dass sie helfen können, Strom zu sparen, so zum Beispiel Novell mit seiner Energieefzienzinitiative. Auch auf der CeBIT im Jahr 2007 war Energieeffizienz ein großes Thema und viele Unternehmen haben versucht, damit zu werben, so etwa Google, Dell und AOL (vgl. Riedl 2007, "Ein Baum für jeden Rechner", Süddeutsche Zeitung vom 15. März 2007). Darüber hinaus ist es laut dem Freiburger Öko-Institut wahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren das Fair-Trade-Prinzip zunehmend auch auf Computer angewandt werden wird. Und neben einer Strategie der Technikvermeidung lassen sich auch Innovationen nutzen, um den Ressourcenverbrauch mittels effizienterer Technik zu minimieren.

Open Source und Nachhaltigkeit 

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Typograph 04. Mär 2008

Habt ihr euch einmal das PDF etwas genauer angeschaut? Das ist ja einfach nur gruselig...

blubber-bob 03. Mär 2008

Schön und gut, die Lizenzdebatte wird ja hier und anderswo des öfteren geführt... Aber...



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