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Golem.de: Welche Hoffnungen liegen in dem Versuch, schwarze Löcher mit dem LHC zu kreieren?
Michelangelo Mangano (CERN): Zunächst ist es das Hauptziel, mit dem Large Hadron Collider den Higgs-Mechanismus – ein theoretisches Erklärungsmodell für asymmetrisches Verhalten von Elementarteilchen – zu überprüfen. Doch natürlich werden wir versuchen, das Meiste aus dem LHC herauszuholen. Falls es möglich ist, schwarze Löcher zu generieren und dann zu untersuchen, werden wir das natürlich tun. Allerdings reden wir hier nicht von schwarzen Löchern, wie sie von Einstein oder Hawking beschrieben werden – also jenen, die wir als ausgelöschten Stern im Weltall beobachten können. Dazu bräuchte man 10 hoch 16 Mal mehr Energie als wir am CERN zur Verfügung haben. Wir reden hier von mikroskopisch kleinen schwarzen Löchern, von denen es bisher nur theoretische Modelle gibt, wir also gar nicht wissen, ob sie überhaupt existieren. Wenn wir sie allerdings bei unseren Versuchen entdecken, dann würde das beweisen, dass unser Universum nicht nur aus vier Dimensionen (drei Raumdimensionen plus die Zeit), sondern aus viel mehr Dimensionen besteht. Dies würde die Wahrnehmung unserer Umwelt revolutionieren! Denken Sie nur an die Umbrüche in der Philosophie und Kunst, die die Relativitätstheorie hervorgerufen hat! Das wäre eine Sensation! Ähnlich den Phöniziern, die den Magnetismus entdeckt hatten und somit dank des Kompasses ihre Schiffe sicherer navigieren konnten – ohne allerdings zu wissen, dass sie damit die Voraussetzung für Elektrizität und unsere moderne Zivilisation entdeckt hatten. Golem.de: Wieso denken Sie, dass es nicht gefährlich ist, schwarze Löcher zu erschaffen? Mangano: Wir sind uns der Sorgen bewusst, die in der Öffentlichkeit kursieren. Das CERN wird in ungefähr einem Monat eine Broschüre zum Thema veröffentlichen. Wir haben hier alle Familie, Freunde, Kinder und Verwandte und wir würden sie nie Gefahr aussetzen. Wir haben uns hier sehr intensiv mit diesen Fragen beschäftigt. 99,99 Prozent meiner Kollegen glauben, dass die schwarzen Löcher zerstrahlen werden. Nichtsdestotrotz nehmen wir in der genannten Publikation an, dass sie stabil bleiben könnten. Doch selbst dann sollten sie ungefährlich sein: Schwarze Löcher bewegen sich sehr schnell. Somit würden sie theoretisch direkt durch die Erde hindurchfliegen. Schwarze Löcher verhalten sich ein wenig wie das elektrisch neutrale Neutrino. Sie reagieren nur sehr langsam und können durch mehrere tausend Kilometer Eisen fliegen, bevor sie überhaupt mit etwas zusammenstoßen. Jene, die etwas langsamer wären und von der Erdanziehung eingefangen würden, blieben zwar im Erdkern bestehen und könnten tatsächlich Materie aufnehmen. Doch würden sie selbst nach 5 Milliarden Jahren - die Zeit, bis die Sonne erlischt - nur ein paar Kilogramm wiegen. Golem.de: Woher wissen Sie das? Mangano: Wenn sie stärker reagieren würden, gäbe es keine Neutronensterne im Weltall. Das Universum ist voll mit kosmischen Strahlen, also hochenergetischen Strahlen, die bei der Explosion von Sternen entstehen. Diese kann man von der Erde aus beobachten. Die meisten dieser Strahlen haben eine erheblich höhere Energie als wir im LHC jemals produzieren könnten. Also wenn das LHC schwarze Löcher kreieren kann, können diese Strahlen es auch. Zudem lässt sich beobachten, dass jeder Neutronenstern, den wir im Universum entdeckt haben, schon von einer großen Zahl solcher kosmischen Strahlen bombardiert wurde und demnach voll mit schwarzen Löchern sein könnte. Neutronensterne haben allerdings eine viel höhere Dichte. Die Materie dort ist 10 Billionen (10.000 Milliarden) Mal dichter als in der Erde, weshalb ein schwarzes Loch – wenn es tatsächlich Schaden verursachen würde – einen solchen Stern 10 Milliarden Mal schneller "fressen" und quasi sofort zerstören würde. Wir wissen aber von Neutronensternen, die 100 Millionen Jahre alt sind. [Die Interviews führte Michael Liebe] (ji)
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