Interview: Fast mehr als ein Weblog

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Netzeitung: Irgendwie erinnert mich Spreeblick an ein gutes Musik-Fanzine, gemacht mit anderen, moderneren Mitteln. Haben Sie irgendwann mal ein Fanzine herausgegeben?

Haeusler: Nein, nur eine Schülerzeitung. So 1979/80 muss das gewesen sein, es war das "Heimatblatt" des Canisius-Kollegs im Bezirk Tiergarten. Da ging es zwar auch um Punkrock, es war aber kein Fanzine. Der Verkauf in der Schule wurde verboten, das hat uns sehr stolz gemacht. Und wir haben viel Geld damit verdient, weil einer von uns den ganzen kleinen Läden in Spandau Anzeigen für 50 Mark verkauft hat. Bei "Plan B" haben wir auch eine eigene Bandzeitung gemacht. Aber Ihren Hinweis aufs Fanzine begreife ich als Kompliment. Im Idealfall decken Blogs heute das ab, was Fanzines früher abgedeckt haben.

Netzeitung: Und das ist?

Haeusler: Es geht nicht um die Themen selbst, sondern um die Art, wie man es macht: leidenschaftlich und radikal subjektiv die eigene Meinung im kleinen Kreis verbreiten. Früher mit der Kultur des Fotokopierens, heute im Blog. Plötzlich merkst du aber, dass jeden Tag einige tausend Leute deine Beiträge lesen und du fängst an, das eigene Schreiben zu überdenken. Um Missverständnisse zu vermeiden. Das kann auf Kosten von Leidenschaft und Subjektivität gehen. "Either you get it or you don't", diese Einstellung hatte ich lange, habe sie jedoch abgelegt, um mehr Leute erreichen zu können.

Netzeitung: Das klingt nach einer Professionalisierung, die sich mit dem Fanzine-Charakter nun gar nicht mehr verträgt.

Haeusler: Ich bin kein Hobby-Typ, der irgendwas nebenher macht. Wenn mich etwas packt, dann soll es zu meinem Lebens- und Arbeitsinhalt werden. So ist das auch mit Spreeblick. Das ist ja mehr als nur ein Weblog. Spreeblick ist ein Online-Verlag, der verschiedene Weblogs entwickelt, betreut und vermarktet. Eigentlich sollen die Blogs gemeinsam vermarktet werden. Aber das mit den Zugriffszahlen funktioniert immer noch nicht so richtig. Nur die wenigsten Spreeblick-Besucher sehen sich auch regelmäßig unsere anderen Blogs an.

Netzeitung: Kein Wunder bei Spezialistenblogs wie d-frag.de über Computerspiele oder zoomo.de über Radio und Fernsehen. Gibt es von solchen Blogs nicht schon mehr als genug?

Haeusler: Nicht unbedingt. Das Problem ist vielmehr eines der Verortung im Netz. Die Besucher wollen offensichtlich nur ein, zwei Blogs lesen. Wenn ich von Spreeblick auf ein anderes unserer Blogs verlinke, dann folgen die Besucher dem Link manchmal. Aber im absurdesten Fall lesen sie einen Artikel auf d-frag und kommentieren ihn dann doch wieder auf Spreeblick. Da fühlen sie sich scheinbar zu Hause.

Netzeitung: Kann ein einziger Artikel ein Blog für immer verändern? Den größten Besucherandrang hatte Spreeblick nach einem satirisch-kritischen Artikel über den Klingeltonanbieter "Jamba!".

Haeusler: Zeitweilig haben uns damals eine Million Leute besucht, vorher waren es ein paar hundert, in guten Tagen knapp über tausend. Das war schon lustig. Und es war beängstigend. Das ist, als ob plötzlich tausende Leute in deine Wohnung stürmen. Danach hat sich die Besucheranzahl bei 2.000 Leuten eingependelt. Heute sind es zwischen 6.000 und 12.000 pro Tag. Nur wenn mal was ganz Besonderes zu sehen ist wie neulich das Grup-Tekkan-Video ("Sonnenlischt"), bevor es so richtig bekannt wurde, schnellen die Zahlen auch mal auf 150.000 hoch. Von diesen Besuchern bleiben dann aber kaum welche bei uns hängen. Da hätten wir richtig Geld mit verdienen können - die Band anrufen, vorschlagen, ein MP3 gegen 50 Cent Gebühr auf die Seite stellen, den Gewinn mit der Band teilen -, aber wir haben es zu spät realisiert und uns vor allem gegen das schnelle Geld gewehrt, was einige Leute für dumm halten.

Netzeitung: Aber Gebühren und Weblogs gehen doch gar nicht zusammen. Selbst im Rest des Internets gehen die meisten Leute offline, wenn sie zum Bezahlen aufgefordert werden - außer auf Pornoseiten.

Haeusler: Sehe ich nicht so, im Netz wird doch Geld bezahlt. Das funktioniert überall dort, wo man dafür Qualität bekommt. Natürlich nicht bei einem dieser Spiegel-Online-Dossiers, die aus alten Artikeln bestehen und nur thematisch zusammengefasst werden. Aber irgendwann werden wir lieber etwas bezahlen, damit wir nicht mit immer mehr Werbung zugeschüttet werden.
Das bedeutet nicht, dass Weblogs kostenpflichtig werden. Wir bei Spreeblick müssen mehr Sponsoren finden und ihre Produkte oder Dienstleistungen intelligent und witzig mit unseren Angeboten verknüpfen. Bestimmt ließe sich etwa ein Sponsor für das Musikrätsel finden, das ich regelmäßig in unseren Podcasts mache. Damit sich das lohnt, muss Spreeblick noch weiter wachsen.

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drexen 26. Mai 2006

Danke, ein sehr schönes Interview, das mich dazu gebracht hat diverse Blogs (unter...

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problematik.net / 26. Mai 2006

the godfather of german blogging



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