Interview: Linux auf dem Desktop ist kein Tabu mehr
Golem.de: Der Ansatz, den GCC dabei aber verfolgt, konzentriert sich nicht nur auf einige wenige Plattformen, oder?
Tiemann: Richtig. Jede Plattform wird davon profitieren, Software-Pipelining beschleunigt jede Plattform, die zwei oder mehr Kerne unterstützt, was praktisch alle angekündigt haben und was PowerPC schon heute tut.
Es ist wahr, dass die proprietären Compiler-Hersteller viel Geld zur Verfügung haben, um es in ihre proprietären Compiler zu investieren, aber GCC hat sich in der Vergangenheit wiederholt gegen ernst zu nehmende Wettbewerber durchgesetzt. Die Änderungen, die durch Tree-SSA jetzt Einzug in GCC halten, stellen, wenn man sich Diegos Ankündigung ansieht, fast eine komplette Neuentwicklung von GCC dar.
Golem.de: Wo liegen heute die größten Probleme für Open Source und freie Software?
Tiemann: Probleme? Es ist immer schwierig, über die Probleme zu reden, wo es doch so viele Möglichkeiten gibt!
Golem.de: Dann lassen Sie uns über die Möglichkeiten sprechen.
Tiemann: Es gibt große Möglichkeiten im Bereich der Unix-zu-Linux-Migration, denn das spart den Leuten Geld und erlaubt Leistungssteigerungen, wo sie zuvor auf einem Leistungsniveau festsaßen. Und es passiert, da sich so zwei CPUs durch eine ersetzen lassen, was wiederum Lizenzkosten spart und zu Rechenzentren führt, die sich einfacher steuern lassen.
So lange wir beobachten können, dass Milliarden US-Dollar für proprietäre Unix-Technologien ausgegeben werden, gibt es Chancen in Milliardenhöhe für Unix-zu-Linux-Migrationen.
Eine der größten Herausforderungen ist aber der Desktop. Auch wenn die Community schon lange daran arbeitet, haben wir damit gerade erst angefangen, beispielsweise mit unserer Ankündigung des Red Hat Linux Desktop. Ich denke, die Desktop-Migration wird wirklich eine Herausforderung.
Die Migration bei Desktops beginnt aus einer Vielzahl von Gründen: Einige machen es, um einen höheren Grad an Sicherheit zu bekommen, einige machen es, um die Verwaltung der Rechner zu vereinfachen, einige um mehr Flexibilität oder eine bessere Verhandlungsposition zu erreichen, einige denken an geringe Kosten. Wie auch immer die Gründe liegen, die Herausforderung liegt darin, dass seit Jahren ein Monopol existiert und je näher man sich dem Desktop nähert, desto größer wird die Macht des Monopols.
Das Open-Source-Modell hat gute Dienste geleistet, proprietäre Software im Server-Bereich zu verdrängen. Mein Notebook läuft seit Jahren unter Linux, es ist also keine Frage, ob es funktioniert. Ich glaube aber nicht, dass große Unternehmen mit Milliardenumsätzen einfach auf Linux umsteigen, nur weil es die bessere Lösung ist. Auch wenn das aus einer makroökonomischen Perspektive für jede Volkswirtschaft der Welt die beste Lösung wäre.
Golem.de: Dann muss sich aber einiges geändert haben. Noch im letzten Jahr hieß es bei Red Hat, der Desktop sei kein Thema?
Tiemann: Nun, die Dinge ändern sich. Noch im Jahr 2001 sagte ich vor Gericht, dass, wann immer ich einem Kunden, der gute Erfahrungen mit Linux im Server-Bereich gemacht hatte, auf eine Desktop-Migration ansprach, das Treffen vorbei war. Das war wie eine rote Linie, und sobald man nur in deren Richtung schaute, flog man raus.
Für mich war das kein rationales Verhalten von Geschäftsleuten, und das wurde auch im Kartellverfahren gegen Microsoft untersucht. Wenn man also zu dieser Zeit zu einem Kunden ging, um das Thema Desktop anzusprechen, flog man raus; glauben Sie, das ist ein guter Markt, in dem man sich bewegen sollte? Nicht wirklich.
Aber die Dinge haben sich geändert, unter anderem, da die Open-Source-Community fantastische Arbeit geleistet hat, die man heute nicht mehr ignorieren kann. Zudem hat sich das Marktumfeld verändert. Auch die anhaltenden Sicherheitsprobleme und andere technische Unzulänglichkeiten haben ihren Teil dazu beigetragen. Es wird also immer klarer, dass der Kaiser keine Kleider trägt.
Waren diese Fragen vor drei Jahren noch ein absolutes Tabu, rufen mich die Kunden heute zurück und fragen gezielt danach.
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